03.05.2010, 17:39 Uhr
Der Kiez steht Kopf und feiert die Rückkehr von St. Pauli ins Fußball-Oberhaus. (Foto: dpa)Versteckt hinter dunklen Sonnenbrillen waren die Aufstiegs-Helden des FC St. Pauli in Hamburg aus dem Flugzeug geklettert. Müde, aber dennoch gierig nach Jubel, Trubel, Heiterkeit. Nach achtjähriger Erstliga-Abstinenz möchte die Mannschaft die Rückkehr in den erlauchten Kreis des deutschen Elite-Fußballs am liebsten nonstop feiern. Schließlich steht am 15. Mai auch noch die 100-Jahr-Feier des Vereins an. "Wir werden jetzt 14 Wochen lang feiern", kündigte Torjäger Marius Ebbers vollmundig an.
Trainer Holger Stanislawski rief zunächst zwei Party-Tage aus: "Montag und Dienstag wird gefeiert. Am Mittwoch ist wieder Fußball", sagte der Coach. Hunderte Fans hatten ihn und seine Mannschaft am Flughafen mit Sprechchören ("We love St. Pauli", "Nie mehr 2. Liga") in Empfang genommen und ließen sich in ihrer Euphorie auch nicht vom Hamburger Schietwetter die Stimmung vermiesen.
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Gemeinsam mit den Fans hatten auch viele Ehefrauen und Freundinnen der Kiezkicker die Ankunft des Teams erwartet, die erst mit knapp einstündiger Verspätung erfolgte. Dafür waren alle dabei - entgegen vorheriger Befürchtungen des Trainers: "Um vier Uhr früh treffen wir uns, um fünf Uhr wollen wir abreisen. Die Stunde dazwischen brauchen wir wohl, um die Hotelgänge nach irgendwelchen Spielern zu durchsuchen", hatte Stanislawski mit einem Augenzwinkern erklärt.
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Die Feierlichkeiten forderten aber auch ihren Tribut. "Wir haben einen Verlust zu beklagen: unseren Geschäftsführer", gestand Sportchef Helmut Schulte und fügte schmunzelnd hinzu: "Der war nicht transportfähig."
Die Rückreise per Flieger sei entspannt gewesen, berichtete Stanislawski. "Im Flugzeug gibt es ja nur Kaffee und Wasser. Von daher war das ein kleiner Abturner. Nachher geht es aber wieder richtig los." Einige hätten gar nicht geschlafen, gestand der Coach mit kleinen Augen. Auch die Fans hatten die Nacht zum Tag gemacht. Die 9000 nach Fürth gereisten Anhänger feierten in Mittelfranken mit den Spielern, mehr als 10.000 St.-Pauli-Sympathisanten machten auf dem Hamburger Kiez ein Fass auf. Die Reeperbahn musste für den Verkehr gesperrt werden.
Bevor Stanislawski nach dem entscheidenden 4:1 in Fürth "das eine oder andere Kaltgetränk" genoss, hatte er sich außerhalb des Stadions eine ruhige Ecke zur gedanklichen Einkehr gesucht. Die Pressekonferenz musste ohne den Hauptverantwortlichen des fünften Bundesliga-Aufstiegs der Vereinsgeschichte stattfinden. "Den Aufstieg widme ich meiner Mutter, die schon sehr lange krank ist", sagte der 40 Jahre alte Fußballlehrer.
Nahezu unter ging im Jubel eine betrübliche Nachricht: Torwart Mathias Hain hatte sich im Spiel bei einem Zusammenprall mit dem Fürther Stephan Fürstner eine Fraktur der Kieferhöhle und eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen und muss sich nun einer Operation unterziehen. Dem 27 Jahre alten Schlussmann wird eine Mini-Platte zur Stabilisierung der Kieferhöhle eingesetzt. Der Heilungsprozess dauert rund sechs Wochen.
Die Spontan-Partys in Fürth und Hamburg waren gewissermaßen erst das Aufwärmprogramm. Dass St. Paulis Aufstieg trotz drei Punkten Vorsprung auf den drittplatzierten FC Augsburg und der weitaus besseren Tordifferenz rein rechnerisch noch nicht perfekt ist, tat der spontanen Party keinen Abbruch. "Wir sind praktisch aufgestiegen, wenn auch faktisch noch etwas fehlt. Aber am kommenden Wochenende geht es richtig zur Sache", kündigte Sportchef Helmut Schulte an.
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Die Reeperbahn rüstet bereits zum Gelage. "Ich erwarte mindestens 100.000 von euch", rief Stanislawski den Fans zu. Seine Mannschaft erhielt auch noch Streicheleinheiten: "Ich bin einfach nur stolz auf die Jungs." Bei seiner ersten Trainerstation gelang ihm bereits der zweite Aufstieg. 2006 hatte Stanislawski den Regionalliga-Zwölften St. Pauli übernommen, ein halbes Jahr später zog er mit der Mannschaft in die 2. Bundesliga ein. Nun hat er sich Zutritt zum Oberhaus verschafft.
"Es ist doch wunderschön, dass wir uns mit solchen Klubs wie Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen messen dürfen. Und es wird wieder zwei Derbys in Hamburg geben. Das wird einer Weltstadt wie Hamburg gut tun", sagte Stanislawski. Präsident Corny Littmann versprach, dass "alle Heimspiele im Millerntorstadion ausgetragen werden, auch das Lokalderby gegen den HSV". Zu den ungeliebten Rothosen im Hamburger Volkspark wollen die St.-Pauli-Fans schon aus Prinzip nicht.
Quelle: dpa
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