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Helmut Schön, der Ausnahme-Spieler

15.09.2010, 14:02 Uhr | DFB.de

Helmut Schön (vorne) auf dem Gelände der Kölner Sporthochschule im Jahre 1950. (Foto: imago)

Helmut Schön (vorne) auf dem Gelände der Kölner Sporthochschule im Jahre 1950. (Foto: imago)

Seine ersten Tore erzielt Helmut Schön in der Küche. Dresden 1921. Familie Schön geht es etwas besser als anderen in den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Sie hat eine Sechs-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt. Und drei Kinder. Der Familienvorstand handelt mit Kunstgegenständen, die Geschäfte laufen – und die Kinder auch. Besonders wenn sie einen Ball sehen. Es gibt nicht an jeder Ecke Bolzplätze, der Fußballsport muss sich noch etablieren in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Aber seit Klein-Helmut mit fünf Jahren auf den Schultern seines Bruders Walter im Dresdner Ostra-Gehege als womöglich jüngster von 60.000 Zuschauern das legendäre 3:3 zwischen Deutschland und Österreich gesehen hat, ist er von Fußball infiziert. Nun will er auch spielen. Aber wo und wie? (Zum Weiterlesen: 95 Jahre Helmut Schön - Gedenken an einen Jahrhunderttrainer)

Kinder fanden und finden zu allen Zeiten einen Platz zum Spielen – und so bringt der Fünfjährige Helmut des Öfteren einen Nachbarsjungen mit in die heimische Küche. Sie ist ideal, denn sie hat zwei Tore, jedenfalls in phantasievollen Kinderaugen. Die Küchentür ist das eine, ein an der gegenüberliegenden Wand hängendes Kühlfach das andere. Fertig ist der erste Fußballplatz im Leben des Helmut Schön, der heute vor 95 Jahren auf die Welt gekommen ist. Er verlässt sie 1996 als erfolgreichster Bundestrainer der DFB-Geschichte, in die er auch als ein Torjäger mit einer sehr respektablen Trefferquote eingegangen ist: 17 Tore in 16 Spielen – das hätte selbst einem Gerd Müller zu Ehren gereicht.

„D’r Meester kommt“

Zunächst aber trifft er nicht nur ins Netz. Wenn der Vater beim Abendessen auf die Küchenregale schaut und etwa fragt: "Wo ist eigentlich der Drachenteller?" dann weiß Helmut, dass er nun schleunigst besser seinen folgenreichen Fehltritt (mit dem Ball) beichten sollte. Die Eltern nehmen ihm dennoch seinen geliebten Fußball nicht weg, aber für die Nerven aller ist es besser, dass Klein-Helmut seine Aktivitäten nach draußen verlegt. Zunächst mit Gleichaltrigen im Park – der Bürgerwiese – wo er schon deshalb beliebt ist, weil er meist einen Ball mitbringt.

"D’r Meester kommt", rufen die anderen Buben dann glücklich und nicht mal unpassend. Denn bald schon entpuppt sich Helmut als Meister am Ball und es wird Zeit, ihm einen Verein zu suchen. Für die Dresdensia, in dem sein Bruder Walter bereits spielt, schießt er ab dem neunten Lebensjahr nun Tore, die nur noch beim Gegner Schaden anrichten.

Mit 15 debütiert er bereits in der ersten Mannschaft und erzielt prompt das goldene 1:0. Dafür gibt es drei Reichs-Mark Spesen. Doch Dresdensia ist nur ein kleiner Verein, der eines Tages buchstäblich platt gemacht wird. Das Klubgelände muss einer Fabrikhalle weichen, und Helmut braucht eine neue Spielwiese. Die Wahl fällt nicht schwer, die Kameraden auf dem Gymnasium spielen ohnehin alle für den berühmten DSC – den Dresdner Sportclub.

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DSC und Schön - eine glückliche Allianz

Es ist für beide Seiten eine glückliche Allianz. Hier erlebt Schön seine größten Tage als Fußballer und mit ihm auch der DSC in seiner Vereinsgeschichte. Mit Richard Hofmann spielt in jenen Tagen einer der größten deutschen Stürmer aller Zeiten dort. Plötzlich spielt er mit Helmut Schön dem "jungen Genius vom Ostra-Gehege" zusammen. So schreibt es die Lokalpresse. Dennoch sitzt der schüchterne 17-jährige Abiturient mit seinem großen Vorbild in einer Kabine und traut sich nicht, ihn zu duzen – ehe es ihm "König Richard" ausdrücklich befiehlt.

Die Nervosität treibt er dem 1,87 Meter langen Schlaks auch gleich aus: "Is ooch nischt andres als in der Jugend". Es scheint wirklich so: Schön schießt an jenem 27. August 1933 zwei Tore beim 5:1 in einem Testspiel gegen die Spielvereinigung Karlsbad und schon landet er im berühmten Notizbuch von Sepp Herberger. Der ist 1933 zwar noch kein Reichstrainer, kümmert sich aber um den Unterbau der Nationalmannschaft. Dazu zählt auch die Olympia-Auswahl für Berlin 1936, und Herberger hat den Stürmer mit der Torgarantie und der feinen Technik ins Auge gefasst für das Großereignis der Frühzeit des Dritten Reiches. Im Oktober 1933 treffen sie sich auf der Treppe vor dem Sportforum in Berlin-Grunewald. In Schöns Vita ist es ein historischer Moment. "Also, das ist der Lange aus Dresden", lauten die ersten Worte zwischen den beiden Männern, die Sportgeschichte schreiben werden.

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"Der Lange aus Dresden"

Der Lange aus Dresden hinterlässt einen guten Eindruck und schießt wieder mal reichlich Tore bei seiner Premiere – nun im Kreis des DFB. In einem damals üblichen öffentlichen Testspiel unter den Kursisten zwischen "Rot" und "Weiß" gewinnt Schöns Elf mit 4:3, er trifft dreimal. Die Berliner Fußballwoche schreibt: "Liebling der Zuschauer war der lang aufgeschossene, blonde Mittelstürmer Schön… Er machte herrliche Sachen, seine Hauptstärke war seine fast vorbildliche Ballverteilung. Ein großes Talent."

Dresden stolz auf Talent Schön

Schön bewahrt den Artikel bis ans Lebensende in seiner Schatzkiste auf. Beglückt kehrt er nach Dresden zurück, träumt von der Olympia-Teilnahme und einer Karriere als Nationalspieler. Sein DSC setzt den nun 18-Jährigen erstmals in einem Punktspiel in Chemnitz ein und natürlich schießt er wieder ein Tor. Der Verein ist stolz auf sein Talent, aber der berühmte englische Trainer Jimmy Hogan will es nicht verheizen. In der Vereinszeitung steht: "Wir werden Schön immer wieder in geeigneten Spielen einsetzen, wobei wir uns selbstverständlich bewusst sind, dass zwischen solchen Spielen entsprechende Ruhepausen liegen müssen."

Die Taktik bewährt sich und als sie ihr jüngstes Fohlen gegen den Chemnitzer BC nach drei Wochen wieder aus dem Stall ließen, ist es nicht zu bremsen. Nur einen Treffer beim 6:0 gönnt er einem Mitspieler. "Eine der größten Mittelstürmerhoffnungen, die wir je hatten", schreibt eine Zeitung. Dennoch ist Schön nicht rundum glücklich am Anfang seiner Karriere. Ein schwerer Schicksalstag hat die Familie getroffen. Die Mutter ist im März 1933 gestorben und er gibt sich Zeitlebens eine Mitschuld daran. Warum? Weil er unbedingt hinaus muss in die Kälte an jenem schwarzen 30. Januar, als die Nationalsozialisten auch in Dresden die Machtübernahme zelebrieren. Neugier treibt den jungen Mann, wie so viele damals.

Aber er will nicht alleine zum Rathaus und überredet die zaudernde Mutter, ihn zu begleiten. Sie holt sich dabei buchstäblich den Tod und stirbt nach wochenlanger Krankheit an den Folgen dieses in vielerlei Hinsicht schicksalhaften Abends.

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1935: Schön macht gutes Abitur

Sie wäre nicht nur auf den Fußballer stolz gewesen, der 1934 seine ersten Endrunden-Tore im Kampf um die Deutsche Meisterschaft erzielt – beide beim 2:1 des DSC gegen den großen 1. FC Nürnberg. Nein, der Sohn ist auch ein heller Kopf und macht Ostern 1935 ein gutes Abitur auf dem bischöflichen St. Benno-Gymnasium. Im Zeugnis steht: Religion, Französisch, Englisch und Geschichte: sehr gut. Deutsch, Latein, Physik, Darstellende Geometrie, Erdkunde, Biologie, Musik und Turnen: gut. Nur in Chemie und Mathematik fällt er etwas ab (genügend), weshalb seine Anstellung bei der Sächsischen Staatsbank etwas verwundert.

Aber die Angestellten dort, schreibt Schön später in seinen Memoiren, sehen in ihm mehr eine "zoologische Attraktion". Hinter den Pulten tuscheln sie: "Das ist der junge Ligaspieler Helmut Schön, vielleicht wird der mal Nationalspieler!"

Viel gelernt habe er nicht, bekennt Schön, aber die Bank schmückt sich mit einem bekannten Fußballspieler, der zu einer anderen Zeit ein Superstar geworden wäre. Auch weil er optisch etwas hermacht. "Er war das, was man damals – mit einem Anflug von Neid und Hochachtung zugleich – einen Tango-Jüngling nannte. Helmut Schön galt als der schöne Helmut, dem die Mädchenherzen zuflogen", schreibt der "Kicker" noch 1978.

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Debüt im Nationalteam unter Otto Nerz

So wie ihm sein Diplom zufliegt. "Ich war, wenn man das so sagen kann, ein ungelernter, aber diplomierter Bankkaufmann", amüsiert sich Schön über seine Lehrzeit. Aber zum Glück gibt es den Fußball, der ihm einen anderen Berufsweg öffnet.

Auch wenn er gelegentlich strauchelt – wie bei seiner Premiere im Kreis der Nationalspieler. Reichstrainer Otto Nerz hat ihn 1935 zu einem Lehrgang nach Duisburg eingeladen und da sitzt er auf der Tribüne, als die Großen jener Tage ein Testspiel bestreiten. Er fühlt sich als Fan: "Nicht im Traum kam mir der Gedanke, dass ich unter Umständen mitmachen sollte. Ich hatte einfach eine viel zu geringe Meinung von mir – und deswegen hatte ich nicht einmal meine Fußballschuhe mit neuen Klötzen beschlagen."

Doch dann ereilt ihn der Ruf von Nerz: "Heh Bürschel, mach dich fertig!" Er will es nicht glauben und rennt dann fast panisch auf den Platz, wo er wegen der abgelaufenen Stollen erstmal der Nase lang hinfällt. Allgemeines Gelächter. "Auweh, das fängt ja gut an mit mir als Nationalspieler", denkt sich Schön, der sich dann aber fängt und für weitere Lehrgänge qualifiziert.

Mit dem ersten Länderspiel soll es noch lange dauern, denn im Februar 1936 trifft ihn zum ersten Mal der Leipzig-Fluch. Dreimal wird er bis Winter 1937 in Leipzig spielen und sich das Knie verletzen – dreimal wird er operiert. Das kostet ihn die Olympia-Teilnahme und auch die WM 1938 in Frankreich. Beide Ereignisse werden zwar Fehlschläge in der deutschen Fußballhistorie, und mancher wäre lieber nicht dabei gewesen – aber die große Politik gibt Schön keine dritte Chance mehr. Immerhin wird er noch Nationalspieler, ehe der Krieg ausbricht - und wieder ist es ein Einstand nach Maß.

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Schön in legendärer Breslau-Elf

Am 22. November 1937 darf er in Altona in der legendären Breslau-Elf mitspielen, aus der Albin Kitzinger verletzt ausgeschieden ist. Gegner sind die Schweden. Wieder kann er sein Glück kaum fassen, als Sepp Herberger dem Reservisten Schön seine Aufstellung verkündet: "Helmut, sie spiele´ am Sonntag!" Er zweifelt, bis Herberger "fast patzig werden muss" – wie Schön sich erinnert.

Hinterher ist der Chef zufrieden nach einem 5:0, während sein Schützling "als glücklichster Mensch der Welt nach Hause" fährt: zwei Tore beim Debüt und glänzende Kritiken. Eine Hamburger Zeitung sieht einen "neuen Szepan" am Firmament, obwohl der alte doch an seiner Seite gespielt hat und der "Kicker" lobt: "Hier ist also ein Innenstürmer aufgetaucht, der durch seine Kombinationsgabe und Schusskraft eine echte Verstärkung für die Nationalmannschaft bedeutet."

Fallrückzieher und Turban

Das beweist Helmut Schön noch oft, und er vollbringt Großtaten, mit denen man eigentlich Spieler späterer Generationen in Verbindung bringt: Denn nicht Klaus Fischer hat das Fallrückziehertor im Länderspiel eingeführt, Helmut Schön ist sein Vorreiter - 1941 gegen Ungarn. Und nicht Dieter Hoeneß spielt als Erster in einem wichtigen Pokalspiel mit Turban, Schön ist es - 1940 im Halbfinale gegen Rapid Wien. Man will ihn damals ins Krankenhaus bringen, doch er weigert sich, weil auswechseln verboten ist. Der DSC siegt.

Was hätte aus ihm werden können? Drei Knieoperationen und der Zweite Weltkrieg verhindern eine weit imposantere Spielerkarriere, als sie die Chroniken ausweist: 16 Spiele, 17 Tore – aber keine Titel, keine Turniere. Aber auch das Glück, wegen seiner Knieverletzungen im Krieg niemals an die Front zu müssen. Am Toreschießen hat den meist über Linksaußen stürmenden Schön die Bandage, die er fast ständig trägt, nie gehindert.

Pokalsieger und Deutscher Meister

Immerhin: Mit dem DSC feiert er große Erfolge. 1940 Pokalsieger, 1943 und 1944 Deutscher Meister. Beim 4:0 gegen den LSV Hamburg erzielt er in Berlin das vorletzte Tor in einem Meisterschaftsfinale vor dem Krieg. Die Meisterprämie besteht aus einem Ausgehanzug.

Dann fällt Deutschland in Trümmern, Dresden wird im Februar 1945 beinahe komplett zerstört. Als Helmut Schön durch die brennenden Gassen zu seiner Wohnung eilt, glaubt er an ein Wunder: Das Haus, in dem seine 1942 angeheiratete Frau Anneliese mit Söhnchen Stephan lebt, bleibt vom Feuersturm nahezu verschont.

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