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Europapokalsieger 1. FC Magdeburg kämpft gegen das Vergessen an

06.04.2013, 00:31 Uhr | FUSSBALL.DE

Jürgen Sparwasser (li.) und Manfred Zapf drehen nach dem Europapokal-Triumph 1974 eine Ehrenrunde im Stadion. (Quelle: imago/WEREK)

Jürgen Sparwasser (li.) und Manfred Zapf drehen nach dem Europapokal-Triumph 1974 eine Ehrenrunde im Stadion. (Quelle: imago/WEREK)

Von Kieran Brown

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher mitprägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 8: 1. FC Magdeburg, Regionalliga Nordost.

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Am achten Mai 1974 trafen im Feijenoord-Stadion von Rotterdam im Finale des Europapokals der Pokalsieger zwei Klubs aufeinander, deren Gegensätze größer kaum hätten sein können.

Giovanni Trapattonis Star-Truppe ist chancenlos

Das Spitzenteam aus der DDR, der 1. FC Magdeburg, traf auf das mit Stars gespickte und hoch favorisierte Team vom AC Mailand um den damals 35-jährigen Trainer Giovanni Trapattoni sowie den Legionär aus der Bundesrepublik Karl-Heinz Schnellinger. Die Stadt hinter dem Eisernen Vorhang besiegte den Klub aus der italienischen Metropole mit 2:0. Magdeburgs Top-Stürmer Jürgen Sparwasser blieb im Endspiel zwar torlos, hatte seiner Mannschaft das Finale aber durch sein Tor zum 2:1 gegen Sporting Lissabon im Halbfinale erst möglich gemacht. "Diese beiden Spiele werde ich nie vergessen. Das Tor gegen Lissabon war für mich das Wichtigste in meiner Karriere", blickt Sparwasser heute im Gespräch mit FUSSBALL.de zurück.

Dennoch: Ein Wermutstropfen ist bei Sparwasser hängen geblieben. Die große Party auf dem Alten Markt in der Heimat beim Empfang der Sieger verpasste er mit einigen anderen Nationalspielern aus dem Kader der Magdeburger. Schließlich stand im Sommer 1974 die Weltmeisterschaft in der BRD auf dem Programm. "Da fehlt mir rückblickend definitiv etwas. Ich habe unseren Triumph dadurch nicht komplett aufsaugen und genießen können", so Sparwasser, der unmittelbar nach dem Sieg gegen Mailand zur Nationalmannschaft weiterreisen musste.

Die Geschichte seines Tores bei der WM zum Sensationssieg der DDR gegen den späteren Weltmeister BRD ist bekannt, den 1. FC Magdeburg nach der Wiedervereinigung haben viele Fans dagegen aus den Augen verloren. Denn der Sprung in den Profi-Fußball ist dem Verein aus Sachsen-Anhalt und heutigen Regionalligisten nie gelungen. In der Saison 2012/21013 steht der Klub auf Platz fünf der Staffel Nordost und hat keine Chance mehr, in den Aufstiegskampf einzugreifen.

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Pokal-Sensation gegen den Rekordmeister

Das einzige Team aus den neuen Bundesländern, dass einen Europapokalsieg in den Annalen stehen hat, hat sich sportlich nur bei einigen DFB-Pokal-Teilnahmen in den Vordergrund rücken können. Besonders in der Saison 2000/2001 sorgte Magdeburg für Furore. Nacheinander wurden der 1. FC Köln, der FC Bayern München und der Karlsruher SC ausgeschaltet, bevor im Viertelfinale nach einer knappen 0:1-Niederlage gegen den FC Schalke 04 Endstation war.

Woran liegt es, dass der mehrfache DDR-Meister von einst seit der Wende zur Fahrstuhl-Mannschaft zwischen Regional- und Oberliga geworden ist? Sparwasser macht in erster Linie Fehler nach der Wendezeit für die Entwicklung verantwortlich: "Nach der Wende war der 1. FC Magdeburg wie viele andere Klubs auch zu einem Neuanfang gezwungen. Viele Spieler waren bei anderen Vereinen oder zumindest gedanklich nicht mehr in Magdeburg, sondern mit Angeboten zahlungskräftiger Klubs aus den alten Bundesländern beschäftigt. Es gab Auflösungserscheinungen. Sowohl wirtschaftlich als auch sportlich war der Verein nicht in der Lage, diesen Aderlass zu kompensieren."

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Angebote von ihm selbst und anderen ehemaligen Spielern, den Klub bei der Sponsorensuche und auch darüber hinaus zu unterstützen, seien mehrfach abgelehnt worden. "Unser Einfluss war nicht erwünscht. Der Verein hat so strukturell zunächst einmal den Anschluss verpasst. Dass Profi-Sport auf hohem Niveau in Magdeburg möglich ist, sieht man ja beim Handball. Ich denke, der hat auch ein stückweit von den Versäumnissen des Fußball-Vereins profitiert." Der SC Magdeburg spielt in der Handball-Bundesliga und gewann in der Saison 2001/2002 sogar die Champions League.

Insolvenz und Zwangsabstieg

Dass es bei den Fußballern bislang nicht zumindest für die zweite Bundesliga gereicht hat, liegt an vielen knapp verpassten Chancen. Allen voran in der Saison 2006/2007 stand man unmittelbar vor dem Aufstieg. Drei Matchbälle wurden an den letzten Spieltagen der Saison vergeben, der VfL Osnabrück zog im Endspurt vorbei und zerstörte den Magdeburger Traum.

Die Begeisterung für den Fußball ist in der Landeshauptstadt dennoch vorhanden: "Den Fans muss man ein Riesenkompliment, dass sie ihrem Verein so lange die Treue halten", sagt Sparwasser. Immerhin erreicht der Klub in der vierten Liga mit einem Zuschauerschnitt von mehr als 6000 mehr als mancher Drittligist. "Der Großteil ist auch in ganz schlechten Zeiten da."

Schlechte Zeiten hat der 1. FC Magdeburg tatsächlich hinter sich. Den Höhepunkt kennzeichnete im Jahr 2002 ein Insolvenzverfahren, dass zum Zwangsabstieg aus der zweiten Liga führte. Diesen konnte auch eine Spendenaktion der Fans nicht verhindern, die ein Jahr zuvor über eine Million D-Mark für den Klub gesammelt hatten.

Jährliches Legenden-Treffen

Sparwasser, der sich inzwischen nicht mehr einmischt und die Entwicklungen bei seinem Heimatverein aus der sicheren Entfernung seines neuen Zuhauses in Hessen verfolgt, sieht Licht am Ende des Tunnels und traut dem Verein in der kommenden Saison zu, um den Aufstieg in die dritte Liga mitzuspielen: "Die Voraussetzungen sind vorhanden. Das moderne Stadion, das Jugendinternat, das mindestens Zweitliga-Format besitzt und die begeisterungsfähigen Anhänger bieten ideale Voraussetzungen, um mittelfristig Profi-Fußball in Magdeburg bieten zu können." In den Klub müsse Ruhe einkehren und Kontinuität reingebracht werden. Dann sei er optimistisch." Der Jugendabteilung des Klubs entstammen übrigens so namhafte Spieler wie Nationalspieler Marcel Schmelzer oder Hertha-Profi Maik Franz.

Bis Spieler dieses Formats in der Magdeburger MDCC Arena auflaufen, dürften noch einige Jahre vergehen. Trotzdem lebt Sparwasser bis heute für "seinen" Verein und ist mehrmals pro Saison bei Heimspielen zu Gast, um auf alte Weggefährten wie Wolfgang Seguin oder Joachim Streich zu treffen.

Besonders stolz ist 64-jährige Sparwasser, der heute in der Fußballschule von Eintracht Frankfurt tätig ist, auf das jährliche Treffen des Teams, das 1974 den Europapokal nach Magdeburg holte. "Wir losen dabei immer aus, wer für die Organisation zuständig ist. Im Mai ist es wieder soweit. Da beneiden mich viele, wenn sie hören, dass wir diese Tradition über so einen langen Zeitraum beibehalten haben und auch jeder dabei ist. Am achten Mai ist es wieder soweit." Zwei Tage später tritt der 1.FC Magdeburg zu einem bedeutungslosen Spiel bei Energie Cottbus II an. Möglicherweise gibt es ja schon beim nächsten treffen der Legenden auch aus aktueller sportlicher Sicht einen Grund zu feiern.

Quelle: FUSSBALL.DE

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