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Die unvollendete Karriere von Timo Heinze

30.12.2012, 10:31 Uhr | FUSSBALL.DE

Im Jahr 2009 war Heinze Kapitän der zweiten Mannschaft des FC Bayern München. (Quelle: imago/Picture Point)

Im Jahr 2009 war Heinze Kapitän der zweiten Mannschaft des FC Bayern München. (Quelle: imago/Picture Point)

Von Kieran Brown

Er war Fußball-Profi und Jugend-Nationalspieler, war mit Anfang 20 auf dem Sprung in den Kader des FC Bayern München, trainierte mit Stars wie Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Luca Toni. Doch Timo Heinze scheiterte kurz vor der Ziellinie und beendete seine Karriere 2010 im Alter von 24 Jahren. Wie geht man damit um, wenn ein großer Traum zu Ende geht, wenn man einsehen muss, dass das Ziel, für das man sich jahrelang gequält hat, außer Reichweite ist? "Wenn man grübelt befindet man sich automatisch in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber nie in der Gegenwart. Das Leben spielt aber im Hier und Jetzt. Also besser den Kopf ausschalten", beschreibt Heinze den Umgang mit seinem Schicksal.

Was philosophisch anmutet und mit dem Fußball auf den ersten Blick nichts zu tun hat, drückt das aus, was er lernen musste, nachdem sein Traum von der Karriere als Bundesliga-Star geplatzt war. Der ehemalige Außenverteidiger und Kapitän der „kleinen“ Bayern hat ein Buch geschrieben. In "Nachspielzeit - Eine unvollendete Fußballkarriere" beschreibt er seinen Weg zu einem positiveren Lebensgefühl - einen neuen Weg, dessen Ziel nicht mehr klar definiert ist.

Oliver Kahns Abschiedsspiel

Im September 2008 erlebt Heinze das größte Highlight seiner Karriere. Er darf in der Allianz-Arena auflaufen, beim Abschiedsspiel von Oliver Kahn. Es soll das größte Erlebnis seiner kurzen Laufbahn bleiben. Alle Türen stehen dem Mann, der als 12-Jähriger an die Säbener Straße gekommen ist, damals offen.

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Nur 20 Monate später reist Heinze nach Bali, er möchte alleine sein und abschalten. Mit im Gepäck trägt er einen kürzlich gefassten Entschluss. Er hat sich entschieden, das Kapitel Profi-Fußball zu beenden. Nach 38 Spielen in der dritthöchsten deutschen Spielklasse für Bayern München II und die SpVgg Unterhaching - und beinahe ebenso vielen als Jugendlicher für den DFB mit dem Adler auf der Brust.

Äußere Umstände und mentale Löcher

In der Karriere des A-Jugend-Meisters von 2004 gibt es drei Knackpunkte: Bis zum Mai 2005 läuft es perfekt. Er steht an der Schwelle vom Jugend-in den Profibereich, als er wegen eines Leistenbruchs operiert wird. Ein vermeintlicher Routine-Eingriff führt zu einer fast einjährigen Odyssee. Wegen schmerzender OP-Narben reist Heinze von Arzt zu Arzt. "Ich kann Bayern München da keinen Vorwurf machen. Sie haben mir ein hervorragendes Netzwerk an Ärzten zur Verfügung gestellt. Bis heute kann mir niemand sagen, woher die Schmerzen damals genau kamen und auch nicht, warum sie plötzlich abgeklungen sind." Er verpasst seine erste Saison im Senioren-Bereich und damit zum ersten Mal den Anschluss.

Heinze braucht Monate, um seine alte Form wiederzufinden und sich ins Team zu spielen. Im Winter 2009 scheinen ihm wieder alle Türen offen zu stehen, wenn auch kleinere. Hermann Gerland macht ihn zum Kapitän der zweiten Mannschaft des FC Bayern. Zu dem Zeitpunkt steht bereits fest, dass es die letzte Saison beim Rekordmeister sein wird. Mit 23 Jahren kommt er für die Bayern-Profis nicht mehr in Frage. Um sich im Schaufenster der dritten Liga zu präsentieren, bleibt ihm noch die gesamte Rückrunde der Saison 2009/2010. Bundesligisten und Zweitligisten haben bereits bei seinem Berater angeklopft. Nachdem ihn Gerland jedoch nach wenigen Spielen auf die Bank setzt, entwickelt sich die letzte Rückrunde in München zu einem Trauma. Heinze weiß nicht, warum er draußen sitzt. "Eine akzeptable und nachvollziehbare Begründung hat der Trainer mir nie bieten können." Im Sommer bleibt Heinze keine Wahl. Er wechselt nach Unterhaching. Es ist seine einzige Option und schon bei der Vertragsunterschrift hat er ein schlechtes Gefühl.

Es soll sich bestätigen. Nach einer starken Vorbereitung absolviert er in der ganzen Saison lediglich fünf Spiele. Der Verein vor den Toren Münchens  soll als Sprungbrett in eine der beiden ersten Ligen dienen. Doch Trainer Ralph Hasenhüttl lässt Heinze außen vor. Er kämpft, bekommt aber keine Chance mehr. "Mental befand ich mich nach der Zeit in einem tiefen Loch, das drückte sich sowohl psychisch als auch physisch aus. Ich fühlte mich machtlos." Mit dem Kapitel Unterhaching schließen sich für Heinze trotz einiger Angebote alle Türen im Profi-Fußball. Er will und kann nicht mehr weitermachen.

Mit sich und dem Fußball im Reinen

Auf Bali gewinnt Heinze Abstand, lernt dort und nach seiner Rückkehr nach Deutschland eine neue Lebensart kennen und schätzen. "Ich möchte nicht, dass das esoterisch klingt, aber sinngemäß bin ich der Meinung, dass für mich einfach ein anderer Plan vorgesehen ist." Er steht zu seiner Entscheidung bis heute. Wut empfindet er keine, weder aufgrund des geplatzten Traums noch auf Personen, die vielleicht ein Stück weit dafür verantwortlich sind. "Ich möchte es nicht Dankbarkeit nennen, aber irgendwo haben mir einige Entscheidungen, die gegen mich als Sportler getroffen wurden, auch geholfen, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin."

Leichter macht es Heinze die Überzeugung, alles gegeben zu haben. "Ich war immer extrem ehrgeizig und habe alles gegeben. Ich weiß nicht, ob ich noch in den Spiegel schauen könnte, wenn ich das Gefühl hätte, mein Talent verschwendet zu haben." Letztendlich sind es zu einem großen Teil äußere Einflüsse, die seinen Durchbruch verhindert haben. Hinzu kommt am Ende eine mentale Verfassung, die verhindert, dass er sein Potenzial noch abrufen kann. Die Wende zum Guten, auf die er immer wieder hofft, bleibt aus. "Ich dachte, es kann gar nicht wahr sein. Egal was ich tat, es wurde nur immer schlimmer und aussichtsloser, in die Mannschaft zurück zu kehren. Mir wurde kein Vertrauen entgegen gebracht und so verlor ich irgendwann das Vertrauen in meine Fähigkeiten auf dem Platz."

Timo Heinze hat seine Geschichte in einem Buch verarbeitet. (Quelle: Timo Heinze)Timo Heinze hat seine Geschichte in einem Buch verarbeitet.

Das Buch als Therapie

Sein Buch bezeichnet er selbst als Therapie, das Aufschreiben des Erlebten ist ursprünglich nur für sich selbst und einige enge Bezugspersonen gedacht. "Verwandte und Bekannte waren aber der Meinung, dass meine Erfahrungen auch für andere wertvoll sein könnten. Ich habe Dinge gelernt, die meiner Meinung nach auf viele Lebenslagen zutreffen -  losgelöst von der sportlichen Perspektive. Heute unterscheide ich gerne zwischen Zufriedenheit und Erfolg. Der Fußball ist manchmal ein dreckiges Geschäft. Viele Stars haben ein dickes Bankkonto. Innere Ruhe und Zufriedenheit zu finden, ist mir aber viel wichtiger. Und ich bin sehr zufrieden." Was Heinze gegenwärtig fehlt, ist nicht das Geld und auch nicht der Ruhm. Das Erlebnis, in einem Stadion auf dem Platz zu stehen und die Atmosphäre auf dem Rasen aufzusaugen, ist das, woran er sich am liebsten erinnert.

Er trauert seiner verhinderten Karriere aber nicht nach. "Das ständige Grübeln ist es. Es blockiert den natürlichen Fluss des Lebens, dem man sich einfach hingeben könnte", schreibt er in seinem Buch. "Ich bin an einem Punkt, an dem mir das gelingt und freue mich auf das, was kommt." Früher habe er sich über alles einen Kopf gemacht.

Studentenleben ersetzt Trainingspläne

Inzwischen studiert Heinze an der Sporthochschule in Köln und ordnet dem alles unter. Nach einer Saison beim Regionalligisten Fortuna Köln, hält er sich heute nur noch mit Futsal fit: "Das ist eine brutal unterschätzte Randsportart, die mir sehr viel gibt und einen Ausgleich zum Studium darstellt. Außerdem lässt sie mir nebenher alle Freiheiten. Mein Zeitmanagement mache ich weitestgehend selbst und genieße es auch, nicht mehr von Trainingsplänen abhängig zu sein. Man lernt einfach mit der Zeit andere Facetten des Lebens kennen, die viele Dinge, die mir früher wichtig waren, ersetzen können."

Nach dem Studium würde er gerne im Sport-Bereich arbeiten, ohne sich konkret auf eine Richtung festlegen zu wollen. "Vorstellen kann ich mir aber definitiv, etwas in Richtung Sportpsychologie zu machen. Mental mit Leistungssportlern zusammen zu arbeiten, würde mir sehr viel geben. Ich denke, dass andere von meinen Erfahrungen profitieren könnten. Denn der Kopf spielt im Leistungssport eine extrem große, völlig unterschätzte Rolle."

Heinze hat gelernt, "auf mein Herz- und Bauchgefühl zu hören und nicht nur auf den Kopf. Ansonsten wäre ich vielleicht heute noch irgendwo in der dritten Liga unterwegs. Man muss irgendwann loslassen können, um Platz zu machen für etwas Neues im Leben."

Quelle: FUSSBALL.DE

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 (Quelle: abc)