
20.02.2012, 11:08 Uhr | DFB.de
Korfmacher: "Eine Menge auf den Weg gebracht" (Quelle: imago)
Amateurfußball in Deutschland: Das ist eine gewaltige Massenbewegung, ein brummender Integrationsmotor, ein riesiges Fitnessstudio, ein vom kleinsten Dorf bis zur Millionenmetropole präsenter Ort der Gemeinschaft, ein vitaler Wirtschaftsfaktor. Der Beitrag des Amateurfußballs am Bruttoinlandsprodukt liegt im Milliarden-Bereich.
Dennoch, auch den Amateurfußball plagen Probleme. Darüber soll diskutiert werden beim Amateurfußball-Kongress "Verein(t) in die Zukunft", der am Donnerstag in Kassel beginnt. Im DFB.de-Gespräch der Woche spricht Hermann Korfmacher, im DFB-Präsidium als 1. Vizepräsident für den Amateurfußball verantwortlich, über Nachwuchssuche und Generationenwechsel im Ehrenamt, über das Image der Amateure und über den bevorstehenden Wechsel an der DFB-Spitze.
Herr Korfmacher, immer weniger Junge engagieren sich ehrenamtlich im Verein. Sind bald der Platz ungekreidet und die Trikots noch dreckig?
Wissenschaftler sprechen vom "alten" und "neuen" Ehrenamt, die Generationen werden unterschiedlich motiviert. Vorrangig die ganz jungen und die älteren Menschen bringen sich ein, während bei den Jahrgängen der 30 bis 50-Jährigen erhebliche Lücken klaffen, wenn es um die ehrenamtliche Tätigkeit im Fußballverein geht. Noch sind wir unter dem Strich gut aufgestellt, noch fallen keine Spiele aus. Aber ganz klar: Wir stehen vor einer Herausforderung.
Wollen oder können die mittleren Jahrgänge nicht?
Die berufliche Eingebundenheit ist heute für viele Arbeitnehmer eine andere als vor ein paar Jahrzehnten. Zudem befinden wir uns mitten in einer Umbruchzeit, auch beim Ehrenamt, das längst in der digitalen Welt angekommen ist. Ein weiterer Faktor: Jüngere Jahrgänge übernehmen projektbezogene Tätigkeiten im Verein, scheuen aber davor zurück, sich über Jahre für eine Aufgabe zu verpflichten.
Früher hat sich das ehrenamtlich tätige Vorstandsmitglied oft völlig "aufgeopfert" für den Verein.
Das ist keine Haltung, die jüngere Vereinsmitglieder überzeugt. Vielmehr reizt es, über die ehrenamtliche Tätigkeit berufliche oder soziale Qualifikationen zu erwerben, die auch sonst im Leben weiter helfen. Die nachwachsende Generation erwartet eine Gegenleistung. Kompetenz- und Wissenserwerb spielen dabei eine zentrale Rolle. Das Vereinsleben verändert sich. Früher saß die Mannschaft nach dem Spiel noch bei Bier und Limo zusammen. Das sind heute eher ergebnisorientierte Veranstaltungen. Dadurch geht Bindung zum Verein verloren. Doch bei allem Wandel, einige Grunddaten werden sich nie ändern. Ehrenamtlich tätig wird jemand, der über das private und berufliche Leben hinaus aktiv sein und dafür Anerkennung ernten will. Ehrenamt ohne Eitelkeit ist nicht vorstellbar (lacht).
Wie viele Ehrenamtliche sind im Fußball tätig?
Die Gesamtzahl liegt bei 1,7 Millionen ehrenamtlich tätigen Mitgliedern von Fußballvereinen. Viele Menschen helfen nur sporadisch, bei einem Turnier, der Weihnachtsfeier oder der Jahreshauptversammlung. Wir gehen von 430.000 freiwilligen Helfern für gesonderte Arbeitseinsätze in reinen Fußballvereinen aus, in Mehrspartenvereinen mit Fußballangebot sind das 897.000 Helfer.
Kann man die Arbeit in Stunden und Euro bemessen?
Die Leistung der Ehrenamtlichen in reinen Fußballvereinen beträgt monatlich in der Summe rund zehn Millionen Stunden. Der Fußball lebt und überlebt durch den ungeheuren Einsatz der Menschen an der Basis, die sich wegen ihrer Liebe zum Fußball, zu ihren Kindern oder der Freude an der Geselligkeit derart stark engagieren. Bezahlt werden kann dieser Einsatz nicht. Wir haben uns mal die Mühe gemacht, den Wert dieser Leistung zu errechnen. Die jährliche Wertschöpfung durch ehrenamtliches Engagement in Fußballvereinen liegt bei 1,8 Milliarden Euro.
Wie sorgt der Fußball für seinen ehrenamtlichen Nachwuchs?
Das geschieht an der Graswurzel und wird unterstützt über PR-Maßnahmen der Landesverbände und des DFB, etwa durch den "Club 100". Fest steht jedenfalls, dass wer ehrenamtliche Mitglieder gewinnen will, der muss sie ansprechen. 57,9 Prozent der aktuellen Ehrenamtler wurden geworben, nur bei 26,7 Prozent führte Eigeninitiative zu der ehrenamtlichen Position.
Thema Ehrenamt und Qualifizierung – was können der DFB und seine Landesverbände leisten?
Wir haben in den vergangen Jahren eine Menge auf den Weg gebracht und das findet auch in der Breite Anerkennung. Etwa mit unserem Online-Angebot "Training und Wissen" oder dem "DFB-Mobil", unserer mobilen Qualifizierungsmaßnahme, die auf Kinder und Fußballtrainer im Jugendbereich abzielt. In den 21 Landesverbänden sind permanent 30 Fahrzeuge unterwegs. Seit dem Projektstart im Mai 2009 haben wir mit dem "DFB-Mobil" bei fast 10.000 Veranstaltungen 520.000 Menschen an der Basis erreicht, davon 78.000 Trainer. Neben dem direkten Schulungseffekt führen die Mobil-Besuche dazu, dass sich mehr Jugendtrainer qualifizieren möchten. Die Anmeldungen bei den Kurzschulungen steigen sprunghaft. Eine Erfolgsgeschichte also, weshalb das DFB-Präsidium das ursprünglich bis 30. April 2012 angelegte Projekt kürzlich bis Ende 2013 verlängert hat.
Wie zufrieden sind Sie mit der Besteuerung ehrenamtlicher Tätigkeit?
Ein kompliziertes Thema. Eine völlige Steuerbefreiung scheint mir unwahrscheinlich, aber hinterfragt werden darf schon, ob es nicht zeitgemäß ist, die Messwerte zugunsten des Ehrenamtes zu verschieben.
Ehrenamt ist ein Schwerpunktthema beim Amateurfußball-Kongress vom 23. bis 25. Februar. Was haben Sie sich für Kassel vorgenommen?
Der Reiz des Kongresses liegt darin, dass wir gemeinsam erarbeiten, wie die Zukunft des Fußballs ausschauen soll. In Kassel werden wir uns eben nicht ein Referat nach dem anderen mit wissenschaftlich belegten Zahlen anhören, sondern gemeinsam Impulse setzen. Bis zum DFB-Bundestag 2013 wollen wir dann einen starken Fußball-Entwicklungsplan aufstellen, der unter Mitarbeit der Landesverbände entsteht und deshalb auch langfristig eine Leitlinie sein kann.
Ein weiteres Schwerpunkt-Thema des Kongresses sind die Finanzen.
Die Vereine müssen ihre Ausgaben reduzieren, insbesondere die Kosten für Spieler. Untersuchungen zeigen, dass 54 Prozent aller Sechstligisten ihre Spieler bezahlen, 25 Prozent aller Zwölftligisten sind bereit, Ablösesummen zu bezahlen.
Verbände als Dienstleister, auch darüber soll in Kassel diskutiert werden.
Ein wichtiges Thema. Im Kerngeschäft administrieren der DFB und seine Landesverbände den Spielbetrieb der 26.000 Vereine und mehr als 171.000 Mannschaften. Darüber hinaus aber sind die Verbände Dienstleister, die jeden einzelnen Verein fit für die Zukunft halten. Wir sind für die Vereine da, nicht umgekehrt, wir müssen das Ohr ganz dicht an der Basis halten.
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Wie sieht die Entwicklung im Mädchen- und Frauenfußball aus?
Seit 2006 verzeichnen wir große Zuwachszahlen beim Mädchenfußball. Demografische und gesellschaftliche Veränderungen führen bei den meisten Sportverbänden zu rückläufigen Mitgliederzahlen. Wenn wir bis heute immer noch leichte Zuwächse verzeichnen, können wir doch glücklich sein. Dabei wird der Größenunterschied zum Männerfußball schon noch eine Weile bestehen bleiben. Auf 100.000 weibliche Personen zwischen 6 bis 16 Jahren kommen in Deutschland 5450 Fußballerinnen. Bei der vergleichbaren Gruppe männlicher Personen sind es 31.760 Fußballaktive.
Die Bundesliga erzielt im Wochentakt Rekorde, etwa bei den Zuschauern oder in der Vermarktung. Auch die Nationalmannschaft könnte nicht erfolgreicher sein. Wenn Medien dagegen über den Amateurfußball berichten, wird oft ein eher düsteres Bild gezeichnet. Ausschreitungen der Fans und unter den Spielern oder auch Finanzprobleme sind dann das Thema. Wie zufrieden sind sie mit dem Image des Amateurfußballs?
Das ist verbesserungswürdig. Wir müssen mehr über die ungeheure öffentliche Bedeutung des Amateurfußballs sprechen. Wir bewegen die Menschen, an jedem Wochenende finden rund 80.000 Spiele statt. Wir leisten gesellschaftlich Enormes, etwa für die Gesundheit und die Integration unseres Landes. Der Beitrag des Amateurfußballs zum Bruttoinlandsprodukt liegt im Milliarden-Bereich. Das wissen viel zu Wenige, darüber müssen wir mehr sprechen. Gleichwohl sind Elite und Basis des Fußballs keine Antipoden, beide sind der Motor des jeweils anderen.
Ihr Heimatverein ist der SV Grün-Weiß Langenberg. Wie oft stehen Sie sonntags noch am Platz?
Sehr selten. Momentan dümpelt Langenberg auf einem Abstiegsplatz der Bezirksliga. Bis zur Bezirksliga habe ich früher selbst gespielt, als Linksverteidiger war ich unterwegs, anschließend bin ich in die Jugendarbeit gegangen. Bei einem Dorfverein wird nicht groß unterschieden, ich war Trainer und Betreuer, habe die Jungs zu den Spielen kutschiert, Zeltlager organisiert und geleitet, auch internationale Fahrten. Ich wurde Jugendwart im Kreissportbund und dann über die Ochsentour Kreisvorsitzender. Seit 2001 bin ich Präsident des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen, seit 2004 Präsident des Westdeutschen Regionalverbandes, seit 2007 1. DFB-Vizepräsident.
Wenn Sie zurück blicken auf Ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Verein: große Freude oder großer Frust?
Die Rückschläge, die Nörgelei und die Kritik, das muss man wegstecken. Aber überwogen hat die Freude an der Gestaltung. Und mir hat das Ehrenamt in meiner beruflichen Entwicklung in den sozialen Einrichtungen des Kreises Gütersloh sehr geholfen.
Wie bewerten Sie das Zusammenspiel zwischen dem Dachverband und seinen Landes- und Regionalverbänden?
Die Zusammenarbeit ist sehr intensiv und gut. Die Einrichtung eines Jour Fixe für die Präsidenten und Vorsitzenden der Regional- und Landesverbände hat sich bewährt, hier wird ein offener Dialog zwischen DFB-Spitze und den regionalen Verbänden kultiviert. Mittlerweile sind auch die Landesverbände kleine Unternehmen. Der Verband Westfalen etwa hat 140 Tarifbeschäftigte und ist damit der zweitgrößte im deutschen Fußball. Ob die Leitung solcher Strukturen auch in Zukunft noch ehrenamtlich möglich sein kann, wird sich zeigen.
Sie selbst haben vor ihrer Pensionierung hauptberuflich die Geschäfte der Werkstätten für behinderte Menschen in Gütersloh geleitet. Wie hat der Spagat funktioniert?
Das war nicht immer leicht. Wir hatten 550 Tarifbeschäftigte, 1300 behinderte Menschen, zwei und später drei Kindergärten, fünf Wohnstätten, ein Altenzentrum, betreutes Wohnen, das war so die Palette. Viele gute Gespräche mit den Leuten, intern und extern, genauso mit den Prokuristen und Sekretärinnen wie auch mit dem Landrat, haben dann eine Situation geschaffen, in der ich beides ausüben konnte, Beruf und Ehrenamt. Aber sicher gehörte es dazu, dass ich meistens als erster angefangen und als letzter aufgehört habe.
Wolfgang Niersbach ist der designierte neue DFB-Präsident. Wie wird die Zusammenarbeit werden?
Wolfgang Niersbach kann sich auf den Amateurbereich verlassen. Die Basis steht voll hinter ihm. Gemeinsam werden wir die Themen, die Theo Zwanziger in den Fokus gerückt hat und die dem DFB in der öffentlichen Wahrnehmung gut getan haben, in dem erforderlichen Umfang weiter tragen. Der DFB ist heute, auch dank der "Zwanziger-Jahre" ein sozialer Verband, der Integration in allen Lebenslagen fördert und jede Form der Ausgrenzung ablehnt und bekämpft. Wolfgang Niersbach bringt eine profunde Kenntnis über den Amateurbereich mit in seine neue Aufgabe. Bei ihm wird der Amateurfußball immer ein offenes Ohr finden.
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