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Den Bayern die Meisterschaft vermasselt

20.04.2013, 09:54 Uhr | FUSSBALL.DE

Bezeichnend: Uwe Neuhaus (re.) bringt Lothar Matthäus zu Fall. (Quelle: imago\Stockhoff)

Bezeichnend: Uwe Neuhaus (re.) bringt Lothar Matthäus zu Fall. (Quelle: Stockhoff/imago)

Von Johann Schicklinski

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher prägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 11: SG Wattenscheid 09, Oberliga Westfalen.

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Es ist der 1. Juni 1991. Die SG Wattenscheid 09 feiert den bisherigen Höhepunkt ihrer Vereinsgeschichte. Der kleine Bochumer Vorstadtklub stellt dem großen FC Bayern München im Meisterschaftsendspurt ein Bein und schlägt den Rekordmeister mit 3:2. Das Siegtor erzielt Mittelfeldspieler Thorsten Fink in der Schlussminute – und sichert Wattenscheid einen Eintrag ins Geschichtsbuch. Denn die Bayern werden schließlich kein Meister, der Titel geht an den 1. FC Kaiserslautern. "Für uns ging es um Überlebenspunkte, da war der Sieg gegen die Bayern sicher ein Highlight", erinnert sich der damalige Trainer Hannes Bongartz im Gespräch mit FUSSBALL.DE. Die "Überlebenspunkte" helfen - Wattenscheid hält in seinem ersten Bundesligajahr die Klasse. "Jedes Mal, wenn wir nicht abgestiegen sind, war das für uns wie der Gewinn der Champions League", erzählt Bongartz weiter.

Schlag ins Gesicht für Hoeneß

Der Wattenscheider Sensationserfolg ist für den damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß ein Schlag ins Gesicht. Schließlich hatte er den Aufstieg der SGW mit den Worten kommentiert, das sei "das Schlimmste, was der Bundesliga passieren konnte". Eine Aussage, die anderswo für Aufregung gesorgt hätte. Nicht so in Wattenscheid. "Ach was, das hat uns nicht geärgert. Das ist doch logisch, dass so ein Manager wie Uli Hoeneß anders denkt, eher wirtschaftlich als sportlich. Und da ist Wattenscheid halt keine große Nummer. Trotzdem hatten die Bayern immer Probleme mit uns", sagt Bongartz.

Der frühere Profi hatte großen Anteil daran, dass Wattenscheid von 1990 bis 1994 in der Bundesliga für Furore sorgte. Er führte den Klub als Trainer in die Beletage des deutschen Fußballs und reüssierte dort in Personalunion bis zur Saison 1993/1994 auch als Manager.

Ohne den "Boss" läuft nichts

Neben Bongartz ist auch der Name Klaus Steilmann untrennbar mit Wattenscheid 09 verbunden. Der 2009 verstorbene Textilunternehmer war Mäzen und größter Fan des Klubs, ohne ihn wäre der Aufstieg undenkbar gewesen. „Ohne Klaus Steilmann hätte es Wattenscheid 09 im Profifußball nie gegeben“, erinnert sich Bongartz. Steilmann, genannt „Der Boss“ stieg Ende der 1960er Jahre ein und sponserte den Klub. „Er hat vom Arzt den Ratschlag bekommen, ein bisschen Sport zu treiben. Da ist der Funken übergesprungen, von da an hat er den Verein finanziell unterstützt“, sagt Bongartz. „Das Endprodukt seiner großen Liebe war, mit dem Klub einmal in der Bundesliga zu spielen. Das hat er erreicht.“

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Doch nach vier Jahren in der höchsten deutschen Spielklasse endete das Wattenscheider Märchen. Zuvor erlebte der Klub einen weiteren Höhepunkt seiner Geschichte. Nach dem Abstieg des VfL Bochum in die 2. Liga hielt Wattenscheid als einziges Bochumer Team die Stadtfahne in der Bundesliga hoch. "Für uns war das eine Wahnsinnsgeschichte. Es besteht ja nicht gerade eine Liebesbeziehung zwischen Bochum und Wattenscheid", erzählt Bongartz. Wattenscheid war bis 1975 selbstständig, die 75.000-Einwohner-Stadt wurde anschließend eingemeindet. "Die großen Spiele absolvierten wir sogar im Ruhrstadion", sagt Bongartz. "Wir haben damals rumgeflachst das wir die ersten sind, die es geschafft haben, dass das Ruhrstadion ausverkauft ist. Gegen Borussia Dortmund."

"Alles ist zusammen gebrochen"

Doch im gleichen Jahr wurde Bongartz von Klaus Steilmann seine Tochter Britta als Managerin vor die Nase gesetzt, es kam zu Reibereien und atmosphärischen Störungen mit der jungen Frau, die eher unkonventionelle Ideen hatte und diese gegen alle Widerstände durchziehen wollte. Schließlich musste Bongartz im Frühjahr 1994 gehen. "Erster Mann von Frau gefeuert", titelte damals die "Bild"-Zeitung. Geholfen hat es nichts, der Klub verschwand aus der Bundesliga. Vorher wurden bereits entscheidende Fehler gemacht. "Wir haben es damals versäumt, uns auf einen Abstieg vorzubereiten", blickt Bongartz zurück. "Wir hätten als Bundesligist ein Fundament legen müssen, um die Chance zu haben, wieder aufzusteigen. Das haben wir nicht gemacht. So ist alles zusammen gebrochen."

Was bleibt, ist Stolz. Stolz auf vier Jahre Erstklassigkeit, aber auch auf die damalige Mannschaft. Wattenscheid war zur damaligen Zeit ein Ausbildungsklub für junge Spieler, die hier ihre Bundesliga-Karriere starten konnten. Markus Schupp oder Thorsten Fink wurden beispielsweise später mit dem FC Bayern Deutscher Meister, Maurice Banach sorgte mit seinen Treffern für Furore, wurde vom 1. FC Köln verpflichtet und verunglückte tragischerweise wenig später.

"Da waren einige Juwelen dabei"

"Wir haben ehrgeizige Jungs verpflichtet, die irgendwo in der zweiten Garde gekickt haben und in Wattenscheid einen idealen Nährboden vorgefunden haben, um sich zu entwickeln. Da waren einige Juwelen dabei", erinnert sich Bongartz. Allerdings kennt er auch die Kehrseite der Medaille: „Wir mussten immer die Besten abgeben, um dann auch wieder Einnahmen zu generieren. Die Großen fressen die Kleinen, das ist im Sport so wie in der Wirtschaft. Das ist das Geschäft." So auch einige Jahre später, als die Altintop-Zwillinge sich ihre ersten Sporen bei der SGW verdienten, um dann zu Schalke (Hamit) und dem 1. FC Kaiserslautern (Halil) zu wechseln.

Heute ist der Klub in der fünftklassigen Oberliga Westfalen beheimatet. "Das tut vielleicht gar nicht so weh, wie man denkt", sagt Bongartz ohne Verbitterung. "Ohne Wirtschaftskraft hast du im Profifußball keine Chance. Der Verein ist dort angekommen, wo er im Moment auch hingehört."

Dem 61-Jährigen ist trotzdem nicht bange um die Zukunft des Klubs. "Der Verein wird wohl im Sommer in die Regionalliga aufsteigen. Dazu herrscht rund um den Klub auch wieder eine Euphorie." Perspektivisch hält Bongartz sogar einen weiteren Aufstieg für realistisch: "Auch die 3. Liga ist möglich, denn dank der Bundesliga-Zeit ist die Infrastruktur für einen kleinen Klub wie Wattenscheid sehr gut." Und wer weiß – vielleicht schlagen eines Tages ja auch wieder die großen Bayern im Lohrheide-Stadion auf.

Quelle: FUSSBALL.DE

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