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Start in Podolskis neue Welt

17.08.2012, 17:13 Uhr | t-online.de

Daumen hoch: Für Lukas Podolski geht es in der Premier League los. (Quelle: imago)

Daumen hoch: Für Lukas Podolski geht es in der Premier League los. (Quelle: imago)

Von Jonny Giovanni

So richtig angekommen ist Lukas Podolski in London noch nicht. Zwar ist sein Englisch schon durchaus – viele sagen erstaunlich – passabel. Und auch der Linksverkehr bereitet ihm nach eigener Auskunft ("Ganz easy") keine Probleme. Über den Metropolencharakter seiner neuen Heimat allerdings ist sich der Stürmer des FC Arsenal offenbar noch nicht ganz im Klaren. Er habe von London "noch nicht viel gesehen, weil es immer so voll war wegen Olympia", sagte Podolski.

Ob er sich irgendwann in die Stadt traut? Die ist nämlich immer so voll. Genauer gesagt, war sie wegen Olympia in weiten Teilen sogar leerer als sonst, wie viele Geschäftsleute beklagten, die von einer "Geisterstadt" sprachen. Sei’s drum, man kann ja nicht gleich alles auf einen Schlag überreißen.

Kaum erreichte Dichte in der Spitze

Viel wichtiger als Big Ben und Piccadilly Circus ist sowieso erst einmal, dass Podolski sich auf dem Fußballplatz zurecht findet. Und auch da gibt es in seiner neuen Welt so einiges zu entdecken. Zunächst einmal eine in Europa kam erreichte Dichte in der Spitze: Mit seinem Arsenal, den weiteren Londoner Klubs Chelsea und Tottenham, dem Manchester-Duo City und United sowie Liverpool verfügt die Premier League über sechs große Teams, deren Anspruch es in der Regel ist, Meister zu werden.

Bei manchen klappt das besser, bei anderen weniger gut. So wartet Liverpool seit 1990 auf den Meistertitel, Tottenham gar seit 1961. Beide gelten denn auch diese Saison allenfalls als Geheimtipps, und auch das nur wegen ihren neuen Trainer.

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Noch unkalkulierbarer

Bei den Spurs gibt es eine zweite Chance für André Villas-Boas, der in Portugal alle Rekorde brach, um dann vorige Saison bei Chelsea zu scheitern, und der jetzt sagt: „Ich habe meine Lektion gelernt.“ Bei Liverpool übernahm Brendan Rodgers, die englische Trainersensation der letzten Jahre, der Swansea City ein Tiki-Taka spielen ließ, das den Walisern den Spitznamen „Swanselona“ einbrachte.

Nach der spannenden, vergangenen Saison mit einer Meisterschaftsentscheidung in der 94. Minute des letzten Spieltags kommt die neue Runde noch unkalkulierbarer daher. Denn die unmittelbaren Herausforderer von Titelverteidiger Manchester City haben ihre Sturmreihen kräftig durcheinander gewirbelt.

Scheichklub ist bescheiden

Den Stadtrivalen United sieht dessen Trainerlegende Alex Ferguson nach den Akquisitionen von Shinji Kagawa und Robin van Persie als eine der "besten Angriffsmächte Europas". Champions-League-Sieger Chelsea verpflichtete neben Marko Marin mit dem Belgier Eden Hazard sowie dem Brasilianer Oscar zwei der begehrtesten Offensivkräfte der Welt, um Fernando Torres das Toreschießen wieder leicht zu machen. Arsenal wiederum verlor zwar van Persie, aber die Erwartungen sind dank der Einkäufe von Podolski, Mittelstürmer Olivier Giroud und Spielmacher Santi Cazorla optimistisch.

Ironischerweise war ausgerechnet Scheichklub City am bescheidensten. Nach Ausgaben von um oder teils deutlich über 100 Millionen Euro in den letzten vier Sommern begnügte man sich diesmal mit dem perspektivischen Zukauf des hoch gehandelten Mittelfeldtalents Jack Rodwell von Everton.  Dafür machte City diese Woche mit einem bemerkenswerten Schritt auf sich aufmerksam. Der Klub kündigte an, alle intern erhobenen Leistungsdaten der letzten Saison auf seiner Webseite zu veröffentlichen.

Baldiges Ende der Entfremdung

So etwas galt bislang als Top Secret, gerade in der Premier League, wo sich die Klubs viel stärker abschotten als etwa in der Bundesliga. Der Neu-Londoner Podolski betritt ja auch einen Fußballbetrieb, wo Mogule, Oligarchen und Heuschrecken gegeneinander zu Felde ziehen. Wo selbst überschaubar begabte Kicker zu Halbgöttern hochgejubelt werden. Wo Typen wie der nach seiner jüngsten Randale im letzten Ligaspiel der vergangenen Saison für zwölf Partien gesperrte Joey Barton (Queens Park Rangers) ihre Marotten zwischen Genie und Wahnsinn ausleben.

Im Zuge der Olympischen Spiele von London hat bei manchen Beobachter fast so etwas wie Ekel vor den hysterischen Fußballer eingesetzt. Die Arroganz der Premier-League-Maschinerie wird unvorteilhaft verglichen mit den nahbaren und sympathischen Olympia-Startern. Man darf jedoch getrost davon ausgehen, dass es mit dieser Entfremdung bald wieder vorbei ist – wenn die Erinnerungen an London 2012 allmählich verblassen, die Ruderer und Judoka wieder in ihrer Anonymität verschwinden und der Fußball allwöchentlich seine gesammelten Schönheiten und Hässlichkeiten präsentiert. Also ab diesem Samstag.

Platz sechs ist wie die Meisterschaft

Dann geht es los, und neben dem ganzen Hype wird Podolski auf kurz oder lang auch dieser unvergleichlichen Romantik begegnen, die sich der Inselfußball trotz allem vielerorts bewahrt hat. Die Fans, die jeden Einwurf bejubeln, die matschigen Felder in düsterem Herbstlicht, der Glaube auch unterlegener Mannschaften, dass bis zum Abpfiff immer alles möglich ist.

Ein Klub wie Everton, 1878 gegründet, 108 Spielzeiten erstklassig, mit einem 1892 eröffneten Stadion und einem Manager wie David Moyes, der in sein elftes Dienstjahr geht, obwohl nie Geld da ist und ihn schon viele abwerben wollten. Jahr für Jahr bringt er Everton immer irgendwo in die Gegend um Platz sechs, und Jahr für Jahr ist das eine Leistung wie anderswo die Meisterschaft.

Podolski trifft zum Auftakt auf Sunderland, einen Mittelklasseklub mit immenser Tradition und unverwüstlichen Anhängern. Wenn Podolski deren Rufe nicht verstehen sollte, braucht er sich im Übrigen nicht zu grämen. Die "Mackems"“ aus dem Nordosten sprechen einen so heftigen Dialekt, dass sie auch viele Briten vor Rätsel stellen. Es muss dann also nicht an seinem Englisch liegen.

Quelle: t-online.de

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