
02.02.2012, 15:11 Uhr
Den Amateurfußball im Fokus: Blickpunkt Amateure. (Quelle: Fussball.de)
Von Sebastian Schlichting
Kurz vor 18 Uhr, eine Sporthalle in Berlin-Wilmersdorf. Der Organisator (und Hallensprecher in einer Person) des Kreisliga-C-Turniers greift zum Mikro und begrüßt die etwa 20 Zuschauer sowie die fünf Mannschaften zur Zwischenrunde. Fünf sollen es jedenfalls sein. Momentan sind drei in der Halle, wobei die Spieler von zwei Teams noch wild die Bälle hin und herbolzen. Eine weitere Mannschaft schlendert grad in alle Ruhe rein, eine fehlt komplett. Der Mann mit den Trikots ist noch nicht da. Aber immerhin eines von fünf Teams hat sich in einer Reihe aufgestellt und lauscht der Ansprache.
Nur eine kleine Szene, aber auch ein Symbol für den Berliner Hallenfußball in den unteren Ligen. Mitunter etwas chaotisch, aber doch liebenswert. Und wenn es doch mal heißer wird, ist die Sache - abgesehen von zwei Vorkommnissen in diesem Winter - meist ebenso schnell wieder vergessen wie die Spielzeit abläuft. Hier ist der durchgestylte Profi-Fußball so weit weg wie die Kreisliga C von der Champions League. Und das gilt natürlich nicht nur für Berlin. Überall in Deutschland haben in den letzten Wochen Kinder, Männer, Frauen, Oldies usw. unterm Dach gekickt. Ein Lückenfüller für den Fußball draußen? Nein, mehr. Viel mehr. Die Halle bietet auch im Amateur-Bereich das, was es bei den Profis nicht mehr gibt: Fußball ohne Firlefanz.
Wer Fußball nur dann als solchen ansieht, wenn mindestens Real Madrid und Manchester United auf dem Platz stehen, sollte ab Mitte Dezember Skispringen im TV schauen. Denn Szenen wie diese sind kein Einzelfall, sondern ab einer bestimmten Spielklasse die Regel: Spieler A und B von verschiedenen Teams gehen zum Ball und rennen sich über den Haufen, C will klären, fällt über die Kugel und verursacht einen Eckball, D prügelt diesen ungebremst einmal durch die Halle ins Aus. Wer darüber schmunzeln und ursprünglichem Amateur-Fußball etwas abgewinnen kann, dem kann man nur zurufen: Auf in die Halle.
Ich kenne genug Leute, die genau dieses Motto leben. Und entgegengesetzt zum allgemeinen Trend zurückgehender Zuschauerzahlen werden es immer mehr. Meine Freundin fragt inzwischen nicht mehr, ob ich abends in der Halle bin, sondern wo. Die Tage teilen sich in "vor dem Hallenturnier", "beim Hallenturnier" und "nach dem Hallenturnier". Nachts höre ich manchmal das monotone Klacken der runterlaufenden Spielzeit-Uhr auf der Anzeigetafel. Ach nee, ist doch nur die Uhr an meiner Wand. Und dass ich mich fürs nächste Spiel "bereit halten" soll (der Standardaufruf der Sprecher für die Teams der nächsten Begegnung), muss ich auch geträumt haben.
Spielklassen sind zweitrangig. Hauptsache, der Ball rollt unterm Dach. Und sei es in der Frauen-Bezirksliga. Dort unterhalten wir gute Kontakte zum Hallensprecher und bekommen in den Spielpausen unsere Musikwünsche serviert. Und sind sie auch noch so ausgefallen, wie etwa ein Stückchen von Karl Dall oder Ekki Göpelt. Wohlfühl-Atmosphäre vom Feinsten.
Da will keiner fehlen. Nehmen wir nur mal meinen Kumpel Daniel. Hat öfter angekündigt, dass "es diese Woche ganz eng wird". Arbeit und so, wir müssten das verstehen. Und wer saß regelmäßig pünktlich zum ersten Anpfiff in der Halle? Klar, Daniel. Nicht selten ausgestattet mit mehreren Mettbrötchen.
Auch so ein Ding, das zum festen Bestandteil der Halle geworden ist. Mettbrötchen mit Zwiebeln und Pfeffer. Die besten gibt’s in der Sporthalle Schöneberg, unter Eingeweihten längst „Mett-Halle“ getauft. Nur einmal haben sie uns enttäuscht: Landesliga-Vorrunde, es dauert nicht lang bis zu Daniels Ausruf "Ich hol jetzt Mett." Zwei Minuten später kehrt er zurück. Mit leeren Händen und einem Blick, als hätte die Bundesregierung soeben die Hallenturniere abgeschafft. Mit Mühe bringt er ein "Brötchen-Lieferant ist nicht gekommen" heraus.
Mettbrötchen, Pils und beste Unterhaltung im Zehn-Minuten-Takt, das sind die Zutaten für die Faszination Halle. Es sind die kleinen Geschichten, die das Ganze zu etwas Großem werden lassen. Mannschaften, die zu Beginn einer Partie mit allen verfügbaren Spielern auf dem Parkett stehen. Insgesamt acht, und damit vier zu viel. Schiedsrichter, die im charmantesten Berliner Ton auf Verfehlungen hinweisen ("Wennse keene Schuhe mit hellen Sohlen haben, müssense sich eben welche leihen").
Und natürlich Hallensprecher (ohnehin die heimlichen Stars der Veranstaltung), die permanent das schöne Wort "Vertretungen" für Mannschaften verwenden, mit uns gemeinsam "beim Stand von 3:2 für xy in die letzte Spielminute" gehen und gern im vorletzten Spiel des Abends die Aufstellungen noch einmal verlesen - als Service für die "später hinzugekommenen Zuschauer".
Die Turniere neigen sich dem Ende entgegen. Pünktlich zum Wintereinbruch wird in Berlin wieder draußen gespielt. Aber der nächste Dezember kommt schneller als man denkt. Dann ist endlich wieder Hallen-Zeit.
Quelle: FUSSBALL.DE
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