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Fortuna Köln: Champagner, Präsidenten und ein Auswärtstor

27.04.2013, 11:07 Uhr | FUSSBALL.DE

Hannes Linßen (li.) als Spieler und Trainer sowie der verstorbene Mäzen Jean Löring (re.) haben das Bild der Fortuna über Jahrzehnte geprägt. (Quelle: imago)

Hannes Linßen (li.) als Spieler und Trainer sowie der verstorbene Mäzen Jean Löring (re.) haben das Bild der Fortuna über Jahrzehnte geprägt. (Quelle: imago)

Von Marc L. Merten

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher mitprägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 12: SC Fortuna Köln, Regionalliga West.

An den 21.09.1974 erinnert sich Hannes Linßen noch ganz genau. "Das war der Abend vor dem Spiel in Erkenschwick. Wir saßen nach dem Abschlusstraining noch mit Präsident Jean Löring und seiner Frau bei einem Bier zusammen. Da fragte Schängs Frau: "Sag mal, Hans, vielleicht haben die Jungs ja mal Lust auf ein Glas Champagner?"

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Die Champagner-Wette

Und weil die Fortuna bis dahin noch ungeschlagen war und der Champagner dann tatsächlich floss, kam eben jener Hans Löring, den alle außer seiner Frau nur "Jean" oder "De Schäng" nannten, auf eine Idee: "Er sagte: 'Jungs, wenn Ihr morgen gewinnt, bekommt jeder von Euch 800 Mark auf die Hand. Aber wenn Ihr verliert, muss jeder von Euch 400 Mark zahlen'", erzählt Linßen. "Wir haben gedacht: Klar, wir sind gut drauf, Erkenschwick nicht: Die hauen wir weg!" Es kam natürlich anders: Die Fortuna verlor 2:5. "Und jeder musste im Büro antanzen und 400 Mark zahlen."

Hannes Linßen erinnert sich an viele solcher Anekdoten. Viel zu lange ist der heute 63-Jährige untrennbar mit dem Klub aus der Kölner Südstadt verbunden. Offizieller Rekordspieler mag zwar Jürgen Niggemann mit 378 Spielen sein. Doch der eigentliche Rekordmann ist der Typ mit der wirren Frisur. Zehn Jahre als Spieler, fast acht Jahre als Trainer: Linßen steht für den SC insgesamt 582 Spiele auf oder neben dem Platz.

Ein Spiel als Ebenbild der Vereinsgeschichte

Im Jahr der Champagner-Wette beginnt die Ära Linßen. Die Fortuna ist gerade nach der einzigen Erstliga-Saison ihrer Vereinsgeschichte sofort wieder abgestiegen. Der Verein, der am 21. Februar 1948 nur acht Tage nach der Gründung eines gewissen 1. FC Köln ins Leben gerufen wurde, soll von nun an eine gefühlte Ewigkeit Teil der 2. Bundesliga werden. 26 Jahre am Stück, so lange wie kein anderer Verein zuvor. Linßen ist mittendrin - und lange dabei.

So lange, dass er den größten und gleichzeitig tragischsten Moment seiner Spielerkarriere in seinem letzten wirklich großen Match im Trikot der Rot-Weißen erlebt. 1983 steht die Fortuna im DFB-Pokalfinale, der Gegner ist ausgerechnet der 1. FC Köln. Linßen, mittlerweile 33 Jahre alt, plagt sich noch mit einer Muskelzerrung herum. Doch er will unbedingt spielen. "Da habe ich mir einen Stromapparat nach Hause geholt, bin sogar nachts dreimal aufgestanden und habe mich damit selbst behandelt." Und tatsächlich, Linßen läuft auf, die Fortuna ist sogar die bessere Mannschaft. Doch vergebens: Pierre Littbarski schießt den FC zum Sieg.

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Das Spiel wird zum Ebenbild für die Geschichte der Fortuna: knapp dran, aber doch vorbei.

Die verdammte Auswärtstor-Regel

Drei Jahre später, Linßen ist mittlerweile Trainer des Klubs, verpasst er den sportlichen Aufstieg mit seiner Mannschaft nur knapp. Die Fortuna, schon im zwölften Jahr Zweitligist, qualifiziert sich für die Relegation. Gegner ist Borussia Dortmund, und der SC gewinnt das Hinspiel daheim mit 2:0. Dennoch reicht es nicht, obwohl das Rückspiel auswärts nur 1:3 verloren geht.

"Damals zählte die Auswärtstor-Regel nur im Europapokal, nicht aber in der Liga. Das ärgert mich manchmal immer noch", sagt Linßen. Stattdessen muss ein Wiederholungsspiel her, in dem der BVB die Fortuna brutal mit 8:0 aus dem Stadion fiedelt. Der Aufstiegstraum ist ausgeträumt. Knapp dran, aber doch vorbei.

"Eh Du woanders hingehst, wirst Du hier Trainer"

Doch Linßen hat als Trainer Erfolg. Auch, weil der studierte Betriebswirt von seinem Präsidenten protegiert wird. "Ich wusste ein halbes Jahr vor meinem Karriereende als Spieler, dass ich Trainer werden will. Jean Löring hat mich Weihnachten 1983 zur Seite genommen und gesagt: 'Eh Du woanders hingehst, wirst Du hier Trainer.'"

So weit, so gut. Oder nicht? "Das erste Jahr als Trainer war abenteuerlich schwierig", erklärt Linßen. Dann schweigt er, überlegt. Und lacht. "Als ich mal einem Spieler gesagt habe, dass er am Wochenende nicht spielt, hat er gemeint: 'Aber Hannes, wir sind doch Freunde!' Ich habe dann nur gemeint: 'Sag mal, bist Du blöd?' Ich hatte im ersten Jahr ein echtes Autoritätsproblem."

"Ich als Verein musste handeln"

Doch Linßen genießt das Vertrauen des einzig wichtigen Mannes im Klub: Präsident, Geldgeber, Mäzen, Patriarch und Onkel Jean Löring. Die Geschichten, die sich um "De Schäng" ranken, sind so legendär, wie er selbst. Unvergessen, wie er einen Spielbericht mit den Worten "Alles gelogen" unterschreibt, daraufhin vom DFB gesperrt wird, sich aber zum nächsten Spiel als Weihnachtsmann verkleidet unter die Fans mischt. Unnachahmlich, wie er im Dezember 1999 in der Halbzeit des Spiels gegen Waldhof Mannheim Trainer Toni Schumacher entlässt unter hinterher spricht: "Ich als Verein musste handeln."

Und unermesslich, wie viel Geld er über die Jahrzehnte in den Klub pumpt. "Er war ja kein Dietmar Hopp", sagt Linßen heute. "Er war Mittelständler. Er hat alles, was er besaß, in den Klub gesteckt. Er hat den Klub, die Spieler, die Mitarbeiter gebraucht. Das war sein Leben." Doch als bei Löring irgendwann das Finanzamt vor der Tür steht, ist es vorbei.

Der Mann, der die Fortuna seit den 60er Jahren geleitet hat und mit ihr aufgestiegen ist, geht nun auch mit ihr unter.

Das Jahr der Trauer

Dem sportlichen Abstieg 2000 folgt fünf Jahre später der finanzielle Ruin. In den ersten drei Monaten im Jahr 2005 trägt die Kölner Südstadt Trauer. Erst muss der Klub im Januar den Spielbetrieb einstellen. Dann stirbt der ehemalige Patriarch Löring am 6. März 2005 an einer schweren Krankheit.

Es bedarf einer groß angelegten Spendenaktion und einem Benefizspiel gegen den 1. FC Köln, um den Klub zu retten. Und im Oktober 2006 treffen die Mitglieder eine weitreichende Entscheidung. Sie ernennen den ehemaligen Leichtathleten Klaus Ulonska zum neuen Präsidenten.

"Niemand ist wie de Schäng"

Mit dem charismatischen Glatzkopf geht es wieder aufwärts. Das Fan-Demokratie-Projekt "deinfussballclub.de" scheitert zwar. Doch dank des erfolgreichen Unternehmers an der Spitze geht es für die Fortuna wieder aufwärts - bis in die Regionalliga West. "Mit Ulonska hat der Klub wieder eine Person mit ungewöhnlicher und positiver Art", sagt Linßen. "Er verleiht der Fortuna ein Gesicht." So wie einst Jean Löring? Die Frage stelle sich nicht, findet Linßen. "Niemand ist wie de Schäng."

Aber Ulonska will dahin, wo der Klub mit Löring einst war: mindestens in die Zweite Liga. Nach Jahren der Tristesse ist diese nicht mehr weit weg. Bereits in der zweiten Saison in der Regionalliga West spielt die Fortuna um den Aufstieg in die Dritte Liga mit. Doch die Rot-Weißen haben zuletzt einige Rückschläge erlebt. Am Ende der Spielzeit wird es wohl "nur" Platz zwei werden. Wie so oft in der Vergangenheit also: knapp dran, aber doch vorbei.

Quelle: FUSSBALL.DE

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