
05.11.2012, 18:47 Uhr | FUSSBALL.DE
Frank Rohde (li.) im Trikot des BFC Dynamo Berlin kämpft mit dem Dresdner Torsten Gütschow um den Ball. (Quelle: imago)
Von Jochen Breideband
Sie spielten in vollbesetzten Arenen und waren einem Millionenpublikum bekannt. Sie waren Bundesliga-Profis und zum Teil Nationalspieler. Zum Ende ihrer Karriere oder danach erinnern sich nicht wenige Stars an ihre Wurzeln: FUSSBALL.DE stellt in einer Serie ehemalige Profikicker vor, die jetzt das Bild des Amateurfußballs mitprägen. Heute, Teil 14: Frank Rohde, früher Nationalspieler der DDR und in der Bundesliga für den Hamburger SV am Ball, heute Trainer beim SV Falkensee-Finkenkrug in der Brandenburgliga.
Legendäre Momente. Da denkt man an Triumphe, an Trophäen, vielleicht an Tragödien. Bei Frank Rohde hatten die legendären Momente nicht zuletzt etwas Skurriles.
Sein legendärstes Europapokalspiel hat der heute 52-Jährige im Weserstadion erlebt. Es war ein magischer Abend – jedenfalls für Werder Bremen. Weniger für Rohde und den DDR-Meister BFC Dynamo. Mit 0:5 wurde der DDR-Rekordmeister planiert, das Hinspiel hatte Dynamo 3:0 gewonnen. Werder war weiter. "Später wurde erzählt, dass Bremens Manager Willi Lemke mit uns vorher einkaufen war – absoluter Quatsch", erzählt Rohde: "Die Bremer haben sich einfach in einen Rausch gespielt."
Sein legendärstes Tor? Hat Frank Rohde im Trikot von Hertha BSC erzielt. Dummerweise in die falsche Richtung. Sein Rückpass in der Partie gegen Jena holperte Torwart Walter Junghans über den Spann, schon war das Malheur perfekt. Die Zuschauer der ARD fanden es so lustig, dass sie den Treffer zum Tor des Monats wählten.
Weil bei der Hertha zu der Zeit dicke Luft herrschte und es hinter den Kulissen einige Irritationen gab, war Rohde der bis heute einzige Spieler, der die ARD-Medaille nicht in Empfang nahm – 18 Jahre lang. Erst im April 2011 wurde die Ehrung nachgeholt. Moderator Klaus Schwarzer und ein Fernsehteam kamen extra zum SV Falkensee-Finkenkrug, zu dem Klub, den Rohde in der Brandenburgliga trainiert. "Für den Verein eine Riesensache", sagt der ehemalige Nationalspieler der DDR.
Wer konnte da ahnen, dass das Fernsehen schon bald wieder da sein würde. Im Juni dieses Jahres setzte sich der SV Falkensee-Finkenkrug sensationell im Finale des Brandenburg-Pokals gegen den drei Klassen höher angesiedelten SV Babelsberg 03 durch und qualifizierte sich damit für die erste Hauptrunde des DFB-Pokals. Dort bekam der Sechstligist den VfB Stuttgart zugelost. Das größte Ereignis der Vereinsgeschichte. "So etwas werden die Jungs nie mehr erleben, das werden sie ihr Leben lang nicht vergessen", sagt der Coach. Rohdes Schützlinge verkauften sich teuer, hatten beim 0:5 aber erwartungsgemäß keine Chance.
Die Spieler kennen die Vergangenheit ihres Trainers, sie kennen die Geschichten. Sie haben das Eigentor und die Ausschnitte vom Bremen-Spiel gesehen, zeigen sie sich gegenseitig auf ihren Handys. Natürlich flachsen sie gerne mal über die alten Geschichten. Frank Rohde mag das, er lacht gerne mit. Wenn er von früher erzählt, merkt man, da ist einer mit sich im Reinen. Denn seine Profikarriere war vor allem eines: ziemlich erfolgreich. Neun Mal wurde er Meister in der DDR, zwei Mal gewann er den Pokal. 200 Einsätze bestritt er in der DDR-Oberliga, in der Bundesliga kamen noch einmal 103 für den HSV dazu. Überall war er Führungsspieler, überall war er Kapitän.
Rohde nennt es ein Privileg, die Wiedervereinigung als Fußballprofi erlebt zu haben. Die Ereignisse haben sich fest eingebrannt, die großen ebenso wie die kleinen. Etwa als die Familie beim Wochenendausflug in einem Potsdamer Hotel schnell auscheckte, weil die Grenze offen war und die Ehefrau unbedingt West-Berlin sehen wollte. Oder als Rohde seinen Mitspieler Andreas Thom nach Leverkusen zu den ersten Gesprächen mit Manager Reiner Calmund begleitete, weil der junge Thom einen erfahrenen Vertrauten an seiner Seite haben wollte.
Frank Rohde begrüßt im August 2012 den VfB-Trainer Bruno Labbadia.
Thom wechselte zu Bayer, Rohde kurze Zeit später zum Hamburger SV. "Eine sehr schöne Zeit – und eine sehr lehrreiche", erzählt der frühere Abwehrspieler. Die Medien, der Konkurrenzkampf, das Flair – vieles war neu, vieles war ungewohnt. Rohde akklimatisierte sich schnell, übernahm nach dem Abgang von Dietmar Beiersdorfer nach Bremen sogar die Spielführerbinde. "Dabei war ich ursprünglich nur das Mitbringsel neben unserem jungen Superstar Thomas Doll", erzählt er lächelnd.
Nach drei Jahren HSV und zwei Jahren Hertha beendete der gebürtige Rostocker 1995 seine Karriere. Übergangslos stieg er ins Trainergeschäft ein, war für die Reinickendorfer Füchse aus Berlin und den FC Sachsen Leipzig in der – zu dieser Zeit drittklassigen – Regionalliga tätig. Nach einem Gastspiel beim Chemnitzer FC, das während der Saison 2004/2005 endete, verabschiedete sich Rohde in den Amateurfußball.
Heute trainiert er in der 6. Liga – und genießt es in vollen Zügen. "Ich habe Abstand gefunden und vermisse nichts", betont der Vater von zwei erwachsenen Kindern. Nach insgesamt 18 Umzügen ist Rohde zur Ruhe gekommen. Er hat ein Häuschen im Grünen, bis Berlin ist es eine halbe Stunde. Der Ort heißt Bärenklau und ist ähnlich idyllisch, wie er sich anhört. "Ich bin in meiner aktiven Zeit oft über Grenzen hinausgegangen", sagt Rohde, "ich musste nach all den Jahren mein Leben runterfahren."
Natürlich gehört sein Herz weiterhin dem Fußball. Rohde verfolgt die Entwicklungen genau, ob Nationalmannschaft ("Toller Fußball") oder Hertha ("Gehört in die Bundesliga") mit Trainer Jos Luhukay, mit dem er einst beim A-Lizenz-Lehrgang ein Zimmer teilte. Um zu unterstreichen, welchen Stellenwert der Fußball in seinem Leben hat, erzählt Rohde im Gespräch die Anekdote von seiner Lehre, die neben der sportlichen Karriere vorgegeben war. "In der Schlosserei waren sie immer froh, wenn ich nicht gekommen bin", behauptet er: "Beim ersten Mal habe ich den Trennschleifer zu fest runtergedrückt, da sind die Sicherungen rausgeflogen, und sie haben mich schnell wieder heimgeschickt."
Am Amateurfußball schätzt Rohde die Ursprünglichkeit und "dass man mehr oder weniger in Ruhe gelassen wird". Für die Spieler möchte er ein "väterlicher Freund" sein. Einer, der Disziplin und Freude vermittelt und auch mal ein offenes Ohr hat. Oder zwischendurch eine Geschichte von damals erzählt. Ob vom Eigentor, von Werder oder von seinen Spitznamen "Wuschi", den ihm als F-Jugendlicher sein Trainer verpasste, weil er so dünne Haare hatte.
Quelle: FUSSBALL.DE
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