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Helmut Schön: Gedenken an einen Jahrhunderttrainer

15.09.2010, 11:06 Uhr | DFB.de

Der "Mann mit der Mütze": Helmut Schön, Weltmeistertrainer von 1974. (Foto: imago)

Der "Mann mit der Mütze": Helmut Schön, Weltmeistertrainer von 1974. (Foto: imago)

Legenden leben ewig: Helmut Schön wäre am 15. September 2010 stolze 95 Jahre alt geworden. Das war ihm leider nicht vergönnt. Am 23. Februar 1996 verstarb eine der größten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs im Alter von 80 Jahren. Für FUSSBALL.de beleuchtet der Historiker und Autor Udo Muras das Leben des deutschen Nationalspielers und Bundestrainers Helmut Schön. (Zum Weiterlesen: Helmut Schön, der Ausnahme-Spieler)

Nach dem Krieg wird auch im Fußball vieles anders. Schöns geliebter DSC wird von den Besatzern aufgelöst, in der Sowjetischen Besatzungszone werden Bezirkssportvereine gegründet, und spielen dürfen dort nur Einheimische. Schön wohnt in Friedrichsstadt, und so wird er mit 30 Jahren Spielertrainer der SG Dresden-Friedrichstadt – und ab Mai 1949, was nur wenige wissen, erster Trainer der DDR. Seinen Trainerschein erwirbt er in Leipzig. Offizielle Länderspiele bestreitet die "Ostzonen-Auswahl" unter Schöns Ägide aber nie, denn er verlässt Dresden und die SBZ Anfang 1950.

In Köln erwirbt Schön im ersten Lehrgang nach dem Krieg unter Sepp Herberger die Trainer-Lizenz und heuert 1950/1951 bei Hertha BSC und 1951/1952 beim SV Wiesbaden als Spielertrainer an. Wiesbaden wird sein Zuhause, als es vorbei ist mit dem Spielen.

1953: Mit dem Saarland gegen Deutschland

Mit 37 lässt er den Ball ruhen und folgt dem Ruf des Saar-Verbandes, der einen Auswahltrainer sucht. Die Saar ist in Folge der Neuordnung nach dem Krieg 1952 selbstständig, und das Schicksal will es, dass sie vor der WM 1954 mit Deutschland in eine Qualifikationsgruppe gelost wird. Und so muss Helmut Schön gegen sein Land spielen (lassen) – und gegen seinen Förderer Sepp Herberger, unter dem er Nationalspieler geworden ist.

Vermutlich hat Helmut Schön im Leben nie lieber verloren als 1953 in Stuttgart (0:3) und 1954 in Saarbrücken (1:3). Herzlich gratuliert er danach Herberger, und auf dem Bankett erntet er einen Lacher, als er sagt: "Dann werdet eben ihr Weltmeister."

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"Das Wunder von Bern" verzaubert ihn

Am 4. Juli 1954 ist es tatsächlich so weit, und am nächsten Morgen steht Schön in Spiez ergriffen an der geöffneten Hotelzimmertür und beobachtet Sepp Herberger beim Kofferpacken. Wortlos geht er hinein und drückt seinen Förderer voller Dank für das Wunder von Bern. Es ist ihm einfach ein Bedürfnis gewesen. Dieser Moment ist Schön so nahe gegangen, dass er ihn in seinen Memoiren festgehalten hat.

"Immer den Ehrgeiz, besser als die anderen zu sein"

Und er mag ihn getrieben haben in all den Jahren, die noch gekommen sind. Sepp Herbergers Erbe war ihm Verpflichtung. "Ich hatte immer den Ehrgeiz, besser als die anderen zu sein", hat Schön gesagt. Auf der Trainerbank wird er jedenfalls für sein Pech als Nationalspieler entschädigt.

Bei den WM-Turnieren 1958 und 1962 steht er noch in der zweiten Reihe und ist ein loyaler Assistent Herbergers. Auch dann, als ihn der Detail versessene Chef am Tag vor dem Halbfinale 1958 ins leere Rasunda-Stadion von Göteborg schickt, um den Sonnenverlauf während der Spielzeit zu studieren. Das kann ihrer Freundschaft nichts anhaben.

Am 12. Mai 1964 übernimmt Schön dann offiziell den Bundestrainer-Posten, auch wenn Herberger noch ein Abschiedsspiel im Juni in Helsinki bekommt. Schön selbst muss noch ein halbes Jahr auf seine Premiere warten, und wie als Spieler 1937 in Altona geht es wieder gegen die Schweden. Nach dem 1:1 in Berlin gibt es Pfiffe, die WM-Teilnahme ist in Gefahr. Aber Gefahrenmomente hat der Trainer Helmut Schön viele zu überstehen, und fast immer klappt es. Als er heimkehrt von der Premiere, sagt er seiner Anneliese nur: "Dann müssen wir halt in Schweden gewinnen."

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WM-Qualifikation: Schöns Risiko wird belohnt

Mit Hilfe des Rückkehrers Uwe Seeler und des Debütanten Franz Beckenbauer gewinnt Deutschland 1965 in Stockholm 2:1 und fährt zur WM nach England. Schön ist Risiko gegangen und wird belohnt. Vor dem Spiel hat er durch ein Versehen einen Trageholm der Massagebank zerbrochen. Er nimmt ihn mit als Andenken an den Tag von Stockholm, als die Weichen der Trainerkarriere des Helmut Schön auf Erfolg gestellt werden. In England erreicht die Mannschaft das Finale und wird durch die Art der Niederlage unsterblicher als mancher Sieger. Vom Wembley-Tor und dem Anstand der Betrogenen ist bis heute die Rede.

Auf dem Römer in Frankfurt feiern die Menschen die Spieler, Helmut Schön aber wird fortan geachtet. Der Kredit reicht zumindest, um die größte Krise zu überstehen: Tirana Dezember 1967 – ein 0:0 gegen Albanien kostet die EM-Teilnahme. "Weshalb unterschätzt unsere Mannschaft Albanien, wo doch vorher alle Möglichkeiten durchgepaukt worden waren", klagt Schön. Die Boulevard-Presse fordert seinen Rauswurf, der Österreicher Max Merkel wird ins Spiel gebracht. Der DFB spielt nicht mit und vertraut Schön, dem wiederum seine Spieler vertrauen.

Das Geheimnis der Erfolge, die nun kommen werden, hat am wenigsten mit dem Glück zu tun, was ihm gelegentlich attestiert wird. Gewiss ist es ein Glück, derart viele Spielerpersönlichkeiten zur selben Zeit zur Verfügung haben zu können: Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Wolfgang Overath oder Gerd Müller waren Jahrhundert-Fußballer. Aus ihnen eine Spitzenmannschaft zu formen, die funktioniert, wenn es darauf ankommt, und Eitelkeiten zurückstellt, ist Schöns Verdienst.

Goldene Siebziger unter Helmut Schön

Der deutsche Fußball erlebt nun große Tage, es sind die Goldenen Siebziger. In Mexiko 1970 gibt es zwar nur Bronze, aber in großen, noch heute gerühmten Fußball-Schlachten gegen England und Italien erntet Deutschland Lob aus aller Welt. Schön erhält das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Uwe Seeler tritt nun ab, Franz Beckenbauer aus seinem Schatten. 1972 führt der "Kaiser" mit Netzer im Schlepptau die Auswahl zum historischen ersten Sieg in Wembley und dann in Brüssel zum EM-Titel. Die Welt sieht die vielleicht beste deutsche Elf aller Zeiten - und Schön ist ihr Schöpfer.

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"Der Helmut Schön wollte keinen Ärger"

Er weiß umzugehen mit den Jung-Unternehmern am Anfang einer neuen Epoche des Profifußballs. Die lange Leine, mit der er sie führt, ist in den rebellischen Siebzigern, wo die Jugend gegen jegliche Autorität aufbegehrt, nicht die schlechteste Methode. Er wird in 14 Jahren nie einen Spieler suspendieren müssen, was mit seiner Art zu tun hat. "Der Helmut Schön wollte keinen Ärger", sagte es Gerd Müller schlicht.

Er war ein Harmoniemensch, der "in jedem Menschen das Gute gesucht und gesehen hat", rief ihm Kicker-Herausgeber Karl-Heinz Heimann 1996 nach. Dennoch hat Schön nicht für alles Verständnis. Aus Malente will er vor der WM 1974 abreisen, weil er den Poker um die Prämien nicht mehr erträgt, mit Paul Breitner überwirft er sich zunächst. "Fußball und Geld sind bei mir nie die ideale Ehe eingegangen. Fußball war etwas fürs Herz, Geld fürs Portemonnaie", hat der Bundestrainer später gesagt. Aber er nimmt dann doch nicht den schon herausgesuchten Zug nach Frankfurt, DFB-Präsident Hermann Neuberger kann ihn am Telefon beruhigen. Ebenso wie die Spieler.

Mit Paul Breitner führt Schön am nächsten Tag ein langes Gespräch auf dem Trainingsplatz, dann ist wieder Frieden im deutschen Lager. Am 7. Juli 1974 werden sie Weltmeister, 2:1 gegen Holland. Schön ist nun auf dem Gipfel, es kann eigentlich nur noch bergab gehen. An diesem Sonntagabend ist ihm das egal.

Der Mann mit der Mütze

Er spricht dem Alkohol zu, so wie man es nach einem WM-Triumph durchaus machen darf – und lässt sich in der Nacht zu Montag durch halb München fahren. Er weiß nicht mehr, in welches Hotel man ihn einquartiert hat, und so wird der Trainer des frisch gebackenen Weltmeisters auf der Suche nach einem Bett im eigenen Land mehrmals höflich abgewiesen. Nach Stunden findet er doch eines.

Ein Volksheld ist er nie geworden. "Er hat in seinem Wesen professorale Züge, dass man hinter ihm ohne Weiteres auch einen Wissenschaftler vermuten könnte – wer ihn nicht kennt, würde nicht unbedingt auf einen Fußballpädagogen tippen", schreibt das Sport Magazin schon zu seinem Amtsantritt im Juni 1964.

Sympathien aber hat Schön mit zunehmendem Alter gewonnen, die ihren Ausdruck sogar in einem Lied fanden. Udo Jürgens hat ihn zum Abschied besungen – den "Mann mit der Mütze". Die karierte Schirmmütze ist sein Markenzeichen geworden.

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Kein Mann der Medien

Auf selbige gab es zum Ende hin aber immer mehr Kritik. Er hat sie ertragen. Trainer stehen ja immer in der Kritik, und ein verschossener Elfmeter im EM-Finale (Uli Hoeneß 1976 in Belgrad) ist zwar nicht seine Schuld, aber doch sein Verantwortungsbereich. Und je nach Sympathie oder Kalkül wird er verantwortlich gemacht. "Es gibt heute noch Sportjournalisten, die mir vorwerfen, dass ich damals den Arm um Ulis Schulter gelegt habe", ärgert sich Schön 1978.

Helmut Schön ist kein Mann der Medien gewesen. Auf Kritik reagiert er oft empfindlich, und ihre Ansprüche sind ihm fremd. Sie dienen nicht der Sache, der er dienen will. 1974 sorgt er für einen Aufruhr, weil er bei der WM im eigenen Land eine offizielle Pressekonferenz schwänzt, um beim Training zu sein. Das geht vor, das ist doch seine Arbeit.

So kennt er es. Pressekonferenzen aber hat er als Spieler nie kennengelernt, und die Reporter seiner Zeit waren von anderem Kaliber. "Lieber Helmut, was soll ich heute bloß über Sie schreiben?", fragte ihn einst ein Chefredakteur nach einem schwachen Länderspiel und holte sich quasi den Segen für eine etwas weniger freundliche Kritik ab. All das hat sich geändert, spätestens mit Gründung der Bundesliga 1963.

Der Kaiser dankt ab

Und die Ansprüche sind gewachsen nach zwei Titeln in Folge. Nun, 1976, ist der erste weg. Bald darauf verlässt Franz Beckenbauer die Bundesliga gen New York. Das ist auch das Aus in der Nationalmannschaft. Ein Jahr vor der WM in Argentinien verliert Schön seinen verlängerten Arm, den Weltklasse-Libero und Kapitän. Wie die prompt in Abstiegsgefahr geratenen Bayern verkraftet auch die Nationalmannschaft diesen Verlust nicht. So, wie es auf die Schnelle keinen neuen Müller, Netzer und Overath mehr gibt in jenen Tagen, gibt es auch keinen zweiten Kaiser Franz.

Letzte Dienstfahrt nach Argentinien

Vergeblich versucht Schön, Beckenbauer für die WM frei zu bekommen. Die Amerikaner wollen ihn aber nicht für Testspiele anreisen lassen, und ungetestet kann selbst der Kaiser nicht zu einer WM. Pech. Auch bei Jürgen Grabowski rennt Schön gegen verschlossene Türen.

Argentinien wird seine letzte Dienstfahrt, das weiß er schon vorher. Der Rücktritt steht fest. Er glaubt selbst kaum an den Titel: "Wie schrecklich jung die meisten doch sind." Aber dass es nur einen Sieg in sechs Spielen gibt, das glaubt er auch nicht. Das Ende ist bekannt – Cordoba. Ausgerechnet ein Tiefpunkt der deutschen Länderspielgeschichte markiert Helmut Schöns Endpunkt als Bundestrainer. Er hätte einen besseren Abgang verdient gehabt, daran besteht kein Zweifel.

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Ovationen zum Abschied

Selbst das Abschiedsspiel, das ihm zu Ehren im November 1978 in Frankfurt (gegen Ungarn) ausgetragen wird, misslingt: Es wird nach 60 Minuten beim Stand von 0:0 wegen Nebels abgebrochen. Aber auch der kann den Beifall nicht verschleiern, der von den Rängen niederprasselt, als Schön am Mikrofon Abschied nimmt. "Ich gehe vom grünen Rasen, verlasse jetzt die sehr oft harte Trainerbank und gehe zurück auf die Tribüne. Dank für die Jahre in Freundschaft."

Dann geht er heim nach Wiesbaden-Klarenthal, in seinen Bungalow mit Pool am Waldrand. So lang es ihm vergönnt ist, lebt er nun in Erinnerungen an große Tage. Die Zahlen allein nicht ausdrücken können. Aber die Nachwelt darf wohl staunen über 139 Spiele, 87 Siege (davon 50 ohne Gegentor), 31 Unentschieden und nur 21 Niederlagen.

"Es hat sich gelohnt"

Lassen wir Schön - mit seinen Worten aus dem Jahr 1978 - selbst bilanzieren: "Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen: Es hat sich gelohnt. Natürlich hat es auch Ärger gegeben, Sorgen und Probleme. Siege haben mir Freude bereitet – aber mehr lernen kann man aus Niederlagen." Helmut Schön geht nicht nur als erfolgreichster Bundestrainer in die DFB-Geschichte ein. Aus dem Knaben, der in der Küche das Fußballspielen lernte, ist eine Persönlichkeit geworden, die allen Nachfolgern zum Vorbild gereicht.

"Kicker"-Chefredakteur Heimann schrieb nach dem Tode des Trainers: "Helmut Schön war nicht nur ein ´Langer´, sondern vor allem ein Großer des deutschen Fußballs – ein Freund für alle ihm Anvertrauten, aber kein Kumpel. Er ließ sich durch nichts und von niemandem verbiegen. Um den deutschen Fußball hat er sich verdient gemacht."

Seine Spieler haben ihn geliebt

Seine Spieler haben ihn geliebt. Überliefert ist die Episode nach dem 3:1 in Wembley, vor dem Schön wegen seiner Aufstellung stark in der Kritik gestanden hat. Gerd Müller kommt zu den Journalisten in den Presseraum, haut mit der Faust auf den Tisch und sagt: "Und der Helmut Schön ist doch ein guter Trainer."

Zum 75. Geburtstag stehen seine Weltmeister plötzlich im Garten des Jubilars, der sich zurückgezogen hat und keine große Feier will. Aber da sind sie nun: acht Mann mit einer Riesenkiste Champagner. Schön ist den Tränen nahe und kann doch einen Witz machen: "Ich weiß schon, ich soll aufmachen und ihr trinkt. Wie früher eben."

Noch einmal kommt sie hoch, die Erinnerung an die schöne Zeit mit Schön. Er selbst vergisst danach immer mehr, die tückische Alzheimer-Krankheit hat ihn bis zuletzt im Griff. Die deutsche Fußballgemeinde aber wird ihn nie vergessen, den Mann mit der Mütze.

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