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Herbert Fandel: "Schiedsrichter sind keine Gegner"

31.12.2012, 14:10 Uhr | DFB.de

Herbert Fandel lobt deutsche Referrees und spricht sich gegen Profi-Schiedsrichter aus. (Quelle: imago\de fodi)

Herbert Fandel lobt deutsche Referrees und spricht sich gegen Profi-Schiedsrichter aus. (Quelle: de fodi/imago)

Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission, blickt zum Jahresende auf das vergangene Fußballjahr. Im Interview äußert sich der 48-Jährige über die Qualität deutscher Schiedsrichter, die Einführung von Profi-Referees, Nachwuchsförderung, Torlinientechnik und Herausforderungen, die das neue Jahr 2013 mit sich bringt.

DFB.de: Herr Fandel, zu Beginn ganz allgemein: Wie fällt Ihre Bilanz für das Jahr 2012 aus?

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Herbert Fandel: Wir haben fortgesetzt, was wir in den vorangegangenen Jahren bereits in die Wege geleitet haben: eine Modernisierung und Professionalisierung des Schiedsrichterwesens in personeller, struktureller und inhaltlicher Hinsicht. Unser Ziel ist es, unsere Spitzen-Schiedsrichter individuell zu betreuen und gerade den jungen Leuten "rund um die Uhr" als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

DFB.de: Zu den strukturellen Veränderungen gehört unter anderem ein monatliches Honorar, das die Spitzen-Schiedsrichter seit dieser Saison erhalten. Bekommen wir in Deutschland in den nächsten Jahren den "Profi-Schiedsrichter"?

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Fandel: Es ist so, dass wir deutlich höhere Ansprüche an unsere Unparteiischen stellen müssen als in der Vergangenheit. Aufgrund des Coaching-Systems, der individuellen Betreuung der Schiedsrichter, müssen diese deutlich mehr Zeit in ihre Tätigkeit investieren. Jede Spielleitung wird bis ins letzte Detail analysiert, Negatives wie Positives kommt dabei auf den Tisch. Wir wollen unsere Schiedsrichter zudem öfter bei Fortbildungen sehen. Und wenn ich ein professionelles und modernes Schiedsrichterwesen aufstellen will, dann muss ich die Schiedsrichter auch adäquat bezahlen – das ist eine Selbstverständlichkeit. Einen "Profi-Schiedsrichter", der neben dem Fußball kein berufliches Standbein mehr hat, soll es aus unserer Sicht aber auch in Zukunft nicht geben.

DFB.de: Wie bewerten Sie das aktuelle Leistungsniveau der deutschen Schiedsrichter?

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Fandel: Insgesamt ist die Qualität unserer Schiedsrichter weiterhin sehr hoch. Die Leistungen in der Vorrunde waren gut. Damit meine ich die Balance in den Spielleitungen. Dass es Einzelentscheidungen gab, die falsch oder unglücklich waren, liegt in der Natur der Sache. Wer als Schiedsrichter im Profifußball unterwegs ist, kommt um Fehler nicht herum. Mit solchen Fehlern gehen wir offen um und versuchen, deren Ursachen herauszufinden, um Lösungswege aufzuzeigen. So wollen wir Fehlerquellen minimieren.

DFB.de: War die eigene Mannschaft von einer Fehlentscheidung betroffen, dann kritisierten zuletzt manche Trainer die Schiedsrichter auch öffentlich scharf...

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Fandel: Es gibt mir zu denken, wenn ich mir das Verhalten einiger weniger Trainer im Profifußball ansehe. Es ist für mich zu erkennen, dass diese ihre Emotionen in manchen Situationen nicht kontrollieren können. Sicherlich war in Einzelfällen die Kritik berechtigt. Werden unsere Schiedsrichter allerdings vor den Fernsehkameras öffentlich kritisiert, so konterkariert dies unsere Bemühungen einer internen Kommunikation zwischen Trainern und Schiedsrichtern. Wir wollen, dass die Vierten Offiziellen moderat und ausgleichend an den Bänken operieren. Das gelingt ihnen in den allermeisten Fällen.

DFB.de: Wo liegen aktuell weitere Schwerpunkte in der Arbeit mit den Schiedsrichtern?

Fandel: Optimierungsbedarf gibt es aus meiner Sicht beim Ahnden von Ellbogenvergehen. Hier wäre mir eine härtere und konsequentere Linie lieber. Jedenfalls kann ich sehr schwer damit umgehen, wenn ein Spieler, der dem Gegner ins Gesicht schlägt oder den Ellbogen rücksichtslos einsetzt, nicht mit der Roten Karte vom Feld gestellt wird. Denn wer schlägt oder tritt, gehört nicht aufs Fußballfeld.

DFB.de: International wurden deutsche Schiedsrichter 2012 oft zu Spitzenspielen angesetzt: Wolfgang Stark leitete zum Beispiel das Endspiel in der Europa League, Bibiana Steinhaus das Finale beim Olympischen Frauenfußballturnier.

Fandel: Sieht man sich die Ansetzungen unserer Schiedsrichter im internationalen Fußball an – auch in der Champions League – erkennt man daran das hohe Ansehen, das die deutschen Unparteiischen im Ausland haben. In den Spitzenbereich, zu dem seit Jahren Felix Brych, Manuel Gräfe, Florian Meyer und Wolfgang Stark gehören, sind mittlerweile auch Deniz Aytekin und Felix Zwayer gestoßen. Beide sind junge Schiedsrichter mit großem Potenzial und starken Leistungen. Auch Marco Fritz hat im vergangenen Jahr international Fuß gefasst. All das ist ein Beleg für die gute Schiedsrichterarbeit in unserem Land.

DFB.de: Knut Kircher und Michael Weiner scheiden zum Jahreswechsel beide freiwillig von der FIFA-Liste aus und werden durch Christian Dingert und Tobias Welz ersetzt. Wie kommt es zu diesen personellen Wechseln?

Fandel: Die Änderungen auf der internationalen Schiedsrichter-Liste sind notwendig, weil viele unserer FIFA-Schiedsrichter in wenigen Jahren die Altersgrenze erreichen werden. Deshalb müssen wir jetzt zügig in allen Bereichen – international, in der Bundesliga und in der 2. Bundesliga – neue Schiedsrichter in die Wettbewerbe bringen, um die Zukunft zu sichern. Bisher ist das gut gelungen. Und auch bei Christian Dingert und Tobias Welz bin ich mir sicher, dass sie das deutsche Schiedsrichterwesen glänzend vertreten werden.

DFB.de: Wie ist es darüber hinaus um den deutschen Schiedsrichter-Nachwuchs bestellt? Mit Bastian Dankert (32) und Daniel Siebert (28) sind im Sommer ja zwei junge Unparteiische in die Bundesliga aufgestiegen.

Fandel: In den vergangenen drei Jahren hat die Schiedsrichter-Kommission zahlreiche neue Unparteiische in die höchsten Spielklassen unseres Landes hineingebracht. Dass das geräuschlos über die Bühne gegangen ist, ist ein positives Signal. Aber wir müssen auch in den nächsten Jahren dranbleiben und weitere Schiedsrichter qualifizieren. Die Mitglieder der Schiedsrichter-Kommission müssen ganz genau hinschauen: Welche Schiedsrichter haben wir vor uns? Was sind deren Kompetenzen? Wie sind ihre Leistungen? Und was können wir in Zukunft von ihnen erwarten?

DFB.de: Nach dem DFB-Bundestag im Oktober 2013 soll die Führung des Schiedsrichterwesens in einen Elite- und Amateurbereich aufgeteilt werden. Was steckt hinter diesen Plänen?

Fandel: Das ist ein weiterer notwendiger Schritt zu einem modernen und professionellen Schiedsrichterwesen. Da dieses allerdings auch in Zukunft von der Spitze bis zur Basis zusammenhängend strukturiert sein muss, wollen wir die beiden Bereiche nicht komplett voneinander trennen, sondern wir wünschen uns vielmehr eine Betonung des Elite-Bereichs. Damit verbinden wir eine gewisse Selbstständigkeit des Spitzenbereichs, um uns dort ausschließlich unseren Aufgaben im Profifußball widmen zu können.

DFB.de: Ein immer wiederkehrendes Thema in der öffentlichen Diskussion ist die Einführung der Torlinientechnologie: Nachdem der IFAB die technische Unterstützung für Schiedsrichter im Sommer gestattet hat, erklärte die Liga jüngst, die Technik im kommenden Jahr noch auf keinen Fall einsetzen zu wollen. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Fandel: Es sind Zweifel erkennbar, ob die Torlinientechnologie zu 100 Prozent funktioniert. Eine Fehlertoleranz von drei Zentimetern ist verständlicherweise noch etwas zu hoch. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Ball im EM-Spiel England gegen die Ukraine nur wenige Zentimeter hinter der Linie war. Das würde bedeuten, dass das System dieses Tor möglicherweise nicht erkannt hätte. Wenn man viel Geld für etwas ausgibt, dann muss es einwandfrei funktionieren.

DFB: Ende des Jahres wurde in den Niederlanden ein Schiedsrichter-Assistent von Jugendspielern attackiert. Der Mann starb. Ein Fall, der auch bei uns für großes Entsetzen sorgte. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat in einem Offenen Brief Respekt und Schutz für die Schiedsrichter eingefordert.

Fandel: Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass es auch in Deutschland zu Gewalt gegen Schiedsrichter kommt und es Situationen gibt, in denen Schiedsrichter bedroht werden. Das ist nicht hinnehmbar. Es muss in die Köpfe der Spieler und auch der Fans, dass die Schiedsrichter keine Gegner sind. Im Gegenteil: Die Schiedsrichter müssten die größten Freunde der Spieler sein, denn sie ermöglichen ihnen, dass sie in einem geregelten Spielbetrieb Fußball spielen können. Ohne Schiedsrichter kein Fußball – so einfach ist das. Ich sehe hier auch die Trainer und die Vereinsverantwortlichen auf allen Ebenen in der Pflicht. Die wichtigste Botschaft lautet: Es geht nur gemeinsam. Auf Basis eines respektvollen Umgangs und Miteinanders. Ich würde mich freuen, wenn jeder seine Verantwortung erkennt und sich dementsprechend verhält.

Quelle: DFB.de

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