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Löw führt das DFB-Team an seine Grenzen

12.11.2011, 08:51 Uhr

Bundestrainer Joachim Löw wechselte das DFB-Team munter durch. (Foto: dpa)

Bundestrainer Joachim Löw wechselte das DFB-Team munter durch. (Foto: dpa)

Aus Kiew berichtet Patrick Brandenburg

Das Erstaunlichste an dem spektakulären Fußballabend im Olympiastadion von Kiew war wohl dieses: Es ist schon wieder gut gegangen. Nach einem deutlichen 1:3-Rückstand zur Pause hatte sich die deutsche Nationalmannschaft gegen die Ukraine doch noch zu einem Remis gerettet. Trotz einer Wechselorgie ohne Gleichen, trotz der Premiere einer Dreierabwehrkette.

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"Ich wollte den Ernstfall proben. Wir möchten uns doch weiterentwickeln“, erläuterte Bundestrainer Joachim Löw nach der Partie mit einer gewissen Genugtuung, obwohl sein Team gegen den EM-Gastgeber nur knapp am Desaster vorbei geschrammt war.

Besser jetzt blöd aussehen als bei der EM

Denn längst sind alle Gedanken des DFB-Coachs komplett auf das Turnier in sieben Monaten ausgerichtet. Selbst eine peinliche Niederlage gegen den ersatzgeschwächten 58. der FIFA-Weltrangliste wird vom Bundestrainer als Mittel zum Zweck benutzt, um in naher Zukunft für die Konkurrenz schwerer auszurechnen zu sein. Besser jetzt blöd aussehen als bei der EM. "Vielleicht ist es im Turnier angebracht, bei einem Rückstand umzustellen“, rechtfertigte Löw den überraschenden Systemwechsel in der Abwehr. "Im Notfall müssen wir schnell und ohne viele Fragen reagieren.“ Aus diesem Grunde sollte sich die DFB-Elf im vorletzten Spiel des Jahres im Hauruckverfahren ein neues System aneignen.

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Löw: "Viele Fehler gesehen"

Dass es nicht ohne Geburtsschmerzen vonstatten geht, Holger Badstuber, Mats Hummels und Jerome Boateng zu Versuchskaninchen zu degradieren, versteht sich von selbst. Zumal, wenn es gegen einen Gegner geht, der in der Heimat als Turnierausrichter unter großem Druck steht und das EM-Finalstadion angemessen einweihen möchte; zumal, wenn der Bundestrainer die Versuchsanordnung durch drei Variablen in der Startelf und weitere sechs im Laufe des Spiels zusätzlich kompliziert. "Ich habe mehr als nur einen Fehler gesehen“, gestand der Bundestrainer, verteidigte aber sein Experiment vehement: "An der Dreierkette hat es nicht gelegen, dass wir vor der Pause schon drei Tore kassiert haben.“

Ukraine schlägt Deutschland mit den eigenen Waffen

Vielmehr habe die Zuordnung nach Standards nicht gestimmt und die sehenswert herausgespielten Kontertreffer durch Andrij Yarmulenko (28.) und Yevhen Konoplianka (36.) ermöglicht. Das dritte Tor der Gastgeber durch den sensationellen Kracher von Sergij Nazarenko (45.) verbuchte der Bundestrainer ohnehin unter der Rubrik Sonntagsschuss. Das alles ist aber vermutlich nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich begünstigte die neue Formation auch die Anfälligkeit des deutschen Spiels. Bei den ersten beiden Gegentreffern turnte die komplette deutsche Verteidigung - weil kopfballstark - bei eigener Ecke im gegnerischen Strafraum rum. Ohne Absicherung. Das Team der Sowjetlegende Oleg Blochin schlug Deutschland mit den eigenen Waffen und konterte lehrbuchmäßig. Bezeichnend, wie einzig Mario Götze beim 0:1 hinter den Ukrainern her hechelte. Doch auch im normalen Spielverlauf hing die Statik im deutschen Spiel gewaltig schief, weil Dennis Aogo links ständig auf sich alleine gestellt war und für Abwehr UND Angriff zuständig war.

"Kroos war überragend gut"

Das konnte einfach nicht gut gehen. Denn auch das deutsche Mittelfeld war mit der Fülle der Neuerungen meistens überfordert. Das vermeintliche Traumduo Götze/Mesut Özil tauchte nach viel versprechendem Beginn früh ab, als Dortmunds Shooting-Star eine Traumkombination leichtfertig vergab. Löws Lob für die beiden Ausnahmespieler wollte jedenfalls nicht so recht verfangen. "In der zweiten Halbzeit hat man schon gesehen, wie ballsicher wir mit ihnen sind.“ Der einzige, der in der Schaltzentrale für Schwung sorgte, war Toni Kroos, der im allgemeinen "Götzil-Hype“ stets unterzugehen droht. "Er war überragend gut heute und hat die Mannschaft nach vorne gezogen“, ließ sich Löw zu einem seltenen Einzellob hinreißen. In der Tat: Es war kein Wunder, dass ausgerechnet Kroos die DFB-Elf mit seinem trockenen Treffer aus 25 Metern im Spiel hielt (38.). Schon zuvor war er als einziger deutscher Spieler mit einer ordnenden Hand aufgefallen, viel stärker als Sami Khedira etwa. Der Star von Real Madrid wirkte mehrfach bei Angriffen der flinken Ukrainer überfordert. Auch im Offensivspiel war Kroos der deutsche Dynamo - beispielsweise bei der Großchance des stolzen Aushilfskapitäns Mario Gomez, die er mit einem fantastischen No-Look-Pass vorbereitete (15.).

Blaues Auge fürs DFB-Team

Dass es in der zweiten Halbzeit dann doch noch zum schmeichelhaften Remis reichte, hatte wohl auch mit guter Moral zu tun, die Löw zu Recht beschwor. Aber ebenso mit ganz viel Dusel. Simon Rolfes, einer von sechs Einwechselspielern bei der Tauschlotterie nach der Pause, gelang per Abstauber sein zweiter Länderspieltreffer (65.). Thomas Müller - mal wieder - brachte das Remis mit seinem haltbaren Jokertor dann nach Hause (77.). Aber wenn Debütant Ron-Robert Zieler im Tor der DFB-Elf nicht im Duell Eins-gegen-Eins gegen den früheren Superstar Andrej Schewtschenko (50.) und mit dem Schlusspfiff gegen Marko Devic glänzend pariert hätte, wäre der WM-Dritte mit nicht mehr für möglich gehaltenen vier Gegentoren (!) und einer peinlichen Niederlage nach Hause gefahren.

Vermutlich hätte der Bundestrainer selbst das noch gut gefunden, weil seine zuletzt über den grünen Klee gelobten und seit dem Australien-Test im März nicht mehr bezwungenen Spieler eine Extralektion in Sachen Demut bekommen hätten. Diesen Part übernahm Löw nach dem Remis am Finalort der EM 2012 dann kurzerhand selbst und versprach allen Fans in Deutschland vor dem Prestigeduell gegen den Erzrivalen Niederlande (am 15. November ab 20.30 Uhr im fussball.de Live-Ticker) zumindest eine kleine Testpause: "Gegen Holland wird es keine Dreierkette geben.“

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Quelle: FUSSBALL.DE

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