Comeback|10.03.2020|14:00

Vom Kriegsversehrten zum Nationalspieler

Abduelrihim El Daghais: Krieg, Granatsplitter, Flucht – Nationalspieler?[Foto: Joachim Witt]

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Das vergangene Jahrzehnt wird Abduelrihim El Daghais wohl nie vergessen. 2011 erleidet der Fußballer in Libyen eine Kriegsverletzung, flüchtet nach Deutschland, lässt sich erfolgreich operieren und darf sich nun mit 32 Jahren berechtigte Hoffnung auf den ersten Einsatz im Nationaltrikot seines Heimatlandes Libyen machen. Eine Geschichte über verlorene Träume, zweite Chancen und die Eigenschaft, nie den Glauben zu verlieren.

Im Dezember 2010 bricht in Nordafrika der Arabische Frühling aus. Im Februar 2011 erreichen die Aufstände Libyen und damit die Heimat von Abduelrihim El Daghais. Mit gerade einmal 21 Jahren kämpft der Libyer nicht mehr auf dem Fußballplatz, sondern auf der Straße gegen seine eigenen Landsleute. Irgendwann, an den genauen Tag kann sich El Daghais nicht erinnern, bohrt sich ein Granatsplitter in sein Bein. Er überlebt, doch sein Leben steht vor einer großen Ungewissheit. Wird alles verheilen? Kann er je wieder seiner Leidenschaft – dem Fußball – nachgehen? "Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich mir keine großen Hoffnungen machen soll und ich höchstens irgendwann ohne Schmerzen gehen könnte", blickt El Daghais jetzt zurück.

Diese Diagnose möchte er nicht hinnehmen. Nach einer zweiten Operation in seinem Heimatland flüchtet er aufgrund des Krieges 2013 nach Deutschland. Die Hoffnung, irgendwann wieder auf dem Fußballplatz zu stehen, treibt ihn an, niemals aufzugeben. Trotz der Schmerzen. Denn Fußball ist sein Leben.

Der geplatzte Traum

"Ich dachte, ich verliere alles"

Rückblick: Mit 16 Jahren wird der Torhüter in die Junioren-Nationalmannschaft Libyens berufen, zeigt in insgesamt 15 U-Spielen sein Können und ist kurz davor, Fußballprofi zu werden. Doch dann bricht der Krieg aus und Abduelrihim El Daghais wird aus seinem Traum gerissen. "Der Krieg, die Verletzung, das war wie ein Albtraum. Ich dachte, ich verliere alles. Das war keine schöne Zeit", sagt er heute gefasst mit ein wenig Abstand.

2015 findet der Geflüchtete, aber mittlerweile Integrierte einen Arzt in Bonn, der ihn abermals operieren wird. Nach der geglückten Operation schöpft der 27-Jährige neuen Mut. Zwar spielte er bereits in der Kreisliga beim VfL Meckenheim, doch die andauernden Schmerzen verwehren dem talentierten Schlussmann Transfers zu höherspielenden Vereinen.

Durch Disziplin, Training und mit einer Portion Glück landet er ein Jahr später beim FC BW Friesdorf . Zunächst hütet er das Tor bei der Reserve, 2018 darf er schließlich bei der Ersten in der Mittelrheinliga spielen – mit Erfolg. Schnell wird er Kapitän und integriert sich bestens in das Team des Fünftligisten.

Kurz vor Weihnachten 2019 klingelt Abduelrihms Handy. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Mitarbeiter des Trainerteams der libyschen Nationalmannschaft. Man habe von El Daghais guten Leistungen erfahren und möchte ihn gerne genauer unter die sprichwörtliche Lupe nehmen. "Ich sollte Videos von unseren Spielen ans Trainerteam schicken und warten." Die libysche Nationalmannschaft stehe vor einem sportlichen Umbruch und möchte sich für den Afrika-Cup 2021 qualifizieren. Kurz nachdem El Daghais die Videos abgeschickt hat, wird seine erste Tochter geboren. Ablenkung tue ihm gut, denn der Traum von einer positiven Antwort ist omnipräsent im Leben des 32-Jährigen.

Die zweite Chance

Die Zeit des Wartens ist lang, täglich hofft der Friesdorfer auf eine Rückmeldung. Nach einem Monat wird er endlich erlöst und erhält eine Einladung zu einem Trainingslager. "Dass mein Traum doch noch wahr wird, damit habe ich nicht gerechnet", sagt El Daghais. Täglich noch mehr Schuften für den sportlichen Erfolg, das ist seit Ende Januar die Maxime des Torhüters. Aus fünf geladenen Torhütern schaffen es drei in den Nationalkader und dürfen offiziell ihr Heimatland repräsentieren. Donnerstag geht es endlich los. Mit dem Flugzeug reist er vom Köln/Bonner Flughafen in die tunesische Hauptstadt Tunis.

Zwei Qualifikationsspiele für den Afrika-Cup 2021 gegen Äquatorialguinea stehen für die Libyer nach dem Trainingslager auf dem Programm. Eine Rückkehr in das Land, für das er damals auf die Straße ging und fast sein Leben opferte, wird es indes nicht geben. Aufgrund der immer noch angespannten politischen Lage finden das Trainingslager und das anschließende Qualifikations-Heimspiel im benachbarten Tunesien statt.

Ob El Daghais zum Kader gehören wird, erfährt der Torwart nach zwei Testspielen gegen einheimische Vereine. Egal, wie die Entscheidung am Ende ausfallen wird: Abduelrihim El Daghais ist bereits jetzt ein Vorbild für viele andere. Denn er gab nie auf und nutzte die Chancen, die sich ihm boten.

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