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|17.05.2018|09:45

Boateng: Der Prinz von Mainhattan

Ein vermeintlicher "Bad boy" als Führungsspieler: Boateng geht bei Frankfurt voran[Foto: 2017 Getty Images]

In Frankfurt, der Stadt der Banken und Bembel, genießt Kevin-Prince Boateng höchste Wertschätzung und seinen dritten Frühling. Bei der Rückkehr in seine Heimat möchte er im DFB-Pokalfinale zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern München am Samstag (ab 20 Uhr, live in der ARD und bei Sky) eine starke Saison vergolden.

Der große Traum des Kevin-Prince Boateng ist im Halbfinalduell der Bayern gegen Real Madrid in der Champions League geplatzt. Und er war nicht mal schuld daran. Schuld waren Sehnen und Bänder im linken Adduktorenbereich bei Bruder Jérôme, die den Belastungen nicht mehr standgehalten hatten und das Familienduell auf dem Rasen ihrer beider Heimatstadt Berlin verhinderten. "Das wäre ein Höhepunkt. Noch mal ein Finale gegen meinen Bruder Jérôme, das hat's noch nicht gegeben, da würden wir wieder Geschichte schreiben", hatte Kevin-Prince gesagt, kurz nach dem Frankfurter 1:0-Halbfinaltriumph im DFB-Pokalduell auf Schalke.

Es war ja auch eine Geschichte wie gemalt: Kevin-Prince gegen Jérôme, in der Stadt, in der beide aufgewachsen sind, hier der laute Kevin, dort der zurückhaltende Jérôme. Mann gegen Mann – und noch nie hatte der ältere Frankfurter gegen den jüngeren Münchner gewonnen, egal in welcher Konstellation, egal in welchem Trikot beide gegeneinander spielten.

Pokalendspiel ist für Boateng ein Meilenstein

Dieses Endspiel ist für Kevin-Prince Boateng, dessen ungeachtet, etwas Außergewöhnliches, ein Meilenstein, selbst für einen wie ihn, der in seiner spektakulären Karriere italienischer Meister, englischer Pokalsieger und ghanaischer Nationalspieler war und so ziemlich alle Täler durchschritten und Höhen erklommen hat, die es geben kann. Vor allem: Nie im Leben hätte er seinerzeit im Sommer des vergangenen Jahres, als er überraschend aus Las Palmas in die Bundesliga zurückgekehrt war, mit solch einem krönenden Abschluss eines erstaunlichen Jahres gerechnet.

Es war Fredi Bobic, der unlängst im aktuellen Sportstudio im ZDF erklärt hat, wie es war, als Eintracht Frankfurt plötzlich die Personalie Boateng aufrief. "Ich habe dem Aufsichtsrat die Spieler vorgestellt, die ich gerne holen würde", erzählte der Frankfurter Sportvorstand, "Als ich die Folie mit Kevin-Prince Boateng an die Wand geworfen habe, dachten die: Ich mache einen Spaß. Das kann nicht sein."

Und wie es sein konnte: Kevin-Prince Boateng, dieser vermeintliche "Bad boy", entpuppte sich als Volltreffer für den hessischen Bundesligisten. Ohne ihn, da sind sich viele sicher, hätte Eintracht Frankfurt in dieser Saison nicht diesen Erfolg gehabt – und ins Finale wäre sie auch nicht eingezogen.

Chef im Team

Es ist ja nicht nur der Fußballer Boateng, der da von der Ferieninsel gekommen war. Was ihn so wertvoll für diese Mannschaft machte, ist seine Präsenz auf dem Spielfeld, sein Charisma, seine Aura. Er ist der Chef im Team, unumstritten, er führt die Spieler, gibt Rhythmus und Tempo vor. Er ist das, was früher als "verlängerter Arm des Trainers" umschrieben wurde. Niko Kovac, im gleichen Berliner Kiez wie der 16 Jahre jüngere Paradiesvogel aufgewachsen, weiß das, er vertraut ihm, nicht blind, aber womöglich ein bisschen mehr als allen anderen Profis: "Kevin gibt der Mannschaft Stabilität und Mentalität." Wenn es je eine Führungspersönlichkeit gegeben hat, dann ist er eine. Kovac nennt ihn "meinen Krieger".

Dass der einstige Weltklassespieler, früher bei AC Mailand, FC Portsmouth oder Tottenham Hotspur, sowie in der Bundesliga bei Hertha, Dortmund und Schalke am Ball, eh über "spielerische Qualitäten verfügt, die es nicht allzu oft in der Bundesliga gibt" (Kovac), ist unstrittig. Er ist der beste Fußballer im Team der fleißigen Arbeiter, er verliert kaum einmal den Ball, und wenn doch, zieht er noch einen Freistoß. Was er im Spiel tut, hat Hand und Fuß, ob es der 40-Meter-Pass aus dem Fußgelenk ist oder der überraschende Hackentrick, wie unlängst im Spiel gegen 1899 Hoffenheim . Er hat im Sturm gespielt, im defensiven Mittelfeld und im offensiven, er kann das, ist vielseitig einsetzbar. Er hat fast alle Spiele in dieser Saison gemacht, dazu acht Tore erzielt.

Enorme Ausstrahlung

Sein Wert für diese Mannschaft aus der ganzen Welt ist aber noch ein anderer. Kevin-Prince Boateng, reichlich tätowiert und extrovertiert, gilt vielen im Team, gerade den Jüngeren, als Vorbild. Sie schauen zu ihm auf, gucken sich einiges ab. Dass etwa Marius Wolf in dieser Runde derart durchstartete, hat mit Boateng zu tun, er hat ihn unter seine Fittiche genommen und schon mal auf ein Wochenende nach Mailand eingeladen, wo sie gemeinsam mit dem brasilianischen Superstar Neymar zu Abend aßen. "Manchmal habe ich das Gefühl, der Papa der Mannschaft zu sein", sagte der 31-Jährige. Er findet das nicht verkehrt.

Boateng ist der einzige Star im Kollektiv. Er mag das Rampenlicht. Er ist der gereifte Platzhirsch, der dezidiert und regelmäßig Stellung zu Rassismus nimmt, vor der UN redet, zuletzt in diesem März mit dem Hochkommissar für Menschenrechte. Er ist zudem ein Gesicht der Aktion der DFL-Stiftung "Strich durch Vorurteile" und einer, der gegen die AfD kämpft ("ich war geschockt"), im Torjubel an verunglückte Fußballer erinnert und auf dem gesellschaftlichen Parkett in Frankfurt eine gute Figur abgibt. Seine Ausstrahlung ist enorm. Inzwischen ist er auch zum Gesicht dieses multinationalen Klubs geworden. Er ist die Autorität – mit und ohne Ball.

Älter und ruhiger

Eines aber tut Kevin-Prince Boateng nicht: Er lässt nicht den Star raushängen. Er lobt die Kollegen, bildet sich auf seinen Status nichts ein. "Es macht einen Riesenspaß, mit der Mannschaft zu spielen. Wenn man so zusammenhält wie wir, kann man viel erreichen." Man spürt, in dieser bunten Truppe fühlt sich ein Weltbürger wie Boateng wohl, der neben Deutsch und Englisch noch Italienisch und Spanisch spricht und ein bisschen Arabisch, es ist genau die richtige Mischung aus Coolness, harter Arbeit und Lockerheit. Und er weiß im Herbst seiner Laufbahn, auch jeden Moment zu genießen. Längst ist er mit sich und seiner Karriere im Reinen. "Ich bin älter und ruhiger geworden. Wenn du im Alter nicht reifer wirst, dann hast du wirklich ein Problem", sagt er.

Es ist nicht alles gut gelaufen in seiner turbulenten Laufbahn, er hat einige Jahre verschenkt, etwa in London, als er sich wenig professionell verhalten hatte, als er sich aus lauter Frust Lamborghinis im halben Dutzend kaufte und eine besondere Liebe zu Fish and Chips entwickelte. Als er Michael Ballack 2010 mit einem Foul die WM raubte, sank sein Ansehen in Deutschland, wo er von der U 15 bis zur U 21 alle Auswahlteams durchlaufen hatte, erheblich, auf Schalke, wo er zwischen 2013 und 2015 spielte, war er so weit unten, dass er eigentlich mit dem Fußball aufhören und "mit fünf Hunden aufs Land ziehen wollte". Er hätte mehr machen können aus seinem Talent, viel mehr, er hatte ja alles. "Ohne Arroganz: Ich hätte bei Real Madrid spielen können", hat er gesagt. Er sagt aber auch: "Frankfurt ist meine erste Station, in der ich wirklich viel arbeite." Niko Kovac hat den Familienvater in seinem dritten Frühling noch mal richtig zum Laufen gebracht, "Niko weiß genau, wie er mich zu nehmen hat", lobt der besondere Profi seinen scheidenden Trainer.

Und ein bisschen schließt sich für Boateng mit dem Finale in Berlin ein Kreis. Vor elf Jahren hat er seine Vaterstadt für seine große Reise verlassen, jetzt kehrt er zurück. Als er zuletzt im Olympiastadion spielte, in der Bundesliga mit der Eintracht Anfang Dezember gegen Hertha, hat er ein Tor geschossen. Gejubelt hat er nicht. Aus Respekt vor der Heimat.

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