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Bestes Sportfoto|20.04.2019|14:00

Simon Seyfarth: So sehen Sieger aus

Das Sportfoto des Jahres in der Kategorie "Fußball Amateure und Jugend": Simon Seyfarth mit seinem Vater.[Foto: Steve Bauerschmidt]

Wegen einer Meningokokken-Sepsis musste Simon Seyfarth, als er 15 Monate alt war, der linke Fuß amputiert werden. Und trotzdem spielt er heute Fußball. Ein Bild von Simon und seinem Vater Sven ist zum „Sportfoto des Jahres“ in der Kategorie „Fußball Amateure & Jugend“ gekürt worden. FUSSBALL.DE hat den beeindruckenden Jungen in Erfurt getroffen.

Kabinenfotos zeigen Sieger. Ein ziemlich bekanntes wurde während jener Nacht in Rio geschossen. Ein sehr, sehr ausgelassener Haufen, in der Mitte die Kanzlerin, Löw ballt die Faust, Schweinsteiger mit dem Cut unter dem Auge. Ganz anders noch ging es in der Kabine der Kansas City Royals zu, nachdem das Baseballteam die World Series gewonnen hatte. Fluten von Champagner, die Spieler tragen Paintball-Masken. Auch Ekstase will vorbereitet sein. Sehen also alle Sieger so aus?

Die stillen Momente bleiben meist unfotografiert. Das Bild, das Ende Januar den Preis für das „Sportfoto des Jahres“ in der Kategorie Amateurfußball gewann, ist so eines. Dem Erfurter Fotografen Steve Bauerschmidt gelang es, den Moment einzufangen, als der damals elfjährige Simon Seyfarth vor einem Training der D-Junioren von VfB Grün-Weiß 1990 Erfurt in der Umkleide seine Prothese anschnallt. Sein Vater Sven kniet vor ihm und hilft, die Plastikschiene anzulegen. Nichts sei gestellt gewesen, sagt Bauerschmidt. Und dennoch besticht das Bild durch seine Ruhe und Ausgewogenheit. Beide, Vater und Sohn, schauen nach unten, ganz in ihre Tätigkeit vertieft. Die Linien der Kabinenbank laufen auf Simon zu, knicken dann ab zu Sven. Der Vater kniet im Schatten, das Licht fällt auf Simon. Das Bild des unbeschwerten Juniorenfußballs kontrastiert mit einer harten Wirklichkeit.

Simon erzählt seine Geschichte gemeinsam mit seinem Vater Sven. Simon druckst nicht herum, aber um ihn zum Erzählen zu bringen, muss man ihn erstmal von der PlayStation loseisen. Zwölf eben. Schon die Frisur lässt erahnen, dass Marco Reus sein Lieblingsspieler ist. „Seit einem Jahr spiele ich jetzt Fußball“, rechnet er nach. „Ich bin Stürmer. Wenn ich Schnelligkeit aufbauen kann, bin ich torgefährlich. Vor kurzem haben ich ein Schürzentor geschossen.“ So sagt man das in Thüringen, wenn man den Torwart tunnelt. Später beim Training auf dem Kunstrasenplatz von Grün-Weiß Erfurt ist er immer mittendrin. Er fordert die Bälle. Er flachst und balgt sich. Er schießt mit der Prothese, immer mit der Pieke, sein Schuss ist wuchtig, aber manchmal auch unplatziert. Seine Trainerin Caro Jantz sagt: „Wenn ein Pass ins Aus fliegt, wird er von den Jungs hart angeraunzt, aber er hat eine krasse Persönlichkeit. Er zieht sich nicht zurück, sondern will’s beim nächsten Mal besser machen. Eine Herausforderung ist es für ihn schon.“

"Wenn ein Pass ins Aus fliegt, wird er von den Jungs hart angeraunzt, aber er hat eine krasse Persönlichkeit. Er zieht sich nicht zurück, sondern will’s beim nächsten Mal besser machen"

Zweimal reanimiert

Kurz nach dem Sommermärchen kommt Simon auf die Welt. Kurz vor Weihnachten 2007, Simon ist 15 Monate alt, wird er fiebrig. „40,6 Grad“, erinnert sich Sven. Die Fieberzäpfchen helfen nicht. Sven und seine Frau Sandra rasen in die Klinik zum Kassenärztlichen Notfalldienst. Simon wird untersucht, dann habe man sie wieder nach Hause geschickt. „Simon hatte am ganzen Körper diese kleinen rötlichen Pickel, so mit rosa Umrandungen, aber was wusste ich schon?“, hadert Sven noch heute.

Der Zustand des Jungen verschlimmert sich. Sieben Stunden später fahren sie wieder in die Klinik. Man nimmt ein Blutbild und diagnostiziert jetzt die schwerste Form einer Meningokokken-Sepsis, die seinen kleinen Körper mit Bakterien förmlich überschwemmt. Ein Arzt sagt, Simon werde die Nacht nicht überleben. Er wird zweimal reanimiert. Später legen ihn die Ärzte ins künstliche Koma, doch Simon rebelliert, strebt mit seiner ganzen Kraft zurück zur Wachheit. Also weckt man ihn wieder auf. Sandra ist mit den Nerven am Ende, Sven bittet sie, nach Hause zu gehen, etwas zu schlafen. Er bleibt in der Klinik, Tag und Nacht. Simons Beine sind besonders schlimm befallen. Am letzten Tag des Jahres muss sein linker Fuß amputiert werden. „Uns fehlen diese sieben Stunden“, sagt Sven.

17 Jahre sind nun bald vergangen, seit dem Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes, das die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung gewährleisten soll. Bei den 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung wird Inklusion mehrfach genannt.

Heute kann Simon Seyfarth seinen Lieblingssport betreiben, auch weil sich im Fußball viel bewegt hat. In allen 21 DFB-Landesverbänden stehen Inklusionsbeauftragte als Ansprechpartner bereit. Unterstützend bietet ein umfangreiches Special auf DFB.de alle nötigen Informationen zum Fußball für Menschen mit einem Handicap. Wer etwa sucht, wo das eigene Kind Fußball spielen könnte, findet hier in einer Online-Börse inklusive Angebote aus bundesweit 150 Vereinen. Regen Zulauf erfahren sogenannte Inklusionsligen, bei denen behinderte und nicht-behinderte Menschen gemeinsam Fußball spielen können. Die Fußballverbände Niederrhein, Mittelrhein, Niedersachsen und Westfalen bieten solche Inklusionsligen an. Die „Ampu-Kids“, eine Selbsthilfeorganisation für Eltern, deren Kinder an Meningokokken erkrankt waren, werden von der DFB-Stiftung Egidius Braun und der UEFA unterstützt.

76 Operationen

Simon kramt in einer Sporttasche und zeigt seine alten Plastikfüße, die frühesten, ganz winzig klein. Weil sein Wachstum bis heute irregulär ist, mussten ihm die Ärzte mehrfach schon die Beine brechen. Er ist zwölf Jahre alt und hat 76 Operationen hinter sich. An schlechten Tagen sitzt er im Rollstuhl, einem im BVB-Look schwarz-gelb bemalten Modell. Als die Seyfarths in Dortmund anfragten, gab der Klub sofort seine Zustimmung. Als wir dann am späten Nachmittag zum Training aufbrechen, ist Simon als Erster am Fuß der beiden Treppenabsätze.

Vergangenes Jahr haben die Seyfarths vor dem Oberlandesgericht Erfurt eine Klage auf Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 Euro verloren. Beim vorliegenden Fall lag die Beweispflicht auf Seiten der Seyfarths. Das Gericht urteilte, auch die Prozesskosten müssten sie tragen. Svens Unternehmen, eine kleine Baufirma, ging schon vor Jahren insolvent, auch weil er immer mehr Zeit für Simon benötigte. Seit einigen Jahren ist der heute 38-Jährige arbeitssuchend. Doch am Ende überwiegt die Freude. „Andere verstecken sich mit ihrem Handicap, aber nicht mein Junge. Der wollte unbedingt Fußball spielen. Wir hatten dieses Glück, dass er noch hier ist.“

Im Training bekommt Simon einen Ball perfekt in den Lauf gespielt. Er baut Tempo auf und auch wenn man sieht, dass er ein klein wenig unrund läuft, ist er plötzlich richtig schnell. Dann holt er aus, mit links, mit seiner Prothese und haut den Ball mit der Pieke ins Tor. Es ist halt doch ein Siegerfoto.

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