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Hoffnungsträger |24.07.2019|14:50

Titz: "Wenn der Fußball lebt und brodelt"

Neue Aufgabe bei Rot-Weiss Essen: der frühere Bundesligatrainer Christian Titz.[Foto: imago images / Jan Huebner]

Von der Regionalliga in die Bundesliga - und zurück: Christian Titz (48), der im Frühjahr 2018 den ersten Abstieg des Hamburger SV aus dem Oberhaus des deutschen Profifußballs trotz eines deutlichen Aufwärtstrends nicht mehr verhindern konnte, ist jetzt der große Hoffnungsträger beim Traditionsverein  Rot-Weiss Essen  in der  Regionalliga West . Mit einem neuformierten Kader soll Titz den Deutschen Meister von 1955 in die 3. Liga führen. Im  FUSSBALL.DE -Interview spricht der Fußball-Lehrer über seine neue Aufgabe.

FUSSBALL.DE: Mit dem Revierderby zwischen RWE und der U 23 von Borussia Dortmund wird die Saison in der Regionalliga West am Freitag eröffnet. Wie gut gefällt es Ihnen, vor eigenem Publikum zu starten, Herr Titz?

Christian Titz:  Das freut mich sehr, das habe ich mir so gewünscht. Wir haben die Chance, vor einer großen Kulisse im besten Fall mit einem Sieg positiv zu starten. Darauf sind wir fokussiert. Allerdings wissen wir auch, dass wir auf einen sehr starken Gegner treffen, der - so glaube ich - um die Meisterschaft mitspielen will.

Welche Bedeutung hat ein Auftaktspiel aus Ihrer Sicht für den weiteren Saisonverlauf?

"Ich glaube, dass die Zuschauer von Rot-Weiss Essen eine Dominanz erwarten. In Heimspielen darfst du nicht abwarten"

Titz:  Ich würde mich da nicht so sehr auf eine einzelne Partie beziehen. Ich weiß aber, dass es sehr wichtig ist, in den ersten sechs bis sieben Spielen gut in die Saison zu kommen und möglichst schon konstant Punkte zu sammeln. Das wäre eine gute Basis. Dass wir am liebsten gleich zu Beginn den ersten Sieg einfahren wollen, versteht sich von selbst. Aber das wollen die Dortmunder auch.

Nach der enttäuschend verlaufenen Vorsaison wurde die Mannschaft weitgehend neu zusammengestellt, muss sich erst finden. Wie weit sind Sie schon?

Titz:  Ein Neuanfang ist für einen Trainer eine Chance. Es ist aber auch hilfreich, wenn die Automatismen schon da sind. Damit haben wir komplett neu angefangen: Mit einer neuen Mannschaft, einer neuen Spielidee und einem erweiterten Trainerteam. Die Eindrücke aus der Vorbereitung sind durchaus positiv. Es gibt aber auch noch einiges zu verbessern, speziell in der Defensive.

Wie würden Sie Ihre Spielidee beschreiben?

Titz:  Wir wollen aus eigenem Ballbesitz heraus dominant sein und Torchancen kreieren. Das beinhaltet, den Ball schnell nach vorne zu spielen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Gleichzeitig aber auch die nötige Geduld zu haben, Angriffe vorzubereiten. Wir möchten das Spiel aufbauen und so zu Möglichkeiten kommen. Der zweite Faktor ist das Pressing. Wir wollen aktiv nach vorne verteidigen. Das ist ein Prozess, der Zeit benötigt und trainiert werden muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist uns bewusst.

Das heißt, Sie werben um eine gewisse Geduld im Umfeld und bei den Fans?

Titz:  Ich würde nicht sagen, dass ich darum werbe. Ich bin Realist und weiß, dass Fußball ein Ergebnissport ist. Ich weiß aber auch, dass es Zeit benötigt, um etwas aufzubauen und eine Stabilität zu erreichen. Der Verein hat tolle, fanatische Anhänger, die für uns zu einem wichtigen Pfund werden können. Aber eine gewisse Geduld ist schon notwendig.

Können Sie einen Zeitraum umreißen?

Titz:  Ich bin hier angestellt worden, um nach oben zu kommen. Dafür haben wir den Trainerstab erweitert, die Abläufe professionalisiert, eine neue Spielidee festgelegt und neue Spieler geholt. Bis wir als Mannschaft gefestigt sind, dauert es drei bis sechs Monate. Das heißt aber nicht, dass wir in dieser Phase keine Spiele gewinnen können. Wir sind uns jedoch der Schwere der Liga bewusst und nehmen diese Herausforderung an.

Die RWE-Fans sind äußerst begeisterungsfähig, haben aber auch traditionell eine hohe Erwartungshaltung. Haben Sie Respekt davor?

Titz:  Ich sehe diese Wucht als Vorteil. Es ist eine wichtige Aufgabe, dass wir einen Zusammenschluss mit den Fans finden, sie mitnehmen und füreinander da sind.

Da Sie noch vor etwas mehr als einem Jahr in der Bundesliga tätig waren, hat Ihre Verpflichtung für Aufsehen gesorgt. Spüren Sie einen Vertrauensvorschuss?

Titz:  Ich merke, dass eine Euphorie und eine Erwartungshaltung da sind. Das müssen wir richtig einordnen und dürfen nicht zu weit in die Zukunft blicken. Unser Ziel ist einfach: Immer das nächste Spiel zu gewinnen.

Die Konkurrenz hat RWE - nicht zum ersten Mal - die Favoritenrolle zugewiesen. Ist Ihr offensiver Spielstil Ausdruck dieser Favoritenrolle?

Titz:  Ich glaube, dass die Zuschauer von Rot-Weiss Essen eine Dominanz erwarten. In Heimspielen darfst du nicht abwarten. Da musst du schnell in die Tiefe gehen, um die Wucht des Publikums zu nutzen. Dann kannst du mit der Hilfe der Fans auch Spiele für dich entscheiden, die sonst vielleicht in eine andere Richtung laufen würden. Aber ja: Wir glauben, dass wir ein Verein sind, zu dem Spieldominanz passt. Mit der Einschätzung unserer Konkurrenten oder einer vermeintlichen Favoritenrolle hat das aber nichts zu tun. Es gibt in dieser Saison zahlreiche Anwärter auf die Meisterschaft.

Welche Klubs gehören dazu?

Titz:  Die beiden Drittliga-Absteiger Fortuna Köln und  Sportfreunde Lotte  haben sicher den Anspruch, möglichst bald wieder aufzusteigen. Dazu besitzen auch die Mannschaften, die schon in der vergangenen Saison im oberen Drittel platziert waren, die Qualität, um den ersten Platz mitzuspielen. Dazu zählen neben unserem Auftaktgegner  Borussia Dortmund U 23  auch Rot-Weiß Oberhausen, der  SV RödinghausenAlemannia Aachen  und die  U 23 von Borussia Mönchengladbach . In diesen Kreis wollen auch wir gerne vorstoßen.

Innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren haben Sie in der B-Junioren-Bundesliga, in der Regionalliga Nord sowie in der 1. und 2. Bundesliga gearbeitet. Jetzt kommt die Regionalliga West hinzu. Ändert sich Ihre Arbeitsweise in den verschiedenen Ligen?

Titz:  Grundsätzlich ändert sie sich nicht. Als ich U 17-Trainer beim HSV war und mit sehr jungen Talenten gearbeitet hatte, musste ich einiges modifizieren. Da lag die Zielsetzung in der Ausbildung, um die jungen Spieler an die Profimannschaft heranzuführen. Mit einer Bundesliga-Mannschaft kann man Dinge wegen der höheren Qualität der Spieler vielleicht schneller einstudieren. In der Regel lassen sich die Trainingsinhalte aber gut umsetzen - egal in welcher Liga.

Bekannt geworden sind Sie unter anderem für Ihr sehr offensives Torwartspiel. Lässt es sich auch in der 4. Liga umsetzen, dass der Torhüter bei eigenem Ballbesitz weit aufrückt?

Titz:  Die Spielweise wurde in der Berichterstattung darauf reduziert, weil wir es in der Bundesliga mit dem HSV praktiziert haben und es dort als neu wahrgenommen wurde. Das Torwartspiel ist aber nur eine von mehreren Spieloptionen. Nicht mehr und nicht weniger. Es kann uns - vor allem mal gegen tiefstehende Gegner - helfen, weil uns so ein Anspieler mehr zur Verfügung steht und wir durch die Überzahl mehr Möglichkeiten haben, unseren Zielspieler in Position zu bringen. Und wenn es zu einem langen Schlag durch den Torhüter kommt, können wir in Tornähe des Gegners mit allen Feldspielern ins Pressing gehen. Ich habe damit bei meinen verschiedenen Stationen gute Erfahrungen gemacht. Es kann aber immer mal sein, dass wir es anpassen, verfeinern oder auch mal ganz weglassen. Wie gesagt: Wir haben da verschiedene Möglichkeiten.

Sie wurden beim HSV zum Erstligatrainer befördert, stiegen ab, wurden beurlaubt und sind jetzt wieder in der Regionalliga tätig. Wie haben Sie diese Achterbahnfahrt erlebt?

Titz:  Ich habe das als sehr schnelllebig empfunden. Wenn man mittendrin ist, hat man aber gar nicht so viel Zeit, darüber intensiv nachzudenken. Es geht vom Training zum nächsten Gespräch, wieder zum Training, dann zur Spielvorbereitung und schon ist der nächste Spieltag da. Bevor ich nach Essen kam, habe ich mir aber schon meine Gedanken gemacht. Ich kann im Nachhinein sagen: Ich hatte Spaß an dem Job. Ein Spiel zu genießen, ist als Cheftrainer zwar sehr schwer. Aber ich bin für die Erfahrungswerte dankbar. Nach meiner Beurlaubung hatte ich aber auch so genug Beschäftigung, habe mir unter anderem viele Spiele angesehen, Vorträge gehalten und konnte mich intensiver um mein Coachingportal kümmern. Langweilig war mir jedenfalls nie.

Hätten Sie denn schon während der Rückrunde eine Mannschaft übernommen oder brauchten Sie Abstand?

Titz:  Ich hatte auch nach meiner Beurlaubung beim HSV immer noch das Ziel "Aufstieg" im Kopf. Da hätte ich am liebsten sofort weitertrainiert. Ich hatte in Hamburg eine Emotionalität zu den Menschen und der Mannschaft aufgebaut. Das hat es nicht leichtgemacht, woanders hinzuschauen. Deswegen tat mir der Abstand gut und ich wollte lieber eine Mannschaft übernehmen, mit der ich neu anfangen kann. Wie jetzt bei RWE.

Beneiden Sie Kollegen, die über längere Zeiträume hinweg in einem Verein arbeiten können?

Titz:  Beneiden ist der falsche Ausdruck. Vereine, die mittel- und langfristig in Ruhe arbeiten können, sind aber in der Regel auf Dauer erfolgreicher, weil sie etwas aufbauen können. Ich denke da beispielsweise an Vereine wie den FC Augsburg, die TSG Hoffenheim, den 1. FC Heidenheim oder den SC Freiburg. Dort zeigt sich oft eine fußballerische Kontinuität. Ich habe mich persönlich davon aber befreit. Ich weiß, dass Trainer im Profifußball bei einem Verein meistens nur eine limitierte Lebensdauer haben.

Das gilt besonders für große Traditionsvereine, von denen Sie ja schon einige selbst erlebt haben.

Titz:  Ich habe durchaus eine Affinität zu Traditionsvereinen. Ich mag es, wenn Fußball lebt und brodelt. Als Kind war ich mit meinem Vater beim  SV Waldhof Mannheim  im Stadion am Alsenweg oder zu Bundesligazeiten im Südweststadion Ludwigshafen. Das war Fußball pur. Auch da waren die Fans enorm leidenschaftlich. Das habe ich so als kleines Kind kennengelernt. Ich mag es, wenn viele Menschen zusammenkommen und die Stadien voll sind.

Nehmen Sie dafür die bisweilen herrschende Unruhe in diesen Klubs in Kauf?

Titz:  Das muss nicht so sein und bis dato war das in Essen auch nicht der Fall. Man kann den Leuten gegenübertreten und eine gemeinsame Linie anstreben. Wenn du - wie bei RWE - mehr als zehn oder zwölf Jahre nicht mehr im Profifußball bist, dann entstehen eine Sehnsucht und eine Unzufriedenheit. Das kann ich nachvollziehen. Umso bemerkenswerter ist es doch, dass die Leute dennoch nach wie vor ins Stadion kommen. Diese Menschen wollen wir auf unserem Weg mitnehmen. Sie lieben ihren Verein, wollen ihn unterstützen. In einem engen Spiel angefeuert zu werden, kann bei den Spielern Energien freisetzen, die vielleicht für den entscheidenden Treffer reichen können. Wir haben hier einen zwölften Mann, der unglaublich wichtig für uns ist. Dieser zwölfte Mann kann uns Punkte bringen. Das habe ich schon oft genug erlebt und das wünsche ich mir auch an der Hafenstraße.

Vor allem an Ihnen und dem strategischen Partner Sascha Peljhan, der in den kommenden beiden Spielzeiten jeweils eine siebenstellige Summe zur Verfügung stellt, macht sich sehr viel Hoffnung fest. Wie ist der Austausch?

Titz:  Wir haben uns schon einige Male getroffen und ich kann nur sagen: Die Menschen sind gut beraten, Sascha Peljhan dankbar zu sein. Er liebt diesen Klub und stellt deswegen finanzielle Mittel bereit, damit der Verein die Möglichkeit hat, seine sportlichen Ziele zu verfolgen. Das ist aller Ehren wert.

Sie haben auch sehr lange im Juniorenbereich gearbeitet. Welche Rolle spielt der Nachwuchs bei RWE?

Titz:  Es gibt bereits einen sehr engen Austausch. Wir verzahnen gerade den Trainerstab mit dem Nachwuchsleistungszentrum, damit wir noch besser zusammenarbeiten können. Wir wollen dauerhaft Spieler aus der eigenen Jugend nach oben bringen und ihnen eine Perspektive aufzeigen - beispielsweise, indem wir einen Perspektivkader einrichten, junge Talente regelmäßig bei der ersten Mannschaft mittrainieren oder die Profitrainer entsprechende Einheiten mit den Jungs abhalten. Dass Rot-Weiss Essen als Viertligist über ein lizenziertes Leistungszentrum verfügt, war für mich ein positiver Aspekt.

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