18.01.2011, 12:37 Uhr | FUSSBALL.DE
Manuel Neuer, Mesut Özil und Demba Ba vereint ihre Sorge um die Karriere. (Fotos: imago, Montage: FUSSBALL.DE)
Eine Kolumne von Jonny Giovanni
Ein Feind geht um in der Bundesliga – der so genannte "Fußball-Söldner". Demba Ba will um alles in der Welt weg aus Hoffenheim. Jefferson Farfan kommt zu spät zum Schalker Wintertraining. Ruud van Nistelrooy entdeckt beim HSV wieder sein Herz für Real Madrid. Und schon ist dem Populismus ist Tür und Tor geöffnet.
"Es brodelt in den Fußball-Anhängern", hat der "Sportinformationsdienst" beobachtet und auch gleich einen Grund geliefert, warum das so sein soll. "Cash, Kohle, Knete" – um etwas anderes gehe es nicht mehr. Noch plakativer argumentierte der Sportrechtler Christoph Schickhardt, der offenbar auch mal wieder über den Ticker laufen wollte: "Asozial" und "modernes Raubrittertum" sei das Verhalten der Fußballer, sagte er dem "kicker".
Selbst ein früher mal so besonnener Manager wie Klaus Allofs von Werder Bremen nutzte den Fernseh-Stammtisch "Doppelpass" für markige Sprüche. Er forderte einen kollektiven Ba-Boykott: "Weil die Bundesliga zusammenhalten muss und diese Spieler nicht verpflichten darf." Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass der Manager Allofs, wenn er es ernst meinte mit seinen Radikalvorsätzen, nie den Spieler Mesut Özil hätte verpflichten dürfen.
Der ist nämlich einer der vielen Vorgänger von Demba Ba, jedenfalls, wenn es um die Entrüstung in Medien und Liga geht. Die große Boulevard-Zeitung mit den vier Buchstaben räumte im Winter 2008 viel Platz auf ihren kostbaren Seiten frei, um das damalige Schalke-Talent als Paradebeispiel für "Sittenverfall" und "Abzocker" zu geißeln – nachdem ihr vom Klub die Details einer angeblich unbotmäßigen Gehaltsforderung des Deutsch-Türken zugesteckt worden waren.
Heute ist Özil der gefeierte Regisseur der deutschen Nationalmannschaft, und darüber, wie eine unheilige Allianz aus überfordertem Management und vorschnellen Ressentiments beinahe seine Karriere ruiniert hätte, wird lieber geschwiegen. Dabei lag der Fall dem von Ba nicht so unähnlich. Aus der Sicht des Spielers ging es um gebrochene Versprechen des Vereins. Bei Özil um eine Aufstockung des Salärs und regelmäßige Einsätze, bei Ba um die vermeintliche Zusage, sich verändern zu dürfen. Und in beiden Fällen reagierten die Klubs mit aller Härte. "Die Tür ist zu", erklärte damals Schalke-Trainer Mirko Slomka. Kurz darauf wurde Özil nach Bremen verkauft, es war sein Glück, dass sie sich dort beide Seiten der Geschichte anschauten. Derweil verfluchen sie auf Schalke bis heute, wie überzogen damals reagiert wurde – ein guter Spielmacher fehlt ihnen immer noch.
Demba Ba werde nie wieder für Hoffenheim spielen, hieß es jetzt auch aus dem Kraichgau, nachdem der Profi in den Trainingsstreik getreten war. Von allen Seiten wird über ihn der Stab gebrochen – dass er aber gar nicht in der Bundesliga wechseln will, sondern nur nach England, und dort auch nur nach London oder eine nahe gelegene Stadt, wird so gut wie nie erwähnt. Es würde der Geschichte vom seelenlosen Söldner wohl eine unerwünschte menschliche Komponente geben. Denn in London wohnt Bas Familie.
Und sonst? Geht es wohl auch ums Geld. Warum auch nicht? Der Freiburger Manager Dirk Dufner hat das kürzlich anhand von Bas Landsmann Papiss Cissé schön auf den Punkt gebracht: "Wenn ein Spieler aus dem Senegal nach Europa kommt, möchte er hier möglichst viel Geld verdienen. Wegen des guten Wetters wird er jedenfalls nicht bei uns bleiben." Dufner folgerte, es sei fast schon unmoralisch, den Spieler zum Bleiben zu zwingen, sollte ihm nach seinen vielen Toren irgendwann ein lukratives Angebot gemacht werden.
Es ließe sich hinzufügen, dass auch europäische Spieler möglichst viel Geld verdienen wollen. Und dass die Kategorie Moral seit jeher eine schwierige ist im Profifußball. Kann man sie verlangen? Und wenn ja, von wem? Ein Spieler wie Ba ist ja nicht in der Hoffenheimer Jugend aufgewachsen – auch die TSG hat ihn einst nur deshalb aus Belgien verpflichten können, weil sie mehr Geld bezahlte als Excelsior Mouscron und eine interessantere Bühne zur Weiterentwicklung der Karriere bot. In der vertikalen Ordnung des Transferhandels sind dieselben Klubs mal Täter, mal Opfer. Selbst die Bayern, die einerseits Spielern kleinerer Vereine mit ihren Avancen den Kopf verdrehen, andererseits aber damit klar kommen müssen, wenn das noch größere Real Madrid selbiges mit Franck Ribéry macht.
Die Bayern-Fans haben dem Franzosen die Momente des Zögerns nie krumm genommen. Auch die Hoffenheimer Anhänger hätten Demba Ba, anders als von der überforderten Klubführung suggeriert, bei einer harmonischeren Darstellung des Streitfalls vielleicht noch einmal verziehen. Denn insgeheim wissen sie, dass Spieler aus anderen Kontinenten, Ländern oder auch nur Regionen selten eine tiefe Loyalität zu ihrem jeweiligen Klub entwickeln. Sie können von solchen Spielern auch nicht wirklich verletzt werden.
Anders ist das nur bei den emblematischen Spielern eines Vereins. Die aus derselben Stadt kommen, die immer im Klub gewesen sind. Sie bewegen wirklich die Emotionen, auf sie projizieren sich tatsächlich die Sehnsüchte, weil bei ihnen die alte Illusion noch möglich ist, sie seien "einer von uns". Der prominenteste Fall dieser Spezies ist momentan Schalkes Torwart Manuel Neuer, der bis zu seinem Karrierebeginn mit seinen Kumpels in der Kurve stand. Womöglich wird er dennoch bald für Bayern München spielen, den Klub, der seine Schalker beim Herzschlagfinale 2001 zu Tränen stürzte. Warum? Weil er dort mehr Geld und bessere Titeloptionen vorfinden wird.
Viele derjenigen, die in den aktuellen Fällen so gern über Söldner und Abzocker herziehen, werden dann von einer klugen Karriereentscheidung sprechen. Dabei würde so ein Wechsel viel mehr Romantik zerstören als jeder Trainingsstreik von Demba Ba.
Quelle: FUSSBALL.DE
Fans sollen über weiteres Vorgehen entscheiden.
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