
06.02.2012, 15:42 Uhr
Bescheidener Star: der brasilianische Ex-Nationalspieler Mineiro.
Von Nils Tittizer
Mineiro kommt nach dem Mannschaftstraining in Trainingsklamotten zum vereinbarten Termin. Nur eine Jacke hat er sich übergezogen und sagt: "Erst das Interview, dann die Dusche." Der ehemalige brasilianische Nationalspieler, der unter anderem die Copa America gewonnen hat, nimmt sich Zeit. "Kein Problem, fünf Minuten habe ich noch", sagt er am Ende des ausführlichen Gesprächs und verpasst dann doch seinen angepeilten Zug nach Hause.
Seit letztem Sommer ist der nun 36-Jährige, der mit gebürtigem Namen Carlos Luciano da Silva heißt, bei der TuS Koblenz unter Vertrag. Und pendelt zwischen seinem Familienwohnsitz in Gelsenkirchen und Koblenz – immer mit dem Zug. TuS-Geschäftsführer Thomas Theisen hatte den 1,69-Meter-Mann 2010 bei einem Lehrgang zur Trainerausbildung kennengelernt. Seitdem reifte der Traum von einer Verpflichtung des Mittelfeldspielers.
Doch es dauerte noch ein ganzes Jahr, ehe sich die TuS ein Herz fasste und eine Anfrage stellte. Mineiro brauchte Bedenkzeit, ehe er zusagte. Aber was bringt einen früheren Weltklassespieler mit 17 Nationalmannschaftseinsätzen, der mit Sao Paulo brasilianischer Meister wurde, mit dem FC Chelsea den FA-Cup gewann und mit Schalke an der Champions League teilnahm, zu einem Regionalligisten, der seinen "Superstar" in einem Einkaufszentrum präsentiert und zudem wirtschaftlich nicht gut dasteht? Ganz einfach: die Liebe zum Fußball.
"Ich habe das Engagement bei der TuS als eine Art Neuanfang verstanden. Das Schöne an der Sache ist, dass der ganze Verein an mich glaubt – warum sollte ich also nicht auch an den Verein glauben? Wir haben uns gegenseitig eine Chance gegeben", sagt der Mittelfeldspieler. Seit seiner Einwechslung gegen die Amateure des 1. FC Kaiserslautern im September hat er alle Spiele durchgespielt.
Ein dreiviertel Jahr ist der ehemalige Nationalmannschafts-Kollege von Ronaldinho, Robinho und Kaka nun bei der TuS und Trainer Michael Dämgen ist voll des Lobes: "Er ist menschlich und sportlich ein Gewinn. Ein sehr offener Typ ohne jegliche Starallüren." Kein Sportwagen, keine Extrawurst. Zudem scheut sich der Brasilianer auch nicht, für die jüngeren Spieler den Ball zu holen. Diesen rät Dämgen, vom Star zu lernen. Das will auch der Coach selbst: "Er hat unter so vielen Top-Trainern wie Scolari oder Dunga gespielt, da kann auch ich noch etwas von ihm lernen."
Viele der jungen Spieler kanntenMineiro bei der Verpflichtung noch nicht. Doch sie haben schnell gemerkt, dass er ein besonderer Spieler ist, der sich aber trotzdem immer in den Dienst der Mannschaft stellt. Als PR-Maßnahme möchte der Verein die Verpflichtung des Brasilianers nicht verstanden wissen. "Mineiro ist kein Ronaldo. Der braucht keine Tricks und Übersteiger. Bei Ronaldo wäre der Trikotverkauf wahrscheinlich ins Unermessliche gestiegen, bei Mineiro stand eine Woche das Telefon nicht still, doch jetzt ist es wieder relativ ruhig um ihn geworden", sagt Dämgen.
Der Fußball ist Mineiro immer noch wichtig, etwas anderes aber bedeutet ihm ebenfalls sehr viel: "Dort, wo man mit seiner Leistungsfähigkeit an Grenzen stößt, hilft der Glaube an Gott. In guten wie in schlechten Zeiten." Sport geht für ihn einher mit dem Glauben. Dass er vor den Spielen betet, ist für ihn selbstverständlich – aber nicht, um die Spiele zu gewinnen. Mineiro betet, wann immer es möglich ist, für seine Familie und er bittet um Gottes Gnade.
Als hauptamtlicher Mitarbeiter der christlichen Sportorganisation SRS (früher "Sportler ruft Sportler"), arbeitet er als Mentor für junge Sportler, und versucht, sie in ihrer persönlichen Entwicklung und in ihrem Sport zu fördern und zu begleiten. Gerade Spieler aus Südamerika kann er aufgrund seiner Vergangenheit bei Sprach- oder Anpassungsschwierigkeiten in Deutschland unterstützen. Darunter waren mehrere prominente Sportler, Namen möchte Mineiro jedoch nicht nennen. Sobald es seine Zeit zulässt, versucht er sich mit Kollegen zu treffen, um Programme zusammenzustellen oder Workshops zu organisieren. Aber derzeit hat die TuS klare Priorität.
Quelle: FUSSBALL.DE
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