02.07.2010, 18:26 Uhr | FUSSBALL.DE
Vor dem WM-Endspiel 1986: Diego Maradona (li.) und Karl-Heinz Rummenigge. (Foto: imago)Wir hören schon Franz Beckenbauer seine Worte vom England-Spiel wiederholen: "We call it a Klassiker." Denn weil nach dem Klassiker vor dem Klassiker ist, erwartet die deutsche Nationalmannschaft im Viertelfinale der WM nach England die nächste große Show. Auch das Spiel gegen Argentinien weckt wieder Erinnerungen an historische Duelle der beiden Mannschaften. (Foto-Show: Die heißesten Duelle zwischen Deutschland und Argentinien) Was Diego Maradona und Lothar Matthäus einst ausfochten, steht nun Lionel Messi und Bastian Schweinsteiger bevor. Was Sepp Herberger und Franz Beckenbauer einst gelang, wünscht sich Fußball-Deutschland nun von Joachim Löw. Und auch ein Hauch vom Sommermärchen 2006 weht durch Südafrika.
Viertelfinale Teamvergleich Deutschland - Argentinien
Alles begann in den Trikots des Malmö FF. Damit die Zuschauer vor den Schwarz-Weiß-Fernsehern die Trikots der beiden Mannschaften voneinander unterscheiden konnten, lief Argentinien im ersten Aufeinandertreffen mit Deutschland am 8. Juni 1958 bei der WM in Schweden in gelben Malmö-Trikots auf. Geholfen hat es den Gauchos, die zuvor drei WM-Turniere boykottiert hatten, nichts. Sie verloren 1:3. Und wer schoss die Mannschaft von Sepp Herberger zum Sieg? Helmut Rahn. Der Mann, der aus dem Hintergrund hätte schießen müssen. Der Mann, der erst kurz vor der WM 1958 begnadigt worden war, nachdem er wegen eines Verkehrsunfalls im Gefängnis gesessen hatte.
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Auch das zweite Aufeinandertreffen der beiden großen Fußball-Nationen ist erwähnenswert. Nicht unbedingt, weil es in der WM-Vorrunde 1966 in England torlos endete - sondern weil es weniger mit Fußball als mit diversen Kampfsportarten zu tun hatte. Am Ende triumphierte trotz eines 0:0-Unentschiedens Argentinien, wenn schon nicht nach Toren, so doch in der Foul-Statistik: 21:11. Und verzeichnete, obgleich die Rote Karte noch gar nicht erfunden war, einen Platzverweis. José Rafael Albecht hatte Wolfgang Weber mit beiden Beiden von selbigen geholt, woraufhin der Schiedsrichter ihn in einer fünfminütigen Diskussion davon überzeugte, dass er von nun an nichts mehr auf dem Platz verloren hatte. Der große Alfredo die Stefano sah die argentinische Härte hinterher etwas anders: Argentinien habe gegen ein "durch zwei Weltkriege verrohtes Volk gespielt". Die FIFA wiederum widersprach dieser Auffassung und verwarnte Argentinien kurzerhand wegen des Hanges zur Rudelbildung. Apropos Rudelbildung: Auf diesen Punkt kommen wir später noch mal zurück.
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Sieben Jahre später erteilte Argentinien dem verrohten Volk dann eine Lehrstunde. Als es am 14. Februar 1973 in München Mitte der zweiten Halbzeit 3:0 für Argentinien stand (Endstand 3:2), wurde vielen deutschen Fans ein Jahr vor der WM im eigenen Land Angst und Bange. Bundestrainer Helmut Schön hingegen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit Erfolg - wie die ganze Welt im Sommer 1974 anerkennen musste. Auch darauf wollen wir später noch mal zurückkommen.
An dieser Stelle ist es aber zunächst an der Zeit, zwei Spielern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Am 24. März 1982 wurde der Grundstein eines großen Duells der Fußball-Geschichte gelegt: Diego Armando Maradona gegen Lothar Matthäus. Die Nationalmannschaft von Jupp Derwall war auf Südamerika-Reise, und der 21-jährigen Matthäus eigentlich nur mit dabei, weil andere arrivierte Spieler fehlten. Doch Matthäus spielte. Vor 67.000 Zuschauern, die ihren Augen nicht trauten, weil ihr Star Maradona gegen den jungen Unbekannten aus dem fränkischen Herzogenaurach keinen Stich machte. Später sollte Maradona seinen Rivalen mit den Worten loben: "Der beste Gegenspieler, den ich je hatte."
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Matthäus musste tatsächlich Eindruck hinterlassen haben. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass vier Jahre später der Weltstar Maradona vor dem WM-Finale in Mexiko gegen Deutschland nach seiner Mutter rief: "Hilf mir, ich habe Angst, Du musst mich beschützen!" Und tatsächlich: Die Angst war berechtigt - der neue deutsche Star lieferte dem Muttersöhnchen einen großen Kampf. Doch obwohl Matthäus den wohl besten argentinischen Spieler aller Zeiten fast das ganze WM-Finale über ausschaltete, gelang diesem trotzdem der entscheidende Pass: Beim Stand von 2:2 schickte er Jorge Burruchaga auf den Weg, der das entscheidende 3:2 erzielte und Deutschland den 29. Juni 1986 gründlich versaute. Maradona und Argentinien waren Weltmeister, Matthäus und das deutsche Team von Franz Beckenbauer geschlagen.
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Aber die Rache kam, und wie: 1990. Rom. Wieder WM-Finale. Wieder Maradona. Wieder Matthäus. Doch dieses Mal war es die Nacht der Deutschen. Und noch heute sind sich die Experten einig: Es war das wohl einseitigste WM-Finale aller Zeiten. Argentinien spielte wie während der ganzen WM (über)hart, und weil der Weltmeister ohnehin schon vier Spieler gesperrt ersetzen musste, wollten zwei weitere diesen in nichts nachstehen. So flogen im Laufe des Finales Pedró Monzón und Gustavo Dezotti vom Platz. Trotzdem dauerte es bis fünf Minuten vor Schluss, ehe Rudi Völler Roberto Sensinis ausgestrecktes Bein im gegnerischen Strafraum zum Anlass nahm, abzuheben. Aber weil Lothar Matthäus in der Halbzeit sein Schuhwerk hatte wechseln müssen, musste aus reinem Aberglaube ein anderer Schütze zum Elfmeter antreten. Das Ergebnis ist bekannt. Brehme traf, Maradona weinte und schimpfte hinterher, die Mafia habe das Spiel entschieden. Aus seiner Zeit in Neapel wird er gewusst haben, wovon er sprach.
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Kommen wir nun aber zurück zum Thema Rudelbildung: Das WM-Viertelfinale 2006 wird den Fußball-Fans wohl auch wegen zwei Szenen immer in Erinnerung bleiben. Beide spielten sich nach 120 Minuten ab. Der eine Moment hatte mit dem Zettel zu tun, den Jens Lehmann vor jedem Elfmeter aus seinem Stutzen zu Tage förderte. Ebenfalls unvergessen, wie der Argentinier Cufre in bester Kong-Fu-Manier Per Mertesacker mit einem Tritt in die Eingeweide niederstreckte. Italien freut sich heute noch über diesen Tritt, hatte er doch eben besagte Rudelbildung zufolge, aus der Torsten Frings als fürs Halbfinale gesperrt hervor ging. 2010 ist die Freude aber wenigstens ganz auf unserer Seite, schließlich ist Italien schon wieder zuhause.
Kolumne Argentiniens teuflisches Trio
Aber da wir schon bei 2010 sind: Erinnern wir uns auch noch mal an das verlorene Spiel 1973. Für Trainer Schön war es ein Warnschuss zur rechten Zeit, es war das Aufzeigen deutscher Schwächen, eine Demonstration der argentinischen Stärke. Und es war der Grundstein der Arbeit der deutschen Nationalmannschaft, um anschließend Weltmeister zu werden. Im Jahr 2010 müssen sich die deutschen Fans also nachträglich über eine Niederlage freuen. Denn der 03. März 2010 förderte genau das zu Tage, was die Mannen von Helmut Schön 1973 aufgezeigt bekamen. Sie waren noch nicht bereit. Genauso wenig wie die Mannen von Joachim Löw, als sie im Vorbereitungsspiel gegen die Albiceleste mit 0:1 verloren und von Messi, Higuain und Co. die Grenzen aufgezeigt bekamen.
Nationalmannschaft Löw kann sich vorstellen weiterzumachen
Doch jetzt, bei dieser WM, ist alles anders. Deutschland ist bereit. Bereit, den Viertelfinal-Sieg von 2006 zu wiederholen. Bereit, nach England auch den nächsten Klassiker zu gewinnen. Bereit, das dritte Mal in Folge bei einer WM ins Halbfinale einzuziehen. Gegen Argentinien, gegen Diego Maradona, gegen Lionel Messi. Damit das Sommermärchen 2006 mit dem Titel 2010 nachträglich gekrönt werden kann.
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Quelle: FUSSBALL.DE
Fans sollen über weiteres Vorgehen entscheiden.
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