26.12.2011, 14:04 Uhr
Es war ein spannendes, abwechslungsreiches und manchmal überraschendes Fußball-Jahr 2011. Deutschland erlebte eine unvergessliche Frauen-Weltmeisterschaft, die A-Nationalmannschaft der Männer qualifizierte sich als bestes Team des Kontinents ohne Punktverlust für die EURO 2012.
Und zum Abschluss erklärte Dr. Theo Zwanziger, dass er nicht noch einmal kandidieren und sich von seinem Amt zurückziehen wird. Im Interview blickt der DFB-Präsident auf die vergangenen zwölf Monate zurück und richtet seinen Blick auf das EM-Jahr 2012.
Herr Dr. Zwanziger, am Ende des Jahres waren Ihr angekündigter Rücktritt und die Vorstellung von Wolfgang Niersbach als Ihrem designierten Nachfolger das beherrschende Thema. Aber lassen Sie uns zunächst auf die sportliche Jahresbilanz schauen. Was war für Sie am prägendsten?
Dr. Theo Zwanziger: Da geht es mir, denke ich, wie jedem fußballbegeisterten Menschen in unserem Land: Besonders beeindruckt haben natürlich auch mich die wunderbaren Leistungen unserer A-Nationalmannschaft. Wir alle können stolz auf dieses Team sein. Es ist vor allem das Verdienst von Joachim Löw, dass wir diese junge Mannschaft erleben, die nicht nur erfolgreich, sondern attraktiv Fußball spielt. Sie steht für all die schönen Facetten unseres Sports. Und sie ist gleichzeitig das beste Beispiel dafür, wie selbstverständlich der Fußball Kulturen vereint und Identifikation schafft.
Ihr großes Ziel ist jetzt die EURO 2012 in Polen und der Ukraine. In der Vorrunde warten schwere Gruppengegner.
Das stimmt, aber die Mannschaft hat viele gute Gründe, selbstbewusst in das Turnier zu gehen. Die Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen hat eindrucksvoll gezeigt, wie viel Potenzial in diesem Kader steckt und deutlich gemacht, zu welchen Leistungen die Spieler in der Lage sind. Unser Bundestrainer wird die Mannschaft ganz sicher auch diesmal optimal auf das Turnier vorbereiten und alles für den Erfolg tun.
Bedeutet Erfolg für Sie der EM-Titel?
Natürlich träumen wir doch alle davon, nach 1996 wieder einen Titelgewinn feiern zu können. Ob es dazu aber am Ende reichen wird, kann niemand vorhersagen. Bei einer EM spielen viele Mannschaften auf einem sehr hohen Niveau, manchmal entscheiden nur Kleinigkeiten oder das berühmte Quäntchen Glück. Erfolg heißt für mich, schönen Fußball zu spielen. Wenn dann am Ende noch ein EM-Titel dabei herausspringt, umso besser. Die Chancen stehen nicht schlecht. Und ich habe vollstes Vertrauen in die Arbeit von Joachim Löw, Oliver Bierhoff und dem gesamten Team.
Ein Blick auf die Situation im Nachwuchsbereich macht Hoffnung, dass Deutschland auch in Zukunft sportlich gut aufgestellt sein wird.
Die Nachwuchsarbeit in den Eliteschulen, Stützpunkten und Leistungszentren ist vorbildlich und die Grundlage dafür, dass der deutsche Fußball perspektivisch konkurrenzfähig bleibt. Unser Sportdirektor Matthias Sammer, die Trainer und alle Teams leisten hervorragende Arbeit. Es gehörte zu den schönsten Eindrücken dieses Jahres, die Leistungen unserer U 17 bei der WM in Mexiko oder der U 19-Frauen bei der EM zu verfolgen. Wer diese Talente spielen sieht, der muss sich um die Zukunft des deutschen Fußballs nicht sorgen.
Bei der Frauen-WM hat es mit dem Titelgewinn im eigenen Land leider nicht geklappt. Ist die Enttäuschung mittlerweile verflogen?
Zunächst einmal hat bei mir immer die Zufriedenheit über den Verlauf des gesamten Turniers überwogen. Mit unserer OK-Präsidentin Steffi Jones an der Spitze ist es gelungen, ein perfekt organisiertes Turnier auf die Beine zu stellen. Die Stimmung in den gut besuchten Stadien war ausgelassen und trotzdem friedlich, schöner kann Fußball doch nicht sein.
Noch schöner wäre es gewesen, wenn Deutschland nicht im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Japan ausgeschieden wäre.
Natürlich wäre das schöner gewesen, aber wir gönnen den Titel natürlich auch unseren Freunden aus Japan. Einem Land, das in diesem Jahr durch den Tsunami und die Atomkatastrophe in Fukushima großes Leid erfahren musste. Besonders faszinierend war jedoch, wie sich unser Land nach dem Aus unserer Mädels als Gastgeber präsentiert hat. Die Fans haben die anderen Teams gefeiert und aus der WM ein buntes Fußball-Fest gemacht. Ein Fest, das viel für das Image des Frauenfußballs bewirkt hat.
Und das am Ende auch noch wirtschaftlich erfolgreich war.
Damit konnte in dieser Form niemand rechnen. Dank der hohen Kostendisziplin stand am Ende ein Ergebnis, das jetzt wieder dem Fußball zugeführt werden kann. Ein Großteil kommt den Landesverbänden zugute, ein Teil geht in die gezielte Projektarbeit im Frauen- und Mädchenfußball und ein anderer Teil in den gesamten Sport. Das Geld fließt also in die Basis zurück, nachhaltiger kann so ein Turnier nicht sein.
Nachhaltigkeit ist für Sie ein wichtiges Motto.
Aus der integrativen Kraft des Sports entsteht gesellschaftliche Verantwortung für soziales Engagement. Mit der Erweiterung des Paragrafen 4 in der DFB-Satzung und der Gründung der DFB-Kommission Nachhaltigkeit, die sich mit den Bereichen Anti-Korruption, Umwelt, Bildung, Prävention, Depression sowie Kultur befasst, haben wir uns auf den Weg zur Nachhaltigkeit begeben. Soziales Engagement hat beim DFB eine bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreichende Tradition. Und es war mir immer ein zentrales Anliegen, diese Verantwortung deutlich zu machen und stärker wahrzunehmen. Wenn wir sehen, welchen Stellenwert der DFB heute in der Gesellschaft hat und welche großen Herausforderungen in der Zukunft vor uns liegen, wird sehr schnell deutlich, wie wichtig ein nachhaltig wirkendes Engagement ist.
Es gab 2011 aber auch negative Schlagzeilen: Die Steuerverdächtigungen gegen Schiedsrichter, der Suizidversuch von Babak Rafati oder die Ausschreitungen am Rande von Fußballspielen.
Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, mit allen positiven und negativen Seiten. Der DFB wird auch diese Probleme genauso gründlich und sachbezogen aufarbeiten, wie wir das immer gemacht haben. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass der DFB ein Sportverband und keine Ermittlungsbehörde ist. Und dass es gesellschaftliche Phänomene wie die Gewaltproblematik gibt, die ein Verband allein nicht lösen kann.
Zurück zur Eingangsfrage: Anfang Dezember haben Sie überraschend erklärt, dass Sie nicht noch einmal als DFB-Präsident kandidieren werden. War das eine spontane Entscheidung?
Nein, ganz im Gegenteil. Diese Entscheidung war seit langem vorbereitet. Ursprünglich hatte ich schon beim Bundestag 2010 die Absicht, nicht noch einmal zu kandidieren. Mir war es immer ungeheuer wichtig, den DFB als gesellschaftspolitische Kraft in Deutschland zu etablieren, ohne dabei das Kerngeschäft zu vernachlässigen. Ich denke, das ist mir recht gut gelungen. Von daher halte ich es jetzt für einen guten Zeitpunkt, den Staffelstab an einen Nachfolger zu übergeben. Wenn die inhaltlichen Fragen auf nationaler Ebene und die perspektivischen Ausrichtungen in den internationalen Gremien der UEFA und FIFA besprochen sind, steht dem Übergang aus meiner Sicht nichts mehr im Wege.
Der designierte Nachfolger ist bereits gefunden: Fünf Tage nach ihrem angekündigten Rücktritt wurde Wolfgang Niersbach mit einhelliger Unterstützung des Amateurfußballs und der Liga vorgestellt.
Ja, und darauf bin ich stolz. Nachfolger-Diskussionen haben unserem Verband in der Vergangenheit schon oft viel Zeit und Kraft gekostet. Deshalb bin ich froh, dass wir die Nachfolge-Regelung so schnell treffen konnten. Ich halte Wolfgang Niersbach für den besten Kandidaten. Er verfügt über ein hohes Maß an Kompetenz. Ich arbeite seit 20 Jahren freundschaftlich, eng und vertrauensvoll mit ihm zusammen und bin überzeugt, dass er den Verband optimal führen und dabei die ehrenamtliche Basis nicht aus den Augen verlieren wird. Er wird meine volle Unterstützung erhalten. Der DFB ist und bleibt ein starker Verband und verlässlicher Partner.
Quelle: FUSSBALL.DE
Fans sollen über weiteres Vorgehen entscheiden.
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