Projekt |13.12.2022|16:00

Fair Play im Verein: Austausch mit dem BVB

Projekt "Jugend - Trainer - STÄRKEN": BSV Fortuna Dortmund war mit dabei.[Foto: BSV Fortuna Dortmund]

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Als einer von zahlreichen Amateurvereinen nahm der BSV Fortuna Dortmund, bei dem einst der aktuelle Bundesligaprofi Marvin Ducksch das Fußballspielen erlernte, am Projekt "Jugend - Trainer - STÄRKEN" teil, das von der DFL Stiftung und der Robert Bosch Stiftung gefördert und vom Arbeit und Leben Bielefeld e.V. durchgeführt wurde.

Bei "Jugend - Trainer – STÄRKEN" wurden sowohl Trainer*innen als auch Jugendspieler*innen von Profiklubs und Amateurvereinen durch gemeinsame Workshops und Bildungsangebote in ihren Kompetenzen gestärkt und für partizipative Prozesse in Vereinen sensibilisiert. Auch das Umfeld der beteiligten Vereine, zum Beispiel Vorstände, Präventionsbeauftragte oder Eltern waren einbezogen.

Im FUSSBALL.DE -Interview spricht Holger Plexnies (48), der als Trainer für die B-Junioren des Kreisligisten verantwortlich ist, über die Bedeutung von Fair Play und den Austausch mit Borussia Dortmund.

FUSSBALL.DE: Der BSV Fortuna Dortmund hat am Projekt "Jugend - Trainer - STÄRKEN" teilgenommen. Ein Schwerpunkt war das Thema Fair Play. Welchen Stellenwert nimmt das bei Ihrer täglichen Arbeit mit den Jugendlichen ein, Herr Plexnies?

"Bei umstrittenen Entscheidungen reagieren die Jungs häufig vorbildlich, verzichten auf einen Einwurf oder sprechen dem Gegner einen Eckball zu."

Holger Plexnies: Fair Play ist bei uns im Verein tief verankert und ist mir bei meiner Tätigkeit als B-Juniorentrainer sehr wichtig. Tore, Punkte, Meisterschaft sind die sportlichen Aspekte. Aber der Fair Play-Gedanke hat bei uns mindestens den gleichen Stellenwert.

Warum sind Sie Nachwuchstrainer geworden?

Plexnies: Ich habe den klassischen Weg eingeschlagen. (lacht) Mein Sohn Mats hat mit fünf Jahren angefangen, Fußball zu spielen. 2014 stand die Mannschaft ohne Trainer da und die Frage im Raum, ob das Team aufgelöst werden soll. Deshalb habe ich mit drei weiteren Eltern die Aufgabe übernommen, bin bei den Minikickern eingestiegen und mit meinem Sohn und seinen Teamkollegen quasi bis zur B-Jugend aufgerückt.

Wie lassen Sie das Thema Fair Play im Training einfließen und wie wird es von den Jugendlichen angenommen?

Plexnies: Dafür muss ich ein wenig ausholen. (lacht) Zum Abschluss des Projekts "Jugend - Trainer - STÄRKEN" hatten wir uns überlegt, die Werte unseres Vereins in den Jugendteams mit der Frage "Wofür steht der BSV?" zu ergründen. Respekt, Fair Play und Toleranz waren dabei die wesentlichen Rückmeldungen, die aus Sicht der Jungs und Mädchen unseren Verein verkörpern. Diese haben wir auf einer Tafel auf unserer Platzanlage verewigt. Ich habe mich mit meiner Mannschaft vor Saisonbeginn vor diese Tafel gestellt und hatte die Jungs gefragt, wie sie dazu stehen. Die Reaktionen waren durchweg positiv.

Mit welchen Beispielen gehen Sie in Ihrer Vorbildfunktion voran?

Plexnies: Es ist im Fußball wichtig, den Ehrgeiz mitzubringen, ein Spiel gewinnen oder zumindest bestmöglich bestreiten zu wollen. Nach dem Abpfiff gilt es aber, den Sieg oder die Niederlage zu akzeptieren und sich respektvoll vom Gegner und vom Schiedsrichter mit Handshakes zu verabschieden. Wir wollen möglichst Stress vermeiden und einfach nur Spaß am Fußball haben. Als Trainer lebe ich diese Werte vor, will bei strittigen Situationen von der Seitenlinie positiven Einfluss und den Druck vom Kessel nehmen. Wenn der jeweilige Gegner dieselben Werte verkörpert, dann ist es immer ein sehr angenehmes Miteinander. Die derzeit wieder aufkommende Gewalt im Jugend- und Kinderfußball ist ein Thema, mit dem wir uns im Verein auseinandersetzen und bei dem wir eine klare Null-Toleranz-Grenze haben. Durch das Vorleben unserer Werte wollen wir diese Haltung permanent in den Jugendteams implementieren.

Wie stehen Sie zur "Fair Play-Liga", in der Kinder ohne Schiedsrichter*in auskommen und für die Umsetzungen der Fußballregeln selbst zuständig sind?

Plexnies: Im Fußballkreis Dortmund wird das von der G- bis zur F-Jugend bereits seit Jahren praktiziert. Ich bin ein großer Befürworter, weil die Ergebnisse nicht veröffentlicht werden und die Kinder bereits in frühen Jahren Eigenverantwortung übernehmen. Die Trainer bekommen eine Coachingzone und sollen sich möglichst weitgehend aus dem Geschehen heraushalten. Auch die Eltern sollen sich mindestens 15 Meter vom Platz entfernt aufhalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Spieler im heranwachsenden Alter den Fair Play-Gedanken aus ihren fußballerischen Anfängen mitgenommen haben.

Wie meinen Sie das?

Plexnies: Bei umstrittenen Entscheidungen reagieren die Jungs häufig vorbildlich, verzichten auf einen Einwurf oder sprechen dem Gegner einen Eckball zu. So hatte unser Torhüter kürzlich den Schiedsrichter, der auf Abstoß entschieden hatte, sogar von sich aus darauf aufmerksam gemacht, dass er den gegnerischen Stürmer gefoult hatte. Durch den fälligen Elfmeter haben wir das Spiel verloren. Dennoch war ich mächtig stolz, wie die Jugendlichen den Fair Play-Gedanken bereits verinnerlicht haben.

Als Vertreter des BSV Fortuna haben Sie sich im Rahmen von "Jugend - Trainer - STÄRKEN" regelmäßig mit dem großen Nachbarn Borussia Dortmund über Trainingsinhalte im Nachwuchsfußball ausgetauscht. Was konnten Sie aus der Zusammenarbeit mit dem BVB mitnehmen?

Plexnies: Eine ganze Menge. Die sozialen Komponenten im Umgang mit den Kindern haben mich beim BVB besonders interessiert. Während der Corona-Pandemie war es für mich schwer, pubertierende Jugendliche bei Laune zu halten. Ich wollte nicht, dass die Jungs die Lust am Fußball verlieren, habe deshalb ein Onlinetraining organisiert. Auch wie der BVB in der Zusammenarbeit mit den Eltern agiert, war sehr interessant.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Plexnies: In meiner Rolle als Trainer und Spielervater eines Breitensportvereins kann ich mich nicht so distanzieren, wie es beim BVB üblich ist. Dafür verfolgen wir im Verein einen familiären Ansatz. Ich suche den Kontakt zu den anderen Eltern, dennoch muss es Grenzen geben. Es ist fatal, wenn die Eltern anfangen, mir in die Aufstellung hineinzureden. Der BVB hat mir für solche Fälle einige Impulse mit auf den Weg gegeben, wie ich am besten darauf reagieren kann.

Warum ist es Ihnen grundsätzlich wichtig, sich mit dem Thema Fair Play auseinanderzusetzen?

Plexnies: Ich habe keine Lust, meine Jungs vor dem Sportgericht zu vertreten, und auch keine Lust auf Rudelbildungen oder sonstige Auseinandersetzungen. Das kann aus meiner Sicht auch nicht das Ziel eines sportlichen Wettbewerbs sein. Ich will lieber Spaß mit meiner Mannschaft auf dem Fußballplatz haben. Der respektvolle Umgang gegenüber dem Trainer, dem Schiedsrichter und dem Gegner sind mir wichtig. Meine Spieler müssen verstehen, dass sie die Werte des Vereins BSV Fortuna Dortmund repräsentieren.

Welche Empfehlungen können Sie anderen Vereinen mitgeben?

Plexnies: Wichtig ist, dass man den Spielerinnen und Spielern Fehler zugesteht und später im ruhigen Gespräch ihr mögliches Fehlverhalten analysiert - genauso, wie man sein eigenes Verhalten ständig reflektieren sollte. Als Trainer muss man authentisch bleiben: Wenn ich nicht wirklich zum Fair Play stehe, dann kann ich es auch nicht vorleben.

Auch Eintracht Braunschweig und der VfL Theesen haben sich im Rahmen von "Jugend - Trainer - STÄRKEN" u. a. mit den Themen Fair Play und stressfreie Räume auseinandergesetzt. Der in der Saison 2021/22 entstandene Film gibt einen Einblick.

Mehr Informationen zu "Jugend - Trainer - STÄRKEN" und im Projekt behandelten Themen sind in dieser Dokumentation zu finden.

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