Integration |13.08.2021|22:25

Flüchtlingsteam: Endlich in der Liga am Start

Die Macher des Integrationsprojekts: Saartal-Vorsitzender Helmut Kirchen, Anette Barth (Kulturgießerei) und Trainer Dzevat Nedzipovski.[Foto: Andreas Arens]

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Sie kommen aus Afghanistan, Nigeria, Kurdistan oder Bosnien-Herzegowina - und sie haben eine große geneinsame Leidenschaft: den Fußball. Seit gut drei Jahren kicken junge Menschen im Rahmen eines Integrationsprojektes der Kulturgießerei Saarburg, einem sozio-kulturellen Zentrum 20 Kilometer südlich von Trier. Nun wollen sie den nächsten Schritt machen, nicht immer nur trainieren oder bestenfalls Freundschaftsspiele bestreiten. Unter dem Dach der Spielgemeinschaft Saartal (mit den Sportvereinen aus Schoden, Irsch/Saar, Ockfen und von der DJK Trassem) kämpft die Mannschaft in der neuen Saison als dritte Mannschaft in der Kreisliga D Trier/Saar im Fußballverband Rheinland um Punkte.

"Es war mir ein Herzensanliegen, über unseren so geliebten Fußball die Jungs noch mehr in unsere Gesellschaft zu integrieren. Wir hatten sehr gute Gespräche mit Anette Barth und ihrem Team von der Kulturgießerei und freuen uns, dass es jetzt losgeht", betont SG-Vorsitzender Helmut Kirchen.

Ihr erstes Pflichtspiel bestreitet die SG III am Samstag, ab 18 Uhr, beim SV Tawern. Trainer Dzevat Nedzipovski ist nicht nur selbst in der Integrationsarbeit engagiert, sondern hat auch einige Erfahrungen im Fußball gesammelt. Der 43-Jährige stammt aus dem heutigen Nordmazedonien und galt in jungen Jahren als großes Talent. Mit 14 besuchte er sogar die Fußballschule des niederländischen Spitzenclubs PSV Eindhoven. In der Eifel-Mosel-Hunsrück-Region hinterließ er vor allem beim VfL Trier Spuren und gehörte dem Klub auch an, als die erste Garnitur in der damaligen Oberliga Südwest spielte. Später spielte Nedzipovski noch im benachbarten Luxemburg.

Fußball als Kommunikationsmittel

"Unser Projektteam ist in den vergangenen Jahren wie eine Familie zusammengewachsen. Jeder ist für den anderen da"

Als das Projekt 2018 gestartet wurde, wuchs die Fußballgruppe schnell auf 40 Aktive an. "Mittlerweile", so der Coach, "sind es nicht zuletzt bedingt durch Umzüge noch knapp 20 Leute. Es gibt aber noch einige Anfragen von Jungs, die auch für uns spielen möchten - gerade, weil wir jetzt in der Meisterschaft dabei sind".

Anfangs, so Anette Barth, habe schlicht der Gedanke gestanden, jungen Menschen, die zugewandert sind, eine sportliche Betätigung zu ermöglichen. "Gerade beim Fußball findet man schnell zueinander. Die Regeln sind weltweit die gleichen. Da ist schnell eine Kommunikation hergestellt", weiß SG-Chef Kirchen. Und Trainer Nedzipovski berichtet voller Stolz: "Unser Projektteam ist in den vergangenen Jahren wie eine Familie zusammengewachsen. Jeder ist für den anderen da." Nun wollen die Akteure aus vieler Herren Länder auch das Leben in einem intakten Verein kennenlernen.

Auf die Dauer, stellen Barth und Kirchen klar, sei die dritte Mannschaft in dieser Konstellation keine echte Integration: "Die Spieler sollen so in die SG Saartal hineinwachsen. Vielleicht kann sich der eine oder andere für eine der beiden höheren Mannschaften empfehlen oder wir gewinnen Leute für Ämter im Verein." Seit Jahresbeginn habe es Gespräche gegeben. Intern habe er Überzeugungsarbeit leisten müssen, lässt Kirchen durchblicken. "Dabei ging es nicht um Vorbehalte gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, sondern nur um die Frage, ob wir das alles gestemmt bekommen." Um einer breiteren Öffentlichkeit Informationen zugänglich zu machen, wurde auch eine Gesprächsrunde zum Projekt aufgezeichnet: Hier geht's zum Video . Eigens wurde das Orga- und Begleitteam "Vielfalt am Ball" gegründet. Unter der Leitung von Anette Barth und Helmut Kirchen sind hier insgesamt neun Ehrenamtler engagiert.

Erfolg nicht im Fokus

Trainiert wird seit rund zwei Monaten. Die eine oder andere Hürde sei noch aus dem Weg zu räumen, damit die SG III mit einem möglichst großen Kader am Samstag ihr Premierenspiel bestreiten kann: Einige Spieler waren bereits in ihrem Heimatland aktiv. Hier muss über den DFB und die Fifa der jeweilige nationale Verband kontaktiert werden. Wenn nach 30 Tagen von dort keine Rückmeldung auf die Anfrage erfolgt ist, wird eine Spielberechtigung unter Vorbehalt erteilt. "Gut, dass uns von der Passstelle des Fußballverbandes Rheinland wirklich geholfen wird", betont Kirchen.

Wenn es um Punkte geht, und auch der Gegner das Spiel unbedingt gewinnen will, sei Disziplin noch wichtiger als in den bisherigen Freundschaftspartien, weiß Coach Nedzipovski. "Disziplin ist aber auch von der jeweiligen anderen Mannschaft gefragt. Beide Seiten sollten aufeinander zugehen", betont Anette Barth, Was das rein Sportliche angeht, hat den Trainer der Ehrgeiz gepackt: "Wir haben das Zeug dazu, aufzusteigen." Für den SG-Vorsitzenden ist das erst mal zweitrangig. "Die Jungs sollen in aller Ruhe ankommen und sich bei uns wohlfühlen. Das steht für mich an erster Stelle. Alles andere kommt von alleine."


Während die Politik häufig um sinnvolle Lösungen ringt, geht der Fußball voran. Überall im Land leisten Amateurvereine wertvolle Arbeit zur Integration von Flüchtlingen, kümmern sich mit viel Herzblut um die Schutzsuchenden. Diesem außergewöhnlichen Engagement widmen wir in dieser Woche einen Themenschwerpunkt.

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