Der SC Borussia 05 Kalk aus dem Fußball-Verband Mittelrhein zeigt, was ein Verein in einem komplizierten Viertel einer Großstadt bewegen kann. Der Klub aus Köln eröffnet Mädchen und Jungen in schwierigen Lebenslagen neue Perspektiven - und wurde dafür sogar von der DFB-Stiftung Sepp Herberger ausgezeichnet.
Es ist ein warmer Nachmittag in den Sommerferien in Köln-Kalk. Eigentlich ist die Kunstrasenanlage des SC Borussia 05 geschlossen. Kein Training, kein Spielbetrieb. Trotzdem kicken mehrere Kinder auf dem Platz. Wie sie hineingekommen sind, ist schnell erklärt: Sie sind über den Zaun geklettert. Erlaubt ist das natürlich nicht. Für Salvatore Saporito, den 1. Vorsitzenden von Borussia Kalk, ist es trotzdem kein Grund für Ärger. Im Gegenteil. Für ihn ist es ein Zeichen dafür, wie dringend der Verein gebraucht wird.
"Leuchtturm im Stadtteil mit Sozialfunktion"
"Wenn die Kinder sich ordentlich benehmen, sind sie bei uns willkommen", sagt Saporito im Gespräch mit FUSSBALL.DE. "Mir ist es lieber, sie klettern bei uns über den Zaun und spielen hier Fußball, als dass sie auf der Straße rumhängen und Unsinn machen. Es gibt viel Kriminalität in der Gegend - ich bin überzeugt, dass der Fußball die Kids davon abhält, Mist zu bauen."
Borussia Kalk hat sich deshalb entschieden, die Kinder auch dann spielen zu lassen, wenn die Anlage eigentlich geschlossen ist oder wenn Flächen während der regulären Trainingsbetriebs nicht benötigt werden. Saporito kennt viele der Kids, denn sie kommen fast täglich zur Borussia. Aber er kennt auch den Stadtteil, wie kaum ein Zweiter. Zwar lebt er dort inzwischen nicht mehr, Saporito wurde allerdings in Kalk geboren und seit seinem achten Lebensjahr ist er fast durchgängig bei der SC Borussia 05. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er im Vorstand - ehrenamtlich, wie alle anderen Verantwortlichen auch.
Er macht das, weil er weiß, wie wichtig der Verein für die Menschen in diesem Stadtteil ist. Für Saporito und viele andere Ehrenamtliche, vor allem für seine Vorstandskollegen Ralph Wilhelm, Dieter Worms und Özgür Ado, ist Borussia Kalk längst mehr als ein Fußballverein. Der Klub ist Heimat - besonders für die vielen Menschen, die aus anderen Ländern und Regionen nach Kalk gekommen und neu hier sind. Manche müssen die Sprache erst lernen. Fußball spielen hingegen können die meisten, das verbindet.
"Es gibt viel Kriminalität in der Gegend - ich bin überzeugt, dass der Fußball die Kids davon abhält, Mist zu bauen"
"Wir sehen uns als Leuchtturm im Stadtteil mit Sozialfunktion", sagt der 51-Jährige. Der Verein sei eine Anlaufstelle und ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche willkommen sind – unabhängig davon, woher sie kommen, welche Sprache sie sprechen oder wie viel Geld ihre Familien haben. Sie sollen Fußball spielen, Spaß haben und einfach Kind sein können.
Einen besonderen Schwerpunkt haben die Verantwortlichen zuletzt auf den Mädchenfußball gelegt. Vor einiger Zeit haben sie eine Juniorinnen-Mannschaft aufgebaut. Dort kommen Mädchen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen, viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Trainiert wird zweimal pro Woche, in der neuen Saison mittwochs und freitags. Im Mittelpunkt steht dabei nicht in erster Linie die Leistung. Es geht um Breitensport, Gemeinschaft und die Möglichkeit, Fußball zu spielen.
Doch der Spielbetrieb bringt den Verein immer wieder vor Herausforderungen. Zu Auswärtsspielen muss die Mannschaft teilweise längere Strecken zurücklegen. Viele Eltern haben kein Auto oder nicht die Zeit, ihre Kinder zu fahren. Im besten Fall werden Fahrgemeinschaften organisiert. Das klappt aber nicht immer. Wenn es ganz schlecht läuft, kann Borussia Kalk zu einem Auswärtsspiel nicht antreten. "Wir versuchen natürlich, das zu verhindern und als Verein bestmöglich zu unterstützen", betont Saporito. "Aber manchmal erreichen auch wir die Grenzen unserer Möglichkeiten."
Auf der heimischen Anlage finden die Mädchen dagegen einen Ort, an dem sie ihren Sport ungestört ausüben können. "Uns ist es wichtig, dass sich die Mädchen bei uns ausleben und ihrer Leidenschaft für Fußball nachgehen können", sagt Saporito. Möglich sei das auch deshalb, weil sich die Trainerinnen und Trainer nicht nur sportlich engagieren, sondern die Mädchen und ihre Familien auch sozial begleiten. Konflikte würden so oft schon im Ansatz aufgefangen.
"Uns ist es wichtig, dass sich die Mädchen bei uns ausleben und ihrer Leidenschaft für Fußball nachgehen können"
Über Integration sprechen Saporito und der Vorstand häufig. Das große Wort mögen sie allerdings nicht besonders. Zu oft werde daraus ein Projekt mit Kampagnen, Konzeptpapieren und Förderanträgen, sagt Saporito. Seine eigene Vorstellung ist viel einfacher: "Nimm ein paar Jungs und Mädels und wirf den Ball in die Mitte. Mehr musst du nicht tun. Meine Erfahrung zeigt mir, dass Fußball spielen das beste und günstigste Integrationsprojekt ist. Wenn der Ball rollt, ziehen alle an einem Strang."
In Kalk begegnen sich auf diesem Weg Menschen auf dem Platz, die sich außerhalb des Vereins vielleicht nie treffen würden. Im Verein sind mehr als 20 Nationen vertreten: Türken, Kurden, Italiener, Palästinenser und viele andere. Die Herkunft ist bekannt, aber sie entscheidet nicht darüber, wer in einer Mannschaft zusammenspielt. Der Sport schafft eine gemeinsame Sprache. "Der Ball ist quasi die Brücke zwischen den Inseln", sagt Saporito. Diese Brücke trägt auch abseits des Trainings. Mannschaften grillen zusammen, fahren zu Turnieren und verbringen Zeit auf dem Fußballplatz.
Natürlich gibt es im Vereinsalltag auch Konflikte: Eltern, die ihre Kinder abgeben und erwarten, dass der Verein nebenbei die Erziehungsaufgabe übernimmt. Manchmal auch Beiträge, die nicht eingezogen werden können. Missverständnisse und Spannungen kommen immer wieder vor.
"Die Antwort heißt Kommunikation"
Wie bei Borussia Kalk damit umgegangen wird, wissen alle ganz genau, wie Saporito betont: "Die Antwort heißt Kommunikation. Trainerinnen, Trainer sowie Betreuerinnen und Betreuer sprechen sich ab. Der Jugendvorstand tauscht sich regelmäßig mit den Verantwortlichen aus. Probleme werden dann mit den Betroffenen angesprochen und aufgelöst." Gewalt und größere Ausschreitungen, mit denen der Stadtteil früher immer wieder in Verbindung gebracht worden sei, gehörten bei Borussia Kalk schon lange nicht mehr zum Vereinsalltag.
Das Beispiel Borussia Kalk zeigt, was Amateurfußball leisten kann, wenn ein Verein seine Umgebung nicht nur als Problemzone betrachtet, sondern als Teil seines Auftrags. Genau deshalb will Saporito den Fußball - vor allem auch im Nachwuchsbereich - in Kalk weiterentwickeln. Seine Überzeugung ist klar: Vielfältige Vereine und Mannschaften sind stärker, weil unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammenkommen.
Für sein soziales Engagement wurde der SC Borussia 05 Kalk kürzlich sogar von der DFB-Stiftung Sepp Herberger ausgezeichnet. Die Ehrung würdigt ein konkretes Projekt. Die eigentliche Arbeit aber findet Woche für Woche statt: auf dem Kunstrasen, am Spielfeldrand, im Vereinsheim - und manchmal auch hinter dem Zaun, über den Kinder klettern, um Fußball zu spielen.
Autor/-in: Martin Schwartz