Mit Vereinssport gegen Einsamkeit: "In Gemeinschaft verbunden"
Gegen Einsamkeit: Sport bringt Menschen zusammen - unabhängig von Alter, Herkunft oder Leistungsniveau.[Foto: IMAGO]
Einsamkeit hat viele Gesichter und macht auch vor dem Fußball nicht halt. Ob im Amateurverein oder als Profi im ausverkauften Stadion: Das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, kann überall entstehen. Gleichzeitig bietet gerade der organisierte Sport zahlreiche Möglichkeiten, diesem Phänomen entgegenzuwirken und ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.
Dieses Potenzial hat man auch beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erkannt, bei dem Viola Kaets seit 2025 das Projekt "Fit und verbunden gegen Einsamkeit" (FIVE) leitet. "Wir verfolgen den Ansatz, über Bewegung Begegnungsräume zu schaffen und die soziale Teilhabe zu fördern", beschreibt sie ihre Aufgabe. In sechs Modellregionen wurden dafür gezielt Angebote entwickelt, die über den reinen Sport hinausgehen.
"Erhebliche gesundheitliche Risiken"
"Unser Ziel ist es, Sportvereine in ihrer Rolle zu stärken und mit kommunalen Akteuren zu vernetzen, damit sie neue Zugangswege und Zielgruppen erschließen könne", so Kaets weiter. "Das können zum Beispiel Nachbarschaftsinitiativen, Familienzentren oder Religionsgemeinschaften sein." Ein besonderer Fokus liege dabei auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.
Dass dieser Ansatz wichtig ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Rund elf Prozent der Bevölkerung in Deutschland fühlen sich im Alltag einsam. "Häufig sind damit erhebliche gesundheitliche Risiken verbunden, zum Beispiel eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer, Herzkrankheiten oder Diabetes zu erkranken", betont Kaets. "Hinzu kommt: Wenn Menschen sich nicht zugehörig fühlen, verlieren sie Zugänge zur Gemeinschaft und gehen uns auch als Vereinsmitglieder oder potenzielle Ehrenamtliche verloren." Auch deshalb sei es wichtig, als Sportverband hier entgegenzuwirken.
Doch auch im Spitzensport kann Einsamkeit auftreten - trotz voller Stadien und hoher medialer Aufmerksamkeit. Das betont Christoph Herr, der beim DFB als Koordinator für Sportpsychologie tätig ist. "Grundsätzlich kann sich jeder Mensch einsam fühlen. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Kontakte, die man im Alltag hat, sondern die Qualität der sozialen Beziehungen."
"Nur weil man am Wochenende vor 20.000 Leuten Fußball spielt, heißt das nicht, dass man sich nicht einsam fühlen kann"
Gerade im Profifußball kann die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und persönlichem Empfinden groß sein und langfristig zur Belastung werden. "Nur weil man am Wochenende vor 20.000 Leuten Fußball spielt, heißt das noch lange nicht, dass man sich nicht einsam fühlen kann", so Herr. "Wenn sehr viel Oberflächlichkeit mitschwingt und immer nur der Profi statt dem Menschen dahinter wahrgenommen wird, kann auch das einsam machen. Letztlich geht es um die Frage, ob man sich wirklich gesehen und verstanden fühlt." Umso wichtiger sei es, im Umfeld einer Mannschaft Räume zu schaffen, in denen Vertrauen und Offenheit möglich sind.
Hier schließt sich der Kreis zum Breitensport. Denn regelmäßige Bewegung im Verein kann nicht nur körperliche Fitness, sondern auch soziale Bindung schaffen. "Wenn Menschen regelmäßig körperlich aktiv werden, fühlen sie sich mit ihrer Gemeinschaft verbunden und leiden seltener unter Einsamkeit", betont Kaets. Und genau darin liegt die große Chance des Sports: Er bringt Menschen zusammen - unabhängig von Alter, Herkunft oder Leistungsniveau.