Julia Burger vom TSV 1848 Hungen: Torjägerin beim "Aushängeschild"
"Wir sind ein eingeschworener Haufen": Julia Burger und der TSV 1848 Hungen.[Foto: TSV 1848 Hungen]
Zum 26:0-Kantersieg des TSV 1848 Hungen in der Kreisoberliga Gießen in Hessen gegen die SG Driedorf/Beilstein steuerte Julia Burger allein zwölf Treffer bei. Mit insgesamt 31 Treffern führt die 34 Jahre alte Angreiferin auch die Torjägerliste an, gefolgt von ihren Teamkolleginnen Lea Peppler (zehn Tore) und Svenja Geiss (neun).
Im FUSSBALL.DE-Interview spricht Burger, die als Verwaltungsfachangestellte bei der Feuerwehr in Frankfurt tätig ist, über ihren Verein, der sich schon seit mehr als 50 Jahren im Frauenfußball engagiert, über ihren älteren Bruder Marco und Rekord-Nationalspielerin Birgit Prinz.
FUSSBALL.DE: Gleich zwölf Treffer in einem Spiel sind nicht an der Tagesordnung. Wie fielen die Reaktionen aus, Frau Burger?
Julia Burger: Es war unser höchster Saisonsieg überhaupt, entsprechend groß war die Freude. Meine Mutter Claudia und Tante Tina, die bei Heimspielen immer dabei sind, kamen aus dem Staunen nicht heraus. Schade, dass unser Trainer Günther Kaiser und meine Lebensgefährtin Isabel, die beide zu einem Junggesellenabschied eingeladen waren, dieses Torspektakel verpasst haben. Unser Trainer hatte mit dem Bräutigam und Isabel mit der Braut gefeiert. Beide haben die Informationen über unseren Liveticker erhalten.
Sie sind bereits seit 15 Jahren ein wichtiger Bestandteil des Frauenteams. An welche Saison erinnern Sie sich besonders gerne zurück?
Burger: In der Spielzeit 2022/2023 sind wir Meister in die Gruppenliga aufgestiegen, haben kein Spiel verloren. In der Saison 2016/2017 sind mir unglaublich viele Tore gelungen. In der Hinrunde war ich mit 55 Treffern bundesweit die besten Torschützin, kam am Saisonende auf stolze 84 Buden. Wir hatten damals als Mannschaft super zusammengespielt.
"Eine gute Stürmerin ist manchmal auch eine gute Torhüterin"
Dabei wurden Sie zwischendurch auch als Torhüterin eingesetzt. Wie kam es dazu?
Burger: Eine gute Stürmerin ist manchmal auch eine gute Torhüterin. (lacht) Wenn wir keine Torfrau hatten, habe ich mich zur Verfügung gestellt und ausgeholfen.
Die Frauenfußball-Abteilung des TSV 1848 Hungen besteht bereits seit mehr als 50 Jahren. Was zeichnet den Verein ganz besonders aus?
Burger: Der Zusammenhalt im Verein und die Freude am Fußball sind außergewöhnlich. Im Hintergrund werden wir von den Verantwortlichen hervorragend unterstützt. In den 1970er-Jahren war der TSV 1848 Hungen das Aushängeschild des Frauenfußballs im Kreis Gießen, wurde 17-mal in Folge Pokalsieger und war eine große Nummer in Hessen. Zeitweise spielte der Klub sogar in der Oberliga, das war damals die höchste Spielklasse. Das alles ist leider schon sehr lange her. Nach dem sportlichen Tiefpunkt fing der TSV 2007 wieder von ganz unten an. Der Aufstieg in die Gruppenliga in der Saison 2022/2023, bei dem ich mitgeholfen hatte, war der letzte Höhepunkt der Vereinsgeschichte.
Der Familienname Burger ist beim TSV eine Institution. Können Sie uns bitte aufklären?
Burger: Mein vier Jahre älterer Bruder Marco war fast 15 Jahre Trainer unserer Frauenmannschaft, hat sich erst vor zwei Jahren zurückgezogen. Mit ihm haben wir 2023 als unbesiegter Meister den Aufstieg aus der Kreisoberliga in die Gruppenliga geschafft. Marco war mein größter Unterstützer, hat mich auch zum Training und zu den Spielen gefahren. Es war nicht immer einfach, wenn Bruder und Schwester im gleichen Team sind. Er hat zusammen mit unserer Abteilungsleiterin Luzie Fritz den Verein wieder auf Vordermann gebracht, für den TSV sehr viele graue Haare gelassen und enorm viel für den Verein geleistet. Er ist und war immer schon Dauerkarten-Besitzer bei Eintracht Frankfurt, wollte seine Liebe zum Verein wieder aufleben lassen.
Was macht Ihre Mannschaft besonders aus?
Burger: Auch wenn es für uns nicht so gut läuft, ist jede mit sehr viel Spaß bei der Sache. Die meisten spielen schon seit zehn Jahren zusammen Fußball, sind ein eingeschworener Haufen. Wir verstehen uns blind und das merkt man auf dem Platz. Wenn der Gegner keine elf Frauen zusammenbekommt, ist es für uns selbstverständlich, dass wir auch mit einer Frau weniger antreten. 2018/2019 haben wir auch den ersten Platz in der Fairplay-Wertung belegt, haben während der gesamten Saison keine Gelbe Karte bekommen.
Wie ist die Begeisterung für den Fußball bei Ihnen entstanden?
Burger: Mir wurde der Fußball praktisch in die Wiege gelegt. Mein Papa Uli war jahrelang Trainer und Spieler im Nachbarverein SV Germania Inheiden. Die Wochenenden waren für Fußball geblockt. Freitags habe ich gespielt, samstags mein Bruder und am Sonntag haben wir uns die Spiele unseres Vaters angeschaut.
Mit welchen Vorbildern sind Sie groß geworden?
Burger: Mein Bruder Marco und die langjährige Nationalspielerin Birgit Prinz, von der ich mir sehr viel abgeschaut habe, waren meine Vorbilder. Wenn Birgit gefoult wurde, ist sie sofort aufgestanden und hat weitergespielt. Das ähnelt sehr meiner Spielweise.
"Bei meinem Comeback haben wir 2:0 gewonnen, und ich habe beide Treffer erzielt - da habe ich wieder Feuer gefangen"
Sie hatten zwischenzeitlich schon mit dem Fußball aufgehört. Wie kam es zum Sinneswandel?
Burger: Ich werde auch nicht jünger und mein Körper signalisierte mir erste Zeichen. Aus diesem Grund wollte ich etwas kürzertreten. Als der TSV zu wenig Spielerinnen hatte, bekam ich eine Nachricht, ob ich aushelfen könnte. Ich fragte meine Partnerin, ob es für sie okay ist, wenn ich wieder mitspiele. Bei meinem Comeback haben wir 2:0 gewonnen, und ich habe beide Treffer erzielt. Danach habe ich wieder Feuer gefangen. (lacht)
Welche Zielsetzung verfolgt TSV 1848 Hungen in dieser Saison?
Burger: Wir wollten eigentlich oben angreifen, konnten uns in der Kreisoberliga aber leider nicht für die Aufstiegsrunde qualifizieren, sondern spielen aktuell in der Platzierungsrunde um die "Goldene Ananas". Diese Saison ist bereits abgehakt, in der kommenden Spielzeit werden wir einen neuen Anlauf nehmen.
Wie schwierig ist grundsätzlich der angestrebte Aufstieg in die Gruppenliga?
Burger: Wenn wir weiter hart an uns arbeiten und uns weiterentwickeln, dann sehe ich durchaus Chancen auf eine Rückkehr in die Gruppenliga. Dabei sind wir für neue Spielerinnen immer offen und freuen uns über jede, die bei uns mitmachen möchte.