Undav beim TSV Achim: "Deniz hat es gehasst, ausgewechselt zu werden"
"Auf und neben dem Platz ist er einfach ein Schlitzohr": Deniz Undav und der TSV Achim.[Foto: TSV Achim]
Wo sind unsere Nationalspieler eigentlich groß geworden? Wo haben sie ihre ersten fußballerischen Schritte gemacht? Anlässlich der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko vom 11. Juni bis zum 19. Juli stellt FUSSBALL.DE in seiner Serie "Die Wiege der WM-Fahrer" die Heimatvereine der Nominierten vor. Heute: Deniz Undav und der TSV Achim.
FUSSBALL.DE: Kai Tietjen, Jens Janßen, Sie sind Fußball-Abteilungsleiter beim TSV Achim beziehungsweise Jugendtrainer von Deniz Undav. Lassen Sie uns bitte über unseren Nationalspieler und seinen Heimatverein sprechen.
Kai Tietjen: Wenn wir uns über Deniz und den TSV Achim unterhalten wollen, müssen wir im Grunde fast über die gesamte Undav-Familie sprechen. Deniz hat zwei Brüder. Rochat ist 27 Jahre alt und Teil unserer ersten Mannschaft in der Kreisliga. Iwan ist elf Jahre alt und spielt bei uns in der U 12. Mit seinem Vater und seinem Onkel habe ich vor ungefähr 15 Jahren noch bei den Alten Herren gespielt. Dadurch gibt es natürlich eine Verbindung zur Familie und auch zu Deniz, die bis heute besteht.
Wie macht sich Rochat denn in der Kreisliga?
Tietjen: Es gab einen Zeitpunkt in der Saison, da hatte er eine bessere Quote als Deniz in der Bundesliga. Nach 17 Spielen hatte er 17 Tore gemacht.
Jens Janßen: Rochat ist etwas jünger als Deniz. Ihn habe ich später auch noch trainiert. Ich stimme Kai zu, dass er auch ein sehr guter Fußballer ist. Zwar nicht so brillant wie Deniz, aber auch total talentiert.
Klingt so, als wenn der Torinstinkt in den Undav-Genen liegen würde.
Tietjen: Ja, das scheint tatsächlich der Fall zu sein. Leider ist Rochat nicht der laufstärkste Spieler, um es vorsichtig auszudrücken. (lacht) Aber mal im Ernst: Auch Rochat ist ein richtig guter Kicker. Aber eben auf einem anderen Niveau.
Und sein kleinster Bruder Iwan?
Tietjen: Der ist auch richtig gut. Es ist kein Geheimnis, dass sich auch schon größere Vereine nach ihm erkundigt haben. Meiner Meinung nach macht es die Familie aber richtig und lässt ihn hier in seinem gewohnten Umfeld noch etwas mit seinen Freunden spielen. Deniz ist schließlich der beste Beweis dafür, dass der Weg in den Profifußball auch über vermeintlich ungewöhnliche Wege funktionieren kann.
"In einem Spiel habe ich Deniz mal ausgewechselt, weil er zu viele Tore gemacht hat - das war frustrierend für die Gegner"
Herr Janßen, Sie waren früher der Jugendtrainer von Deniz Undav. Wie haben Sie ihn erlebt?
Janßen: Deniz kam in den Bambini zu uns und hatte vom ersten Tag an viel Spaß am Fußball - und den hat er bis heute zum Glück nicht verloren. Das zeichnet ihn aus. Auf und neben dem Platz ist er einfach ein Schlitzohr. Und er hat eine ganz besondere Fähigkeit: Deniz weiß, wo das Tor steht.
Tietjen: Deniz war schon immer besser als alle anderen bei uns. Ich kann mich an ein Spiel erinnern, in dem er elf Tore gemacht hat. Und davon gab es bestimmt einige.
Janßen: Er hat wirklich viele Tore geschossen. In diesem Zusammenhang gibt es eine schöne Anekdote: In einem Spiel habe ich Deniz mal ausgewechselt, weil er zu viele Tore gemacht hat - das war frustrierend für die Gegner. Und Fußball soll doch allen Spaß machen. Aber eines war auch ganz klar: Deniz hat es gehasst, ausgewechselt zu werden. Es wäre natürlich vermessen zu sagen, dass ich damals schon wusste, dass er einmal Bundesligaspieler oder sogar Nationalspieler wird - das ist Quatsch. Aber er war für sein Alter überragend, das muss man sagen. Er war ein Unterschiedsspieler und hat uns oft zum Sieg geschossen.
Haben Sie heute noch Kontakt zu ihm?
Janßen: Eher zu seinen Eltern, vor allem zu seinem Vater. Deniz hat mich mal zu einem Spiel nach Stuttgart eingeladen. Außerdem waren wir uns mal in Achim getroffen, als er bereits in Belgien gespielt hat. Ich freue mich immer, wenn ich ihn sehe - es ist nach wie vor ein sehr freundschaftliches Verhältnis.
"Deniz hat nichts geschenkt bekommen, er hat sich alles selbst erarbeitet"
Wie haben Sie ihn als Mensch kennengelernt?
Janßen: Ich habe ihn von den Bambinis bis zu den D-Junioren begleitet. In dieser Zeit war er ein ganz normales Kind, das einfach ganz großen Spaß am Fußball hatte und bis heute hat.
Tietjen: Deniz hat nichts geschenkt bekommen, er hat sich alles selbst erarbeitet. Es ist großartig, was er erreicht hat. Sein Weg ist in der heutigen Zeit total ungewöhnlich. Deniz hat in keiner einzigen U-Nationalmannschaft gespielt. Ich glaube, er passte nicht in das typische Schema. Er war einfach anders. Deshalb hat es für ihn auch bei Werder Bremen nicht geklappt. Er ist erst etwas durch Deutschland gezogen. Unter anderem hat er für die zweite Mannschaft von Eintracht Braunschweig gespielt. Beim SV Meppen hat er dann den Durchbruch geschafft und auf sich aufmerksam gemacht. Er ist von dort zum damaligen belgischen Zweitligisten Union St. Gilloise gewechselt. Dort ist er Torschützenkönig geworden und in die erste belgische Liga gewechselt. Sein nächster Schritt war dann Brighton & Hove Albion. Danach ging es für ihn zum VfB Stuttgart. Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Janßen: Jetzt ist er WM-Fahrer. Und das bei seiner Quote völlig zurecht.
Welche Rolle trauen Sie ihm bei der WM zu?
Tietjen: Deniz ist ein Fanliebling. Wenn er seine Einsatzzeit bekommt, dann wird er auch seine Tore machen. Ich traue ihm eine Rolle zu, wie sie Niclas Füllkrug zuletzt bei der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft hatte.
Janßen: Er kann sicherlich entscheidende Tore machen. Ich finde, der Bundestrainer hat es sehr schön ausgedrückt, warum er dabei ist: weil er kein gewöhnlicher Fußballer ist. Das war er damals nicht, und das ist er heute noch nicht. Er macht Sachen, die andere nicht machen. Und er weiß, wo das Tor steht.
Auf dem Bild, das hier zu sehen ist, steht Deniz Undav neben der Trainerbank mit dem Logo des TSV Achim. Wie ist der Verein heute aufgestellt?
Tietjen: Ich würde sagen, dass wir ein typischer Breitensportverein mit einer starken Fußballabteilung sind. Unsere erste Herrenmannschaft spielt in der Kreisliga. Im Jugendbereich sind wir dank Spielgemeinschaften mit dem TSV Uesen gut aufgestellt. Und seit 2013 sind wir auch im Frauen- und Mädchenfußball sehr aktiv. Wer aus Achim kommt und gerne in einem guten Umfeld Fußball spielen möchte, ist bei uns sicher nicht verkehrt.
Janßen: Ich verfolge sehr interessiert die Entwicklung beim TSV Achim und finde, dass der Verein super aufgestellt ist. Ich selbst habe mich aus der Trainertätigkeit dort vor über zehn Jahren zurückgezogen. Ich feiere demnächst meinen 60. Geburtstag. Da ist es an der Zeit, den Jüngeren das Feld zu überlassen. Und die machen es auch richtig gut.