Magazin | 03.06.2026 | 11:30

"Überragender Fußballer, toller Typ": Woltemade in Woltmershausen

"Er ist immer schon aufgefallen": Nick Woltemade beim TS Woltmershausen.[Foto: TS Woltmershausen/IMAGO]

Wo sind unsere Nationalspieler eigentlich groß geworden? Wo haben sie ihre ersten fußballerischen Schritte gemacht? Anlässlich der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko vom 11. Juni bis zum 19. Juli stellt FUSSBALL.DE in seiner Serie "Die Wiege der WM-Fahrer" die Heimatvereine der Nominierten vor. Heute: Nick Woltemade und der TS Woltmershausen.

Damals war Nick Woltemade noch klein. Zwar schon größer als die Gleichaltrigen. Aber nur ein wenig. Was damals schon klar war: Nick Woltemade ist ein in vielerlei Hinsicht besonderer Fußballer. Ein besonderer Mensch. Der auffällt. Wegen seiner Leistungen auf dem Rasen in der Premier League bei Newcastle United. Aber auch wegen seines optischen Auftretens neben dem Rasen. Wegen seines oft besonderen Kleidungsstils.

"Wir haben zwar eine große Jugendabteilung, aber Nick ist immer aufgefallen"

Aber hier soll es nicht um Mode und Marotten gehen, sondern um Nick Woltemade im Alter von vier bis acht Jahren. Damals, in den Jahren 2006 bis 2010, hat Woltemade mit dem Fußballspielen beim TS Woltmershausen begonnen. Bei dem kleinen Verein aus Bremen begann alles, bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko findet die beachtliche Entwicklung des 24-Jährigen ihren vorläufigen Höhepunkt.

Beim TS Woltmershausen ist man zurecht stolz darauf, dass es einer auf seinen Reihen bis ganz nach oben geschafft hat. Marvin Bergmann ist seit einem Jahr 1. Vorsitzender des TS Woltmershausen. Einige Jahre hat Bergmann zusammen mit Tim Woltemade, dem Vater von Nick Woltemade, in einer Mannschaft gespielt. So konnte er auch den Werdegang von Nick Woltemade bis heute eng begleiten.

"Ich kann mich noch gut daran erinnern, als er unser Trikot getragen hat", sagt Bergmann. "Wir haben zwar eine große Jugendabteilung, aber Nick ist immer aufgefallen. Es war schon früh zu erkennen, dass er über besondere Fähigkeiten verfügt. Ziemlich schnell war dann klar, dass er uns verlassen und ins Jugendinternat des SV Werder Bremen gehen wird. Bei uns war er besser als alle anderen in seinem Jahrgang. Und auch in den älteren Jahrgängen konnte er gut mithalten. Er ist einfach ein überragender Fußballer und vor allem ein ganz toller Mensch."

Bergmann kann sich noch heute an ein Gespräch mit dem jungen Nick Woltemade erinnern, das aus seiner Sicht stellvertretend für seinen Charakter ist: "Er kam nach einem Auswärtsspiel mit seiner Mannschaft bei uns auf die Anlage. Ich habe ihn gefragt, wie die Begegnung ausgegangen sei. Er sagte, dass sie 8:0 gewonnen hätten. Ich fragte ihn daraufhin, wie viele Tore er gemacht habe. Er antwortete, dass das nicht wichtig sei, Hauptsache die Mannschaft habe gewonnen. Später habe ich dann vom Trainer erfahren, dass Nick alle acht Treffer erzielt hatte. Diese Geschichte spricht einfach für ihn. Und so ist er bis heute."

"Wir sind stolz und drücken die Daumen bei der WM"

Als Woltemade im vergangenen Sommer für viel Geld vom VfB Stuttgart in die Premier League gewechselt ist, interessierten sich plötzlich auch die englischen Journalistinnen und Journalisten für den TS Woltmershausen. Alle wollten wissen, wo dieser deutsche Stürmer herkommt. "Der Trubel war mir etwas unangenehm", sagt Bergmann. "Ich habe Nick dann eine Nachricht geschickt, um ihn zu informieren, dass das alles nicht von uns ausgegangen war. Mir war wichtig, ihm zu spiegeln, dass wir uns nicht mit seinem Ruhm schmücken und in den Mittelpunkt drängen wollen. Nick hat mir kurz darauf geantwortet und gesagt, dass er damit überhaupt keine Probleme habe."

Beim TS Woltmershausen verfolgt man Woltemades Werdegang mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wie Bergmann betont: "Wir finden es großartig, was er erreicht hat. Wir sind stolz auf ihn und drücken ihm alle Daumen, dass es so weitergeht. Vor allem auch bei der anstehenden Weltmeisterschaft. Aber wir sind hier alle Werder-Fans und haben Dauerkarten im Weserstadion. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich schade, dass er nicht mehr in Bremen spielt und dass er den Verein vor zwei Jahren ablösefrei verlassen hat. Aber so ist das Geschäft."

Beim TS Woltmershausen ist viel passiert, seitdem Woltemade 2010 in Nachwuchsleistungszentrum des SV Werder gewechselt ist. Heute ist der Verein aus dem Bremer Fußball-Verband sehr solide aufgestellt. Die erste Mannschaft spielt in der fünfthöchsten Bremen-Liga und konnte dort mit Mühe und Not und dank eines 2:1-Auswärtssieges am letzten Spieltag Mitte Mai gerade noch den Abstieg vermeiden.

"Es war etwas turbulent"

"Wir standen im vergangenen Sommer zwei Wochen vor Saisonstart plötzlich ohne Mannschaft da, weil es einen Streit mit dem damaligen Vorstand gab", sagt Bergmann. "Fast alle Spieler sind kurzfristig weggegangen und wir wussten nicht, wie es weitergehen soll. Ich habe mich dann mit zwei Kollegen kurzfristig bereit erklärt, den Vorstand zu übernehmen. Wir haben innerhalb weniger Tage eine neue Mannschaft aufgebaut. Alle hatten damit gerechnet, dass wir ohne Punkt absteigen werden. Aber wir haben es geschafft. Darauf sind wir stolz."

Mindestens genauso wichtig ist den Verantwortlichen aber, dass der Verein über eine starke Nachwuchsarbeit verfügt. In allen männlichen Altersklassen ist der Klub mit mindestens einer Mannschaft im Spielbetrieb dabei. Und auch im Mädchen- und Frauenfußball ist die Entwicklung mehr als positiv. "Wir hatten eine Phase, da war es etwas turbulent", so Bergmann. "Aber jetzt haben wir wieder Ruhe und Konstanz in den Verein gebracht. Das spricht sich herum. Wir wachsen wieder, und mittlerweile sind wir einer der größten Amateurfußballvereine in Bremen."

Nick Woltemade verfolgt die Entwicklung seines Heimatvereins aus der Entfernung. Newcastle ist weit weg. Er hat selten bis nie die Möglichkeit, auf der Anlage der TS Woltmershausen vorbeizuschauen. Die Familie allerdings lebt weiterhin in der Nähe der Anlage. Immer wieder mal kommt es vor, dass Nicks Vater vor Ort ist oder sich bei zufälligen Treffen auf der Straße nach dem aktuellen Stand der Dinge erkundigt. Jetzt aber haben alle erst mal nur eines im Blick: Die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada - mit dem Jungen aus Woltmershausen. Mit Nick Woltemade in der deutschen Offensive.