Magazin | 14.06.2026 | 10:00

Benschop: "Curacao-Spieler sollen die WM genießen"

Ehemaliger Curacao-Nationalspieler Charlison Benschop: "Mit dem Erreichen der WM hat das Land Geschichte geschrieben."[Foto: Harry Seidel]

Am 10. Oktober 2017 empfängt die Nationalmannschaft Katars in einem Freundschaftsspiel die Auswahl der Karibikinsel Curacao. Im internationalen Fußball wird von der Partie kaum Notiz genommen, doch für einen Spieler ist es ein ganz besonderer Tag.

Charlison Benschop feiert an diesem Tag sein Länderspiel-Debüt für die "Blaue Welle", so wird das Team genannt. Der in Willemstad geborene Angreifer spielt zu der Zeit für Hannover 96 in der Bundesliga. Neun weitere Einsätze kommen für Curacao hinzu, unter anderem in der WM-Qualifikation gegen Kuba und Panama, in der CONCACAF-Nations League gegen Costa Rica und im Gold-Cup gegen El-Salvador.

Nach vielen verschiedenen Stationen in den Niederlanden, in Deutschland, auf Zypern und in Frankreich ist der inzwischen 36-Jährige bei Fortuna Düsseldorfs U 23 am Ball. Nun treffen bei der WM das Land, in dem er wohnt, und sein Geburtsland aufeinander: Deutschland und Curacao.

FUSSBALL.DE: Charlie Benschop, wo erreichen wir Sie gerade?

Benschop: Ich bin mit meiner Frau und unseren beiden Kindern gerade in Toronto. Vorher haben wir einige Tage Urlaub in Miami und Orlando gemacht, jetzt beginnt langsam die Vorbereitung auf die WM.

Werden Sie beim Spiel am Sonntag in Houston vor Ort sein?

Benschop: Ja, ich bin dort als Experte für Magenta Sport und meine Frau als Moderatorin. Sie spricht acht Sprachen und wird danach noch bei einigen weiteren Spielen im Einsatz sein, ehe wir am 20. Juni zurückfliegen werden.

Können Sie es inzwischen glauben? Der WM-Neuling Curacao, das kleinste je bei einer Weltmeisterschaft vertretenen Land, fordert Deutschland heraus?

Benschop: Mit dem Erreichen der WM hat das Land Geschichte geschrieben. Die Euphorie auf der Insel ist riesengroß, die Menschen können es kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Das kleine Curacao bei einer Weltmeisterschaft, und dann noch das erste Spiel gegen Deutschland, das ist ein Jackpot!

Was ist das für eine Mannschaft? Die Spieler von "The Blue Wave" kennen ja die wenigsten Fußball-Fans…

Benschop: Etliche Jungs spielen in der niederländischen Liga oder in anderen Ländern, die können alle was am Ball. Das ist wie eine Oranje-B-Elf. Jahrelang allerdings war keine richtige Struktur in der Mannschaft, doch mit Dick Advocaat wurde es anders. Er hat Ordnung und ein Spielsystem reingebracht, das hat die WM-Teilnahme gebracht.

Auf wen sollte man besonders achten?

Benschop: Da sind einige gute Jungs dabei: Kapitän Leandro Bacuna, dessen jüngeren Bruder Juninho oder Stürmer Jürgen Locadia, den man aus der Bundesliga kennt. In der Abwehr sind Armando Obispo und Riechedly Bazoer wichtige Spieler, dahinter Torwart Eloy Room mit seiner Erfahrung. Und vorne könnte Tahith Chong für überraschende Momente sorgen. Er ist schnell und kreativ und der einzige Spieler in der Mannschaft, der auch auf Curacao zur Welt gekommen ist. Alle anderen sind in den Niederlanden geboren.

"Das kleine Curacao bei einer Weltmeisterschaft, und dann noch das erste Spiel gegen Deutschland, das ist ein Jackpot!"

Wird es für eine Sensation gegen Deutschland reichen?

Benschop: Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Es geht, glaube ich, eher darum, die erste halbe Stunde zu überstehen und vielleicht kleine Nadelstiche zu setzen. Die Jungs sollen das erste WM-Spiel ihres Lebens genießen, über kleine Schritte ins Turnier zu kommen und die Leute zu Hause glücklich zu machen.

Wie viele Fans werden aus Ihrem Heimatland The Blue Wave unterstützen?

Benschop: Das weiß ich nicht genau, aber weil bei der WM alles sehr teuer ist, werden es vielleicht nicht so viele sein. Ich habe aber von einem Fan gehört, der sein Auto verkauft hat, damit er sich ein Ticket leisten kann (lacht).

Blutet Ihr Herz, dass Sie nicht selber dabei sind?

Benschop: Ich bin ja dabei, aber eben nicht auf dem Platz, sondern nur am Rand (lacht). Als ich Nationalspieler war, war es die Zeit des Aufbaus der Blue Wave. Die Strukturen waren noch nicht so wie jetzt, aber in der Winterpause haben wir uns alle auf der Insel getroffen. Das war wie eine Familie.

Was denken Sie, wie weit kommt Deutschland?

Benschop: In der Gruppe wird es weitergehen, auch wenn die Elfenbeinküste und Ecuador schwere Gegner sind. Deswegen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Curacao die erste Runde übersteht. Danach ist alles möglich. In so einem Turnier gibt es ja auch immer ein Überraschungsteam, da kann ich mir Marokko sehr gut vorstellen. In meiner Brust schlagen jedenfalls bei der WM drei Herzen: natürlich für Curacao, ich fiebere aber auch mit Deutschland und der Niederlande mit.

Wie geht es mit Ihnen in Düsseldorf weiter, nachdem die U 23 der Fortuna wegen des Abstiegs der Profis in die 3. Liga automatisch auch absteigen musste – von der Regionalliga in die Oberliga Niederrhein?

Benschop: Das habe ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht richtig verarbeitet. Es wird eine neue Erfahrung, denn ich habe schon in verschiedenen Ländern in der ersten, zweiten, dritten und vierten Liga gespielt – aber noch nie in der Oberliga. Wir müssen das Beste daraus machen und zusehen, dass es für die Fortuna wieder nach oben geht. Und vielleicht kann ich dem Verein nach meiner aktiven Karriere auch in einer anderen Form helfen. Ich habe gerade meine UEFA-B-Lizenz absolviert und kann mir gut vorstellen, meine Erfahrung irgendwann als Trainer weiterzugeben und zum Beispiel mit jungen Fußballern zu arbeiten.