Marcel Pfaar und der SV Hemelingen vor DFB-Pokal: "Atmosphäre aufsaugen"
SVH-Keeper Marcel Pfaar (l.): "Wir wollen das Spiel möglichst lange offen gestalten."[Foto: Halit Bulduk/SV Hemelingen]
Der SV Hemelingen aus der Bremen-Liga trifft am Samstag (ab 15.30 Uhr, live bei Sky), in der ersten Hauptrunde um den DFB-Pokal auf den Zweitligisten Hannover 96. Im FUSSBALL.DE-Interview spricht SVH-Torhüter Marcel Pfaar (27), der im Hauptberuf Erzieher ist, über 20 Gegentore in zwei DFB-Pokalspielen, den Umzug ins große Bremer Weserstadion und das Duell mit dem DFB-Pokalsieger von 1992.
FUSSBALL.DE: Wie sehr kribbelt es schon vor dem DFB-Pokal gegen den Hannover 96, Herr Pfaar?
Marcel Pfaar: Schon extrem. Manche Jungs bei uns wissen noch gar nicht, was alles auf sie zukommt. Das Fernsehen schaut sich plötzlich unser Training an, das Medieninteresse ist für unsere Verhältnisse riesengroß. Die Vorfreude und Anspannung sind bei den Trainingseinheiten und auch außerhalb des Platzes deutlich spürbar.
Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Ex-Schiedsrichter Deniz Aytekin dem SVC Hemelingen bei der Auslosung im Deutschen Fußballmuseum das Duell mit den Niedersachsen bescherte?
"Im ersten Moment waren wir ein wenig über das Los enttäuscht"
Pfaar: Im zurückliegenden Jahr mussten wir bei der Auslosung relativ lange warten, hatten erst als vorletzter Amateurklub den VfL Wolfsburg zugelost bekommen. Daher war die Hoffnung groß, dass wir diesmal einen Gegner mit Champions-League-Format zugelost bekommen. Die Mannschaft hat die Auslosung zusammen am Fernsehen verfolgt. Im ersten Moment waren wir ein wenig über das Los enttäuscht. Dabei haben wir mit dem Traditionsverein Hannover 96 einen Gegner bekommen, der aufgrund der räumlichen Nähe auch viele Fans mitbringen wird. Im Nachhinein hätte es für uns kaum besser laufen können.
Wie schätzen Sie Hannover 96 aktuell ein?
Pfaar: Für mich zählt Hannover 96 in der 2. Bundesliga zu den Aufstiegskandidaten. Die Mannschaft ist in der Meisterschaft allerdings mit zwei unglücklichen Niederlagen gestartet. Dennoch kommt vor allem offensiv einiges auf uns zu.
Sie haben im Vergleich zu vielen Teamkollegen bereits einige Erfahrungen im DFB-Pokal gesammelt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Auftritte?
Pfaar: Bei der 1:11-Niederlage mit dem BSC Hastedt gegen Borussia Mönchengladbach war ich 19 Jahre alt. Ich hatte keinerlei Medienerfahrung, konnte das Spiel nicht genießen, war viel zu aufgeregt und habe die Atmosphäre gar nicht aufsaugen können. Das habe ich im zweiten Anlauf trotz der deutlichen 0:9-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg besser gemacht und meine Lehren daraus gezogen.
Welche sind das?
Pfaar: Gegen Hannover 96 werde ich ganz entspannt in die Partie gehen und die Partie in vollen Zügen genießen.
Wie hoch schätzen Sie die Chancen auf eine Sensation im DFB-Pokal ein?
Pfaar: Man darf sich keinen Illusionen hingeben, wenn Amateure auf Vollprofis treffen. Unsere Chancen auf ein Weiterkommen sind minimal. Vielleicht habe ich einen guten Tag, und Hannover 96 trifft weiterhin nicht das Tor. Ich hoffe, dass es nicht so eindeutig wird wie zuletzt gegen den VfL Wolfsburg Ich wäre froh, wenn ich nicht so viele Gegentore kassiere.
"Vielleicht habe ich einen guten Tag, und Hannover 96 trifft weiterhin nicht das Tor"
Welchen Spielverlauf wünschen Sie sich, damit der SV Hemelingen ein "Fußballwunder" vollbringen kann?
Pfaar: Wir wollen das Spiel möglichst lange offen gestalten und möglichst keinen Gegentreffer kassieren. Ich fühle mich gut, bin gut drauf. Mal abwarten, was wir offensiv zustandebringen. Ich habe noch nie gegen einen Zweitligisten gespielt und bin gespannt, wie groß die Unterschiede zu einem Bundesligisten ausfallen.
Im Vorfeld wurden bereits mehr als 12.000 Tickets verkauft. Wie macht sich die Euphorie im Bremer Stadtteil Hemelingen bemerkbar?
Pfaar: Gegen den VfL Wolfsburg waren damals 6.641 Fans im Bremer Weserstadion. Jetzt werden es vielleicht mehr als doppelt so viele sein. Im Grunde ernten wir die jetzt die Früchte der Arbeit in den vergangenen Jahren. Als ich zum SV Hemelingen gewechselt bin, hat der Verein noch um den Klassenverbleib gekämpft. Wir haben uns stetig verbessert, spielen seit Jahren immer um den Aufstieg in die Regionalliga Nord mit. Im Ort werden überall Plakate aufgehängt, viele Schals und Kappen wurden verkauft und auch auf Social Media ist der Verein gut aufgestellt. Auf der Straße und auf der Arbeit wird man von den Leuten auf das Spiel angesprochen. Mittlerweile hat sich der SV Hemelingen in Bremen einen Namen gemacht. In Hannover wird man sich gefragt haben, wo Hemelingen liegt. Dann waren die 96-Fans bestimmt froh, dass sie ihre Mannschaft nicht im Süden Deutschlands, sondern praktisch vor der Haustür unterstützen können. (lacht)
Welche Rolle spielt der Umzug ins Weserstadion?
Pfaar: Dass wir zum zweiten Mal in Folge als Amateurverein ein DFB-Pokalspiel im Bremer Weserstadion austragen dürfen, ist der Wahnsinn. Das schlägt bei uns in der Region hohe Wellen, die Euphorie auf dieses Event ist deutlich zu spüren.
"Dass wir zum zweiten Mal in Folge ein DFB-Pokalspiel im Bremer Weserstadion austragen dürfen, ist der Wahnsinn"
Welchen Ratschlag können Sie dem Team mit auf dem Weg geben?
Pfaar: Ich gehöre bei uns im Kader mit 27 Jahren bereits zu den etwas älteren Spielern. Wir haben nichts zu verlieren, keinen Druck und können ganz befreit aufspielen. Die Jungs sollen die Atmosphäre aufsaugen und die Partie genießen. Erst nach dem Spiel kann jeder realistisch einschätzen, an welchem Punkt man sich in seiner Fußballerkarriere befindet.
Wie bereitet sich das Team auf den Pokalhöhepunkt vor?
Pfaar: Wir bleiben in unseren Strukturen, haben uns das über die Jahre so erarbeitet. Wir trainieren dreimal wöchentlich, dürfen unser Abschlusstraining im Weserstadion absolvieren. Wir machen sonst keine besonderen Dinge. Wir sind mit zwei Siegen in die neue Saison gestartet, haben ohnehin die Priorität auf den Ligabetrieb gelegt.
Welche Ziele verfolgen Sie mit dem SV Hemelingen?
Pfaar: Wir haben den Anspruch, in der Bremen-Liga Tabellenerster zu werden. Was später in den Aufstiegsspielen passieren könnte, lässt sich ohnehin nicht planen. Wir streben den Aufstieg in die Regionalliga Nord an, den wir zuletzt mit Rang zwei und vor zwei Jahren erst in der Aufstiegsrunde knapp verpasst hatten.