HEBC-Kapitän Wrede: DFB-Pokaldebüt gegen BVB am HSV-Arbeitsplatz
"Das ist surreal": die HEBC-Kollegen und HSV-Mitarbeiter Janek Wrede (l.) und Robert Schick.[Foto: HSV/Elias Reimpell]
Mit dem Hamburg Eimsbütteler Ballspiel Club (HEBC) aus der Oberliga Hamburg trifft Kapitän Janek Wrede am heutigen Dienstag (ab 20.45 Uhr, live bei RTL und Sky) in der ersten Runde um den DFB-Pokal auf Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer Borussia Dortmund. Das Besondere: Wredes Premiere im bundesweiten Pokalwettbewerb findet an seinem Arbeitsplatz statt, dem Hamburger Volksparkstadion.
Im FUSSBALL.DE-Interview spricht der 33 Jahre alte Wrede, der seit 2018 in der Scoutingabteilung des Hamburger SV tätig ist, über die Bedeutung des Pokalabends für den Fünftligisten, seinen Auftritt am eigenen Arbeitsplatz und die Anreise im Linienbus statt mit dem Fahrrad.
FUSSBALL.DE: Was ist Ihnen zuerst durch den Kopf gegangen, als Sie erfahren haben, dass der HEBC im DFB-Pokal auf den BVB trifft, Herr Wrede?
Janek Wrede: Es gibt einige Lose, die für einen kleinen Verein wie den HEBC schon Wahnsinn sind. Und dann gibt es noch zwei oder maximal drei Klubs, die der absolute Wahnsinn sind - da gehört Borussia Dortmund mit Sicherheit dazu.
"Es gibt zwei oder maximal drei Klubs, die der absolute Wahnsinn sind - da gehört Borussia Dortmund mit Sicherheit dazu"
Es ist das erste DFB-Pokalspiel des Klubs seit 91 Jahren. Wie würden Sie die Bedeutung beschreiben?
Wrede: Es ist für den Verein eine Riesenchance, in Eimsbüttel und in ganz Hamburg noch mehr gesehen zu werden. Und ich sehe es auch als eine Art Belohnung für die Arbeit, die in den zurückliegenden 15 bis 20 Jahren geleistet wurde. Damals stand der HEBC kurz vor der Fusion mit dem Großverein Eimsbütteler TV. Den Verantwortlichen ist es jedoch gelungen, wieder eine positive Entwicklung einzuleiten. Der Pokalsieg in Hamburg und die Teilnahme am DFB-Pokal sind die vorläufige Krönung.
War Ihnen nach der Auslosung sofort klar, dass die Partie im Volksparkstadion stattfinden wird?
Wrede: Es war nur klar, dass wir nicht auf unserem eigenen Reinmüller-Platz spielen können. (lacht) Grundsätzlich gab es mehrere Möglichkeiten, beispielsweise auch das Millerntor des FC St. Pauli. Dass wir jetzt tatsächlich im Volksparkstadion spielen dürfen, ist natürlich umso schöner. Und dass wohl mehr als 40.000 Fans kommen werden, ist verrückt. Für uns ist es normalerweise schon etwas Besonderes, vor einer vierstelligen Kulisse aufzulaufen.
Als Mitarbeiter des Hamburger SV kennen Sie sich im Volkspark bestens aus. Wie wird es sich anfühlen, das Team dort als Kapitän auf den Platz zu führen?
Wrede: Vor einigen Wochen war das noch weit weg. Je näher der Anpfiff rückt, umso mehr denkt man natürlich darüber nach. Wenn ich jetzt davon spreche, bekomme ich schon Gänsehaut, zumal viele Wegbegleiter, ehemalige Studienkollegen, enge Freunde und Familienmitglieder im Stadion sein werden.
Hätten Sie sich das jemals träumen lassen?
Wrede: Vielleicht habe ich mir das früher als Kind mal auf dem Bolzplatz vorgestellt. (lacht) Der Traum von einer möglichen Profikarriere hatte sich aber recht schnell erledigt. Dass ich jetzt dennoch in meiner voraussichtlich letzten Herrensaison selbst als Protagonist in das Volksparkstadion einlaufen darf, ist surreal.
Mit Mittelfeldspieler Robert Schick, der im Teammanagement tätig ist, gibt es noch einen zweiten Spieler im HEBC-Kader, der für den HSV arbeitet. Werden Sie Ihre Teamkollegen gemeinsam auf die Bedingungen vorbereiten?
"Schon der leere Volkspark ist äußerst imposant"
Wrede: Es ist sicherlich so, dass wir uns schon besser auskennen. Einige Jungs hatten durch das große mediale Interesse ebenfalls die Möglichkeit, ein wenig Atmosphäre zu schnuppern. Schließlich ist schon der leere Volkspark äußerst imposant. Uns gezielt auf den Moment vorzubereiten, wenn das Spiel vor dieser Kulisse beginnt, wird aber gar nicht möglich sein. Das wird für alle Beteiligten ein einmaliges Erlebnis.
Sie sind in der Scoutingabteilung des Klubs tätig, der HSV ist gerade mit einem Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund in die neue Saison gestartet. Eine optimale Konstellation für Sie, oder?
Wrede: Das könnte man meinen. (lacht) Der Unterschied zwischen beiden Spielen ist aber so groß, dass wir daraus kaum einen Vorteil ziehen können.
Worauf stellen Sie sich bei einem Gegenspieler wie Serhou Guirassy ein, der beim 2:0 gegen den HSV zur Führung traf?
Wrede: Um ganz ehrlich zu sein, werde ich mich darauf konzentrieren, meine Basics abzuarbeiten und auf den Platz zu bringen. Mal sehen, was ich gegen ihn ausrichten kann.
Wird es für die Mannschaft eine besondere Vorbereitung auf diesen Höhepunkt der Vereinsgeschichte geben?
Wrede: Es wird schon ein wenig außergewöhnlich sein, denn wir treffen uns zunächst zum gemeinsamen Essen. Anschließend wollten wir die etwa sechs Kilometer zum Volkspark eigentlich mit dem Fahrrad zurücklegen. Dank der Kooperation mit der Hochbahn Hamburg fahren wir jetzt mit einem Linienbus im HEBC-Outfit ins Stadion. Das wird auch cool.
"Pokalsensation? Da bewegen wir uns im Nullkomma-Bereich"
Wie hoch würden Sie die Chancen auf eine Pokalsensation beziffern?
Wrede: Da bewegen wir uns im Nullkomma-Bereich. Wir sind lupenreine Amateure, bekommen kein Geld, trainieren meistens nur zweimal pro Woche auf einem halben Platz. Dennoch werden wir natürlich alles geben, um die Partie so lange möglich spannend zuhalten und alle HEBC-Anhänger stolz zu machen.
Noch ist kein einziger Bundesligist in der ersten Pokalrunde ausgeschieden. Wie sehr überrascht Sie das?
Wrede: Das ist in der Tat nicht typisch Pokal. Dennoch sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, der einzige Amateurklub zu sein, der einen Erstligisten ausschaltet. Als Verein, der in der Oberliga Hamburg den Klassenverbleib anstrebt, sind wir vom deutschen Vizemeister weiter entfernt, als es bei allen anderen Pokalpartien der ersten Runde bislang der Fall war.
Sie sind seit 2018 für den HEBC am Ball. Lässt sich Ihr Hauptberuf immer mit Oberligafußball vereinbaren?
Wrede: Da ich in erster Linie im Bereich Datenanalyse im Einsatz bin und nur noch sehr selten als Livescout, passt das in der Regel schon sehr gut. Überschneidungen sind selten.
Fünf Ligaspiele sind bereits absolviert. Wie gut ist Ihr Team in Form?
Wrede: Wir sind in der Liga ganz ordentlich gestartet und befinden uns in einer guten Verfassung. Im Verbandspokal gegen einen ambitionierten Klub wie Altona 93 auszuscheiden, ist keine Schande. Sehr schade ist, dass sich mit Bastian Stech einer unserer Leistungsträger verletzt hat und nicht mitspielen kann. Er hatte großen Anteil daran, dass wir uns überhaupt für den DFB-Pokal qualifizieren konnten. Sonst ist der Kader gut gefüllt. Wir haben auch deutlich weniger Urlauber, als das sonst um diese Zeit der Fall ist. Es will halt jeder dabei sein.
Wird es nach dem BVB-Spiel so oder so eine Feier geben?
Wrede: Definitiv. Wir werden den Abend - unabhängig vom Ergebnis - im Volksparkstadion mit unseren Fans und Angehörigen ausklingen lassen. Das haben wir uns alle verdient. Rund 500 Anmeldungen liegen bereits vor.