Toller Trend: In Altmark-Ost gibt's (zu) viele Schiris
"Ihr gehört dazu": Neue Schiri-Kultur im Fußballkreis Altmark-Ost etabliert.[Foto: KFV Altmark-Ost]
Im Fußballkreis Altmark-Ost in Sachsen-Anhalt hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwas sehr Außergewöhnliches entwickelt: Dort gibt es mehr Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, als benötigt werden. Das hat zur Folge, dass auch in den Kreisklassen und Kreisligen fast immer ein Dreiergespann zum Einsatz kommen kann. Wie funktioniert das Schiri-Recruiting in diesem Fußballkreis? FUSSBALL.DE hat mit dem Kreisvorsitzenden Michael Müller und Schiedsrichter-Obmann Karsten Fettback über ihr Erfolgsgeheimnis gesprochen.
Michael Müller ist stolz auf das, was er mit seinen Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen zehn Jahren erreicht hat. Und das zu Recht. Denn in diesem Zeitraum hat der Vorsitzende des Fußballkreises Altmark-Ost das Schiedsrichterwesen komplett neu aufgestellt. Und das mit bemerkenswerten Folgen. Im Jahr 2016 war die Situation in dem Kreis in Sachsen-Anhalt noch mit der in vielen anderen Fußballregionen vergleichbar. Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter wurden dringend gesucht, die Zahl der Unparteiischen reichte kaum aus, um den Spielbetrieb zuverlässig abzudecken. Heute ist das anders: An manchen Wochenenden stehen mehr Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter zur Verfügung als benötigt werden. Wie geht das denn?
"Zufriedene Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sind die besten Werbeträger"
"Wir haben uns überlegt, wo das Problem liegt und warum es so mühsam ist, Menschen für die Schiedsrichterei zu begeistern", sagt Müller. "Dafür sind wir auch sehr intensiv in den Dialog mit den Vereinen getreten, um zu erfahren, wo die Probleme liegen und wo wir ansetzen müssen. Aus diesen Erkenntnissen haben wir dann erste Maßnahmen umgesetzt." Und Karsten Fettback, Schiedsrichter-Obmann im Fußballkreis Altmark-Ost, ergänzt: "Entscheidend war, dass wir das Thema nicht als kurzfristige Kampagne verstanden haben. Wir wollten die Vereine mitnehmen und gemeinsam eine Kultur schaffen, in der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter spüren: Ihr seid ein wichtiger Teil unseres Fußballs und nicht nur diejenigen, die am Wochenende ein Spiel leiten. Ihr gehört dazu!"
Es zeigte sich sehr schnell, dass die Verantwortlichen mit ihrer Initiative auf dem richtigen Weg waren. In den Gesprächen wurde immer wieder deutlich, dass den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern die Wertschätzung und die Anerkennung für ihre Tätigkeit fehlten. "Genau an diesem Punkt haben wir angesetzt, weil wir gemerkt haben, dass das ein wichtiger Hebel ist, den wir kurzfristig umlegen können und der schnell zu Erfolgen führen wird", sagt Müller rückblickend.
Und genauso kam es auch. Die Verantwortlichen setzten stark auf Kommunikation und stärkten die Schiedsrichter-Community im Fußballkreis Altmark-Ost mit gezielten Maßnahmen. Sie organisierten regelmäßige Treffen der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, eine Weihnachtsfeier und Fortbildungen, bei denen es nicht nur um die Vermittlung der Lerninhalte ging, sondern auch um das Zusammenkommen und den gegenseitigen Austausch beispielsweise beim gemeinsamen Grillen. "Einer unserer Leitsprüche im Schiedsrichterwesen lautet: Zufriedene Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sind die besten Werbeträger", so Fettback.
"Gerade die ersten Einsätze können prägend sein"
Der Effekt zeigte sich sehr schnell: Bereits 2018, also etwa ein Jahr nach Start der Kampagne, waren im Kreis 20 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter mehr aktiv als noch 2016. Mittlerweile sieht die Statistik noch viel besser aus. Nach der Schiedsrichterordnung wären im Fußballkreis Altmark-Ost in der vergangenen Saison 92 Unparteiische notwendig gewesen. Von den Vereinen wurden jedoch 138 Personen gemeldet. Zur Einordnung: Während in anderen Gegenden oft nur ein Schiedsrichter für eine Partie in der Kreisliga zur Verfügung steht, können in Altmark-Ost auch Begegnungen bis in die untersten Spielklassen mit einem Schiedsrichter und zwei Assistenten besetzt werden.
"Neue Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter zu gewinnen, ist jedoch nur der erste Schritt", erklärt Müller. "Wir haben schnell gemerkt, dass die größere Herausforderung darin besteht, sie auch im Amt zu halten. Gerade die ersten Einsätze können prägend sein. Wer in dieser Phase allein gelassen wird, wer unsicher auf dem Platz steht und anschließend mit Kritik umgehen muss, verliert womöglich schnell die Freude an der Aufgabe."
Was also tun? In Altmark-Ost haben sie ein Patensystem eingeführt, das deutschlandweit inzwischen verbreitet ist. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen begleiten die Neulinge bei ihren ersten Einsätzen, stehen als Ansprechpersonen zur Verfügung und helfen dabei, Situationen auf dem Platz einzuordnen. Diese Unterstützung schafft Sicherheit - und sie vermittelt, dass Fehler und offene Fragen zum Lernprozess gehören.
"Da lernen Generationen voneinander"
In Altmark-Ost verbindet die Schiedsrichterei manchmal sogar Generationen und schafft Verständnis. "Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein 52-Jähriger zwei 16-Jährige zu ihren Einsätzen mitnimmt", sagt Müller. "Dann geht es längst um mehr als um eine Autofahrt zum Spiel. Da lernen Generationen voneinander - und genau dieses Miteinander macht unser Schiedsrichterwesen stark. Wir wollen niemanden verlieren, nur weil das Leben einmal dazwischenkommt. Wer wegen des Berufs, der Familie oder eines Umzugs als Schiedsrichterin oder Schiedsrichter pausieren muss, soll später wiederkommen können. Unsere Tür bleibt immer offen."
Das tun die meisten auch. Wer einmal den Spaß an der Schiedsrichterei entwickelt hat, bleibt oft sein ganzes Leben dabei. Denn wer als Unparteiischer auf den Plätzen in Deutschland unterwegs ist, merkt schnell, dass die Schiedsrichterei eine Schule fürs Leben ist. Wer ein Spiel leitet, in dem bis zu 22 Fußballerinnen oder Fußballer gewinnen wollen, muss sich durchsetzen können, muss kommunikativ sein, muss in kürzester Zeit Entscheidungen treffen und zu diesen auch stehen und muss vor allem zuverlässig sein.
Die Herausforderungen auf dem Platz sind in Altmark-Ost nicht anders als anderswo. Der Unterschied liegt deshalb nicht in einem besonderen Regelwerk oder einer einzelnen Maßnahme, sondern in der Haltung der Verantwortlichen: Sie begleiten ihre Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter wertschätzend, verlässlich und mit dem klaren Signal, dass niemand allein gelassen wird. So ist aus einem akuten Nachwuchsproblem eine starke Gemeinschaft entstanden.