"Entwicklungsfeld riesig": Zusammenarbeit von Schule und Vereinen
Ludwig Voß: "Die Trainingsphilosophie Deutschland liefert genau die richtigen Ansätze."[Foto: ALBA Berlin/DFB/dpa picture-Alliance]
Bewegte Pause, Trainingseinheiten als "Junior Coach" und Zusammenarbeit mit Vereinen - dies sind drei Beispiele, die zeigen, wie der Sport in der Schule durch kleine Spielformen gefördert wird. Und was bei allem im Mittelpunkt stehen sollte: die Freude an der Bewegung, nicht nur am Fußball.
Ludwig Voß ist Sportlicher Leiter des Jugendprogramms SPORT VERNETZT bei ALBA Berlin. Zuvor war er im Nachwuchsleistungszentrum des SV Werder Bremen für die Kindersport- und Kinderfußball-Entwicklung verantwortlich. Im neuen DFB-Journal schreibt er über seine Erfahrungen.
"Kinder sollten möglichst früh möglichst viele Bewegungserfahrungen sammeln und verschiedene Sportarten durch kleine Spiele kennenlernen"
Für mich beginnt eine gute Ausbildung im Kinderund Jugendsport nicht mit Spezialisierung, sondern mit Breite. Ich bin ein Verfechter des polysportiven Ansatzes. Das bedeutet, dass Kinder möglichst früh möglichst viele Bewegungserfahrungen sammeln und verschiedene Sportarten durch kleine Spiele kennenlernen sollten. Die Fokussierung auf eine bestimmte Sportart kann später erfolgen. Warum ich von diesem Ansatz überzeugt bin? Weil ich in der Praxis immer wieder sehe, was er mit Kindern macht: Er erweitert ihre motorischen und koordinativen Grundfertigkeiten, unterstützt das Selbstbewusstsein, schafft größeren Handlungsspielraum und erhöht Chancen auf einen langfristigen Verbleib im Sport.
Gerade in den Spielsportarten entscheidet später nicht nur, ob jemand eine Technik sauber ausführt. Mindestens genauso wichtig ist, welche motorischen Fähigkeiten ein Kind mitbringt - wie es springen, landen, drehen, abbremsen, wieder antreten, werfen, fangen, ausweichen oder schießen kann, letztlich welches Lösungsportfolio es hat, um beispielsweise in einem 1-gegen-1-Duell am Gegner vorbeizukommen. Wer früh verschiedene Sportarten ausübt, sammelt unterschiedliche Bewegungserfahrungen. Manche davon sind vielleicht unorthodox, aber genau diese unkonventionelle Art kann früher oder später Gold wert sein, weil sie Möglichkeiten eröffnet, wo andere nur eine Standardlösung haben.
Für mich stellt sich deshalb nicht die Frage "Fußball, Basketball oder Handball oder etwas anderes?" Sondern: Wie schaffen wir frühzeitig möglichst viele gute Bewegungserfahrungen? Und vor allem: wo? Der Ort, an dem das für mich am konsequentesten gelingen kann, ist die Grundschule. Dort gehört Polysportivität eigentlich hin. Ich denke dabei an einfache Spielformen in übersichtlichen Gruppen: kleine Spiele, in denen Kinder werfen, fangen, hüpfen, schießen oder springen können - und diese Grundfertigkeiten direkt in einem Spielkontext anwenden. Aus meiner Sicht kann sich dann in der dritten, vierten Klasse zunehmend eine Spezialisierung anbahnen, beispielsweise in Richtung einer Spielsportart. Aber auch dann sollte es weiterhin spielerisch bleiben: nicht zu früh in starren Abläufen und Übungsformen, die klare Lösungen vorgeben.
"3-gegen-3 ist ein Qualitätshebel"
Ein Schlüssel für Qualität ist für mich die Organisation der Angebote. Ich habe sowohl beim SV Werder als auch jetzt bei ALBA gute Erfahrungen damit gemacht, in kleinen Gruppen zu arbeiten - 3-gegen-3 ist für mich nicht nur ein Schlagwort, sondern ein Qualitätshebel. Die Trainingsphilosophie Deutschland liefert hier genau die richtigen Ansätze. Kleine Felder, kleine Teams, mehrere Spielflächen gleichzeitig, viele Wiederholungen - Kinder haben mehr Ballaktionen, sind häufiger dran, erleben mehr Erfolgsmomente. Die Intensität steigt, alle können gemäß ihrem Niveau spielerisch lernen. Und vor allem: Jedes Kind ist dauerhaft aktiv. Das ist für mich ein Kern von Qualität im Kindersport.
Natürlich höre ich dann oft die Frage: Ist das nicht schwieriger für Lehrkräfte, AG-Leitende oder Trainer*innen? Mehrere Felder gleichzeitig, weniger Zugriff auf die Gruppe, mehr Dynamik - das kann erst mal nach einer höheren Hürde klingen. Ich erlebe diese Eintrittsbarriere auch: Man muss sich als Coach oder Lehrkraft trauen, ein Stück Kontrollverlust zuzulassen. Gleichzeitig liegt darin eine große Chance. Wenn Formate sauber eingeführt sind, Regeln klar sind und Felder gut organisiert, können sich solche Settings teilweise selbst regulieren. Und: Man kann Verantwortung sinnvoll teilen. Schülerinnen oder Schüler können mitbetreuen, Rollen übernehmen, Orientierung geben.
Der Sportunterricht und der Bewegungsalltag an Schulen müssen grundsätzlich neu gedacht werden. Sport und Bewegung sollten systematischer Bestandteil des Ganztags werden, der sich durch den Alltag der Kinder zieht, beispielsweise durch ergänzende Angebote, wie Pausenligen, bewegter Fachunterricht oder offene Angebote vor Schulbeginn oder in der Mittagspause. Neben einer inhaltlichen Gestaltung spielt hier die Organisationsform die entscheidende Rolle. Die klassische große Gruppe, ein Feld, ein Spiel - das stößt schnell an Grenzen, wenn Gruppen heterogen sind und wir alle mitnehmen wollen. Schule ist für mich ein riesiges Entwicklungsfeld. Wir beschäftigen uns bei ALBA sehr aktiv damit, wie Schulen insgesamt sport- und bewegungsorientierter werden können und haben in diesem Zuge das sogenannte "Bewegungsband" entwickelt, das Grundlage unserer Arbeit an eigenen Trägerschulen bietet, durch praktische Impulse auf der ALBAthek untermauert wird und die inhaltlichen Prinzipien der Trainingsphilosophie Deutschland aufgreift.
"Polysportivität ist kein 'Nice-to-have'"
Der Ganztag verändert die Realität für viele Kinder. Ich bin selbst mit dem Bolzplatz direkt am Gartentor groß geworden - das war mein Einstieg. Heute nimmt Schule oft viel mehr Raum ein als früher. Die Kinder sind länger im Nachmittag gebunden. Ich sehe darin nicht nur ein Problem, sondern vor allem eine Chance: Wenn Kinder mehr Zeit im Bildungskontext verbringen, können wir dort auch mehr Kinder erreichen. Und wir können flexibler werden: Wann findet Sport statt? Wie findet er statt? Welche Rollen spielen Verein und Schule gemeinsam im Tagesablauf? Genau diese Fragen müssen wir beantworten, wenn wir Sport für alle Kinder ernst meinen und eine solide Basis für das Sportsystem schaffen möchten.
Am Ende führt mich das wieder zum Ausgangspunkt zurück: Polysportivität ist für mich kein "Nice-to-have". Sie ist Grundlage dafür, dass Kinder längerfristig im Sportsystem bleiben, mehr Lösungen im Spiel haben, mehr Selbstvertrauen entwickeln - egal, in welcher Sportart.