Afghanin Nazanin Salimi: "Fußball ist die beste Integration"
Nazanin Salimi: "Ich habe im Flüchtlingsheim bei jeder Gelegenheit Fußball gespielt."[Foto: Hendrik Hamelau]
Es ist viel los auf dem Trainingsplatz des VfL Wolfsburg, ein buntes Stimmengewirr unter den eifrigen Fußballerinnen, die hier unter der Anleitung von Ex-Nationaltorhüterin Almuth Schult ihrer liebsten Leidenschaft nachgehen. Genau das dürfen sie nämlich in ihrer Heimat nicht - in Afghanistan. Seit die Taliban vor fünf Jahren in dem arabischen Land die Macht übernahmen, wurden vor allem für Frauen und Mädchen die Persönlichkeitsrechte stark eingeschränkt. Sport zu treiben ist dem weiblichen Geschlecht strengstens verboten, so dass viele Frauen und Mädchen ihr Heimatland verließen.
So auch Nazanin Salimi. Die inzwischen 20-Jährige lebt inzwischen in Darmstadt und spielt bei der dortigen DJK SSG in der Verbandsliga. Mit der Einladung zum "Girl Power Summer Camp" für die erst seit April dieses Jahres offiziell anerkannte Frauen-Nationalmannschaft Afghanistans ist ein Traum für sie in Erfüllung gegangen. Im FUSSBALL.DE-Interview spricht sie darüber.
FUSSBALL.DE: Nazanin, seit wann bist du in Deutschland?
Nazanin Salimi: Seit knapp vier Jahren. Ich bin im Dezember 2021 mit meiner Familie aus Afghanistan geflohen, zunächst nach Portugal, wo wir knapp ein Jahr waren, ehe wir nach Deutschland gekommen sind. Meine Schwester und ihr Mann wohnen schon lange in Frankfurt am Main, wir waren zuerst kurz bei ihnen und sind dann in Darmstadt in ein Heim für Geflüchtete gebracht worden.
"Alle waren sehr freundlich, was uns das Ankommen in einer fremden Umgebung, in einem fremden Land und ohne die Sprache zu kennen, leichter gemacht hat"
Wie bist du in Deutschland aufgenommen worden?
Salimi: Wir, das heißt meine Mutter, meine Geschwister und ich, sind sehr gut aufgenommen worden. Alle waren sehr freundlich, was uns das Ankommen in einer fremden Umgebung, in einem fremden Land und ohne die Sprache zu kennen, leichter gemacht hat. Dafür sind wir sehr dankbar!
Wie ist in Darmstadt der Kontakt zur DJK SSG zustande gekommen?
Salimi: Das hat sich so ergeben, weil ich im Flüchtlingsheim auch immer bei jeder Gelegenheit Sport gemacht und Fußball gespielt habe. Dann habe ich gefragt, ob es einen Verein in der Nähe gibt und bin dann bei der DJK SSG zum Training gegangen.
Wo hast du vorher in Afghanistan gespielt und wie waren die Möglichkeiten dort im Vergleich zu Deutschland?
Salimi: In Afghanistan sind natürlich nicht solche guten Strukturen wie in Deutschland. Es gibt kaum Vereine, und in unserem Dorf war ich das einzige Mädchen, dass überhaupt Fußball gespielt hat - meistens mit meinen Brüdern zusammen auf der Straße. Als wir später in die Hauptstadt Kabul gezogen sind, konnte ich auch in der Schule Fußball spielen.
Und dort ist dein Talent entdeckt worden?
Salimi: Zusammen mit meiner Freundin haben wir bei Schulturnieren mitgemacht. Dort wurden wir für die U 17-Nationalmannschaft entdeckt. Meine Eltern haben erst einmal Nein gesagt, aber ich habe klar gemacht, dass ich unbedingt dahin will. Leider mussten wir kurz danach Afghanistan verlassen.
Die Spielerinnen des afghanischen Frauen-Nationalteams sind in alle Welt verstreut. Wie haltet Ihr Kontakt und wie oft kann sich das Team überhaupt für Lehrgänge oder Ähnliches treffen?
Salimi: Das ist sehr schwierig, da wir ja erst jetzt offiziell an internationalen Spielen teilnehmen dürfen. Einige von ihnen leben inzwischen in Australien, sind also sehr weit weg. Einige Spielerinnen aus der damaligen U 17 aber sind jetzt noch dabei. Sie sind, wie ich, vor vier Jahren nach Portugal geflohen und manche von ihnen später auch nach Deutschland.
"Mit Almuth Schult zu trainieren, war eine große Ehre für uns, fast wie ein Traum - sie ist eine Legende"
Wie hat dir der Fußball geholfen, dich in Deutschland einzugewöhnen?
Salimi: Das war die beste Integration! (lacht) Am Anfang habe ich natürlich kaum etwas verstanden, was in der Kabine gesagt wird, aber meine Mitspielerinnen bei der DJK SSG haben sehr langsam gesprochen, so dass es für mich einfacher war. Ich war auch nicht die einzige Spielerin, die aus einem anderen Land nach Darmstadt gekommen ist, sondern unter anderem auch eine Mitspielerin aus Ecuador. Außerdem habe ich einen Deutsch-Kurs besucht und bin natürlich zur Schule gegangen, so dass es mit der Sprache bald besser wurde.
Du warst Ende August beim "Girl Power Summer Camp" in Wolfsburg dabei. Wie war es, deine Mitspielerinnen wieder zu sehen und mit der ehemaligen DFB-Torhüterin Almuth Schult zu trainieren?
Salimi: Das war eine große Ehre für uns, fast wie ein Traum! Almuth Schult ist eine Legende - und außerdem ein sehr netter Mensch. Es hat uns allen Riesenspaß gemacht, mit ihr zu trainieren. Außerdem waren wir in der Volkswagen-Arena beim Champions-League-Hinspiel der Frauen des VfL Wolfsburg gegen Inter Mailand dabei. Das war ein tolles Erlebnis, diese Erfahrung werden wir immer mitnehmen.
Und wie geht es für dich bei der DJK/SSG Darmstadt und außerhalb des Platzes weiter?
Salimi: Ich möchte mich in jedem Training und jedem Spiel verbessern und auf dem Platz dazu beitragen, dass wir vielleicht aufsteigen. Ansonsten mache ich gerade eine Ausbildung zur Tourismus-Kauffrau, was mir sehr gut gefällt. Ich hoffe, dass ich in Deutschland bleiben kann.