Junge Schiedsrichterinnen möchten "alte Denkmuster aufbrechen"
Cora Pinner (2.v.r.): "Als Schiedsrichterin muss man lernen, sich durchzusetzen."[Foto: Martin Schwartz]
Einmal im Quartal treffen sich die Schiedsrichterinnen des Fußballkreises Berg, um über ihre Erfahrungen im Amateurfußball zu sprechen. Viele von ihnen leiten auch Spiele im Junioren- und Männerbereich und erleben dabei immer wieder mal unpassende Sprüche. Wie gehen sie damit um? Und was fasziniert sie an der Schiedsrichterei? FUSSBALL.de war bei einem Treffen dabei.
Heute sind sie zu viert: Cora Pinner hat das Treffen organisiert. Außerdem sind Paula (14), Lotta (15) und Sarah (22) gekommen. Alle vier sind Schiedsrichterinnen im Fußballkreis Berg, der zum Fußball-Verband Mittelrhein gehört. Pinner leitet selbst Spiele, bei den Männern ebenso wie bei den Frauen. Zuletzt war sie im Einsatz, als die frühere Nationalspielerin Alexandra Popp mit Borussia Dortmund gegen den MSV Duisburg gewann.
"Wenn ein Spruch beleidigend oder sexistisch ist, suche ich das Gespräch und halte den Vorfall gegebenenfalls im Spielberichtsbogen fest"
An diesem kühlen Herbstabend ist Pinner in ihrer Funktion als Mitglied des Kreisschiedsrichterausschusses gekommen. Sie hat das regelmäßige Treffen ins Leben gerufen, bei dem die Schiedsrichterinnen des Fußballkreises Berg in geschütztem Rahmen über Erfahrungen, Sorgen und Nöte sprechen können. Als Ansprechpartnerin ist sie ideal: Seit 2022 pfeift sie selbst und weiß, wie man reagiert, wenn ein Kreisliga-Duell plötzlich hitzig wird oder ein unpassender Spruch fällt.
"Mich kennen die Leute inzwischen, und sie wissen, was ich akzeptiere und wo eine Grenze überschritten wird", sagt Pinner. "Trotzdem kann es immer wieder vorkommen, dass manche denken, Fußball sei Männersache und Frauen hätten auf dem Platz nichts verloren. Bei Spielern und Trainern erlebe ich das zum Glück kaum noch. Eher kommt mal ein solcher Spruch von einem Zuschauer. Wenn er unkritisch ist, überhöre ich ihn. Wenn er beleidigend oder sexistisch ist, suche ich das Gespräch und halte den Vorfall gegebenenfalls im Spielberichtsbogen fest."
Paula und Lotta sind noch junge Schiedsrichterinnen und haben das Hobby gerade erst für sich entdeckt. Beide spielen weiterhin aktiv Fußball und wollen über den Tellerrand hinausschauen. Lotta hat erst wenige Spiele geleitet. Das erste verlief entspannt. Beim zweiten gab es einen Konflikt mit dem Vater eines Spielers der Heimmannschaft. Lotta suchte das Gespräch und schickte ihn vom Spielfeldrand weg. Danach kehrte Ruhe ein. "Als Schiedsrichterin muss man lernen, sich durchzusetzen", sagt Lotta. "Dabei darf auch der Altersunterschied keine Rolle spielen. Anfangs war das natürlich ungewohnt." Pinner bestärkt sie: "Du hast genau richtig reagiert. Auf dem Platz spielt das Alter keine Rolle, sondern ein selbstbewusstes und souveränes Auftreten."
"Man muss lernen, sich durchzusetzen"
Paula pfeift seit einem Jahr und hat die Entscheidung bisher nicht bereut: "Man sagt ja immer, Schiedsrichterei sei eine Schule fürs Leben. Genauso nehme ich es auch wahr. Seitdem ich pfeife, bin ich selbstbewusster geworden und habe weniger Probleme, zum Beispiel in der Klasse etwas vorzutragen. Außerdem ist es ein schöner Nebenverdienst. Es ist nicht immer einfach, und es gibt auch mal negative Momente. Am Ende macht es aber meistens viel Spaß und bringt mich weiter."
Sarah ist seit sieben Jahren Schiedsrichterin. Vor Kurzem musste sie in ihrer gesamten Laufbahn zum ersten Mal eine Rote Karte zeigen. "Wenn es irgendwie möglich und regelkonform ist, versuche ich, Platzverweise zu vermeiden, und bisher ist mir das auch gelungen", sagt sie. "In diesem Fall gab es aber keine andere Wahl. Es war eine klare Tätlichkeit, die nur mit einem Platzverweis zu ahnden war. Nach all den Jahren war das eine neue Erfahrung für mich."
Dass Frauen unter den Unparteiischen deutlich in der Minderheit sind, ist für die Runde nichts Neues. Cora Pinner appelliert: "Ihr könnt stolz darauf sein, dass ihr als Schiedsrichterinnen tätig seid, und ihr macht das super. Aber wir brauchen noch mehr Schiedsrichterinnen in unserem Fußballkreis. Macht also gerne Werbung dafür und motiviert andere, ebenfalls zu pfeifen."
Zum Abschluss geht Pinner mit der Gruppe Folien zur Selbstreflexion und zur Rolle der Schiedsrichterin auf dem Platz durch. "Es sollte heutzutage nichts Besonderes mehr sein, dass wir als Frauen Spiele von Jungs und Männern leiten", erklärt sie. "Gemeinsam brechen wir alte Denkmuster auf. Und es ist auch nicht schlimm, wenn mal ein Fehler passiert. Das gehört dazu, niemand ist fehlerfrei."
Nach dem Treffen fahren alle mit einem guten Gefühl nach Hause und freuen sich auf ihre nächsten Einsätze. In ein paar Wochen werden sie sich wiedersehen, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich gegenseitig zu stärken.