Amateur-Alltag |28.10.2018|14:00

Der zwölfte Mann macht den Unterschied

Äußerst wichtig für Profis wie Amateurkicker: Die Fans als zwölften Mann.[Foto: imago/Ulmer]

Fußball-Weisheit #6: „Das kann ein Nachteil oder ein Vorteil sein, sowohl für uns als auch für die gegnerische Mannschaft.“ (Ex-Nationaltrainer Erich Ribbeck über die aufgeladene Atmosphäre vor einem Länderspiel in der Türkei)

Da klimpert’s kräftig im Phrasenschwein. Eine Auswärtspartie in einem türkischen „Hexenkessel“ kann offensichtlich vieles bedeuten. Ribbecks Aussage mag nun hilfreich sein oder auch nicht, aber eines scheint sicher: Ein Spiel in Istanbul ist stets eine besondere Herausforderung (sowohl für die Heim- als für die Auswärtstruppe, aber genug davon…). Das wussten auch die Schalker, als sie Anfang der Woche ihren Flieger in Richtung Türkei bestiegen, der sie zum Champions-League-Duell gegen Galatasaray (Endstand 0:0) bringen sollte.

Zuvor hatte sich S04-Coach Domenico Tedesco einen besonderen Kniff für das Abschlusstraining in der heimischen Veltins-Arena ausgedacht, um seine Jungs auf die hitzige Stimmung vorzubereiten. Während der Einheit ließ er Original-Tonaufnahmen aus dem Gala-Stadion über die Lautsprecher der Schalke-Arena dröhnen, die die türkische Geräuschkulisse simulieren sollten. Ein Training mit Ohropax-Bedarf also.

Einen solchen Gehörschutz würden sich auch Amateurkicker das ein oder andere Mal wünschen – nicht etwa aufgrund der ohrenbetäubenden Kulisse, sondern eher aufgrund ihres polternden Trainers, der sie nach einer indiskutablen Leistung mal wieder in der Kabine zusammenfaltet. Aber zurück nach Istanbul: Dort zeigten sich die Schalker relativ unbeeindruckt von dem 90-minütigen Pfeifkonzert, das von einigen tatsächlich als „beeindruckende Atmosphäre“ bezeichnet wird. Als Zuschauer vor dem heimischen Fernseher empfand ich die Kulisse eher als grenzwertig anstrengend und dachte bei dem monotonen Gepfeife kurz darüber nach, meine Vuvuzela vom Dachboden zu holen und zur Gegenattacke zu blasen. Jede Fangruppe darf ihren Heimvorteil natürlich nach eigener Interpretation nutzen, aber mir persönlich sind emotionale Gesänge dann doch lieber als das kollektive Niedermachen des Gegners mit Tinnitus-Garantie.

"Die Jungs haben sich ja bemüht. Da hatte heute einfach jeder einen sehr unglücklichen Tag…"

Das Auto bleibt lieber zuhause

In der Kreisliga ist der Einfluss der Zuschauer auf das Spiel sehr viel persönlicher. Natürlich ticken die Uhren auf dem beschaulichen Sportplatz anders als in einer modernen Profi-Arena. Weder leiten unzählige Ordner durch verstopfte Dorfstraßen, noch gibt es ein Park-&-Ride-System. Wozu auch? Der Parkplatz vor dem Platz reicht für die Handvoll Zuschauer, im Notfall müssen die letzten von ihnen an der Straße parken und zwei Minuten zu Fuß gehen. Das ist schon der größte Stress, den einem die Anfahrt bereiten kann. Und wer kommt überhaupt mit dem Auto? Die heimischen Fans machen sich zu Fuß oder per Fahrrad auf den Weg. Frei nach dem Motto, das die Erfahrung längst gelehrt hat: „Naja, vielleicht trinke ich ja ein bis acht Bierchen beim Spiel, da lasse ich die Karre lieber gleich zu Hause.“

Wer die Stimmung von Amateur- und Profi-Ligen vergleicht, muss bei den Zuschauerzahlen meist drei Nullen abziehen. Dennoch: Das richtige Publikum holt die letzten Prozente aus den Spielern heraus, ob es sich nun um gut betuchte Operetten-Zuschauer oder eine Handvoll grölender Kumpels handelt. Der zwölfte Mann ist die Motivationsspritze, die zwischen Sieg und Niederlage entscheiden kann. Allein, dem Schiedsrichter muss es erst mal gelingen, sich nicht von ausufernden Zwischenrufen von der Seitenlinie beeinflussen zu lassen. Selbst harmlose Fouls werden von den Zuschauern schnell zu Terroranschlägen stilisiert („Mördeeer!“) und haben nicht selten eine überzogene Gelbe Karte zur Folge.

Eine starke Unterstützung ist den meisten Kreisliga-Teams trotz überschaubarer Kulissen gewiss. In ländlichen Gebieten ist der Fußballverein oft fester Bestandteil des Dorflebens. Es ist ein Sehen und Gesehenwerden: Man plaudert über Gott und die Welt, inklusive des neuesten Tratschs aus der Nachbarschaft natürlich. Für die einen geht es eher um den Fußball, für die anderen überwiegt der Schnack mit Nachbarn und Freunden. Was die Zuschauer in der Regel aber gemein haben, ist die bedingungslose Solidarität zum Verein. Einer für alle, alle für einen. Wer sich mit einem der eigenen Spieler anlegt, legt sich mit der gesamten Anhängerschaft an. Die Vereinsfarben stehen symbolisch für die Gemeinde, die in den vielbesungenen „guten wie schlechten Zeiten“ zusammenhält.

Ein 90-minütiges Pfeifkonzert muss allerdings keine Gastmannschaft befürchten. Kreisliga-Fans nutzen ganz unterschiedliche Wege, um ihr Team zu Höchstleistungen zu motivieren. Es gibt einerseits die Optimisten, die jedes Spiel ihrer Mannschaft durch die rosarote Brille anschauen. Von ihnen fällt kein schlechtes Wort über die eigenen Mannen. Jedem noch so haarsträubende Fehlpass liegt entweder ein unglückliches Missverständnis, ein Platzfehler oder ein vorangegangenes Foul zugrunde. Selbst bei einer vernichtenden Niederlage, die den Trainer zur Weißglut bringt, ist dieser positive Fan-Vertreter um Diplomatie bemüht: „Die Jungs haben sich ja bemüht. Da hatte heute einfach jeder einen sehr unglücklichen Tag…“

Vuvuzela-Lärm als Spezial-Therapie

Das andere Extrem unter den Fans vertritt der notorische Querulant. Er ist zwar auch irgendwie Fan, aber fällt aus dem ungeschriebenen Solidarpakt zwischen den Anhängern ein Stück weit heraus, da er das Team zeitgleich als Ventil für den aufgestauten Alltagsfrust zu nutzen scheint. Der erste Fehlschuss des eigenen Stürmers wird direkt mit einem theatralischen „Gott, schick Talent vom Himmel!“ kommentiert. Ab dem zweiten Fehlpass eines Spielers beantragt er lautstark dessen Auswechslung in Richtung der Trainerbank. Ohnehin würde der Coach seit Wochen auf die falschen Spieler und das falsche System setzen. Außerdem müsste dieser „viel mehr aus sich herauskommen“ und nicht immer so beteiligungslos an der Seitenlinie rumstehen: „Die Jungs hätte ich schon längst rund gemacht, wenn ich er wäre!“ Da er den Gegner genauso wenig leiden kann wie seine eigenen Spieler und sich selbst, wäre er tatsächlich einer der Kandidaten, die mit Beginn des Spiels ein Pfeifkonzert anstimmen. Dafür fehlt ihm zumeist aber die Puste.

Sollte er aufgrund einer jahrzehntelangen Vergangenheit als Profi-Taucher doch die nötige Luft haben, würde ich die richtigen Fans – zu denen natürlich noch viel mehr gehören als die zuvor beschriebenen Schönredner – zu einer Gegenmaßnahme animieren. Sobald der Querulant das Pfeifen beginnt, zücken die umstehenden Zuschauer einfach ihre verstaubte Vuvuzela und tröten so lange, bis dieser entnervt aufgibt. So schlimm die Vuvuzelas auch waren: Ihr Lärm wird immerhin nicht despektierlich gegen Schiedsrichter oder Spieler eingesetzt. Lieber 90 Minuten munter drauflos tröten, als Spieler oder Schiedsrichter grundlos auszupfeifen. Dann aber die Ohropax nicht vergessen!