Sportchef Olaf Blancke: "Jeder kennt jetzt Jeddeloh"
Olaf Blancke (v.) über Hertha BSC in Runde zwei: "Eine kleine Chance hat man immer im DFB-Pokal."[Foto: IMAGO]
Beim SSV Jeddeloh II aus der Regionalliga Nord ist Olaf Blancke ein "Urgestein". Nach elf Jahren als Trainer ist der 57 Jahre alte Physiotherapeut seit 2022 als Sportlicher Leiter tätig. Als einziger Viertligist, der die zweite Runde des DFB-Pokals erreicht hat, trifft der SSV am 27./28. Oktober auf Hertha BSC. Im FUSSBALL.DE-Interview spricht Blancke über den Pokalgegner und die Pläne des Klubs.
FUSSBALL.DE: Nach der Auslosung der zweiten Runde im DFB-Pokal sprachen Sie beim Gegner Hertha BSC aus der 2. Bundesliga von einem "geilen Los". Was gefällt Ihnen daran so gut, Herr Blancke?
Olaf Blancke: Zum einen haben wir uns besonders gefreut, dass wir es mit einem großen Traditionsverein zu tun bekommen. Mit dem Los Hertha BSC können wir mit großer Wahrscheinlichkeit vor ausverkauftem Haus im Oldenburger Marschwegstadion auflaufen.
Sie haben die Auslosung mit dem gesamten Team in der Dorfkneipe "Zum Goldenen Anker" verfolgt. Wie sind insgesamt die Reaktionen ausgefallen?
Blancke: Es hätte für uns wesentlich schlimmer kommen können. (lacht) Das war der allgemeine Tenor. Hertha BSC verfolgt große Ambitionen, aber eine kleine Chance hat man immer im DFB-Pokal.
Seit das DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion ausgetragen wird, konnten sich die Hertha-Profis dafür noch nie qualifizieren. Sorgt diesmal der SSV Jeddeloh II dafür, dass die Serie verlängert wird?
Blancke: Ich würde nicht Nein sagen, sollte es so kommen. Wir müssen aber nicht nach Berlin schauen, sondern bleiben demütig und auf dem Teppich.
"Sollten wir es erneut ins Elfmeterschießen schaffen, dann sind wir praktisch unschlagbar"
Schon vor der ersten Runde hatten Sie nach der Auslosung die Sensation gegen den 1. FC Heidenheim angekündigt. Mal ehrlich: Waren Sie nach Ihrer Aussage zunächst selbst ein wenig erschrocken?
Blancke: Erschrocken gar nicht, weil ich das auch genauso gemeint habe. Vielleicht hätte ich das Wort "locker" nicht benutzen sollen, bin aber von unserer Mannschaft total überzeugt. Über die Resonanz meiner Aussagen war ich eher erschrocken. (lacht) Mehr als zwei Millionen Klicks hat mein Auftritt im Internet ausgelöst.
Laut Ihrer Prognose wird es gegen Hertha BSC enger zugehen. Mit einem Augenzwinkern gefragt: Warum kommt der SSV erst im Elfmeterschießen weiter?
Blancke: Wir haben in der zurückliegenden Saison im Niedersachsenpokal mit dem VfL Osnabrück und dem TSV Havelse zwei Drittligisten jeweils im Elfmeterschießen ausgeschaltet. Wir haben mit Moritz Onken einen überragenden Torhüter. Sollten wir es erneut ins Elfmeterschießen schaffen, dann sind wir praktisch unschlagbar.
Wie stolz sind Sie grundsätzlich darauf, dass es der SSV Jeddeloh II als einziger Viertligist in die zweite Pokalrunde geschafft hat?
Blancke: Das macht mich riesig stolz. Ich bin im Ort aufgewachsen, mein Elternhaus ist nur einen Steinwurf von der Platzanlage entfernt. Dadurch habe ich einen ganz besonderen Bezug zu dem Verein, kenne jeden einzelnen Zuschauer.
Wie sehr macht sich die gestiegene Aufmerksamkeit bei den Medien und bei den Fans bemerkbar?
Blancke: Bei der Auslosung in der Sportschau war unsere Kneipe rappelvoll. Die Stimmung war wie bei einem Schützenfest. Jeder wollte dabei sein und das mit der Mannschaft live miterleben. Das war schon etwas Besonderes.
Wie wertvoll ist das für das Image des Klubs?
Blancke: Seit unserem 5:2 gegen den 1. FC Heidenheim kennt fast jeder den SSV Jeddeloh II. Man kann hinkommen, wohin man will: Man wird erkannt, was ganz witzig ist. Wir wollen den Vereinsnamen auch in Sachen Marketing weiter voranbringen.
"Wir werden das Geld nicht in Beine, sondern in Steine investieren"
Das Erreichen der zweiten Runde garantiert dem SSV allein aus TV- und Vermarktungserlösen mehr als 450.000 Euro. Welche Bedeutung hat das für den Verein?
Blancke: Fast alle Regionalligisten bewegen sich finanziell am Limit. Alles muss auf Kante genäht werden, um gut durch die Saison zu kommen und nicht ins Minus zu rutschen. Daher sind wir froh, dass uns diesmal in dieser Hinsicht eine ruhige Saison bevorsteht.
Wofür werden Sie das Geld verwenden?
Blancke: Wir werden das Geld nicht in Beine, sondern in Steine investieren, also in die Verbesserung unserer Infrastruktur. Vor zwei Jahren war unsere Halle direkt neben dem Sportplatz abgebrannt. Aktuell müssen sich die Spieler deshalb in Containern umziehen. Außerdem wollen wir unseren Gästebereich ausbauen, planen eine kleine Stehtribüne, damit die Fans das Geschehen auf dem Platz besser beobachten können.
In der Liga läuft es bislang alles andere als rund. Wie erklären Sie sich das?
Blancke: Uns fehlen im Ligabetrieb nur Kleinigkeiten, um Siege einzufahren. Wir waren fast in allen Spielen ebenbürtig, machen aber zu viele individuelle Fehler, die uns ins Hintertreffen bringen. Wenn wir in Rückstand geraten, wird es für uns extrem schwer.
Befürchten Sie, dass der DFB-Pokal das Team auch in den nächsten Wochen zu sehr ablenken könnte?
Blancke: Das wird bei uns tatsächlich diskutiert, weil die Mannschaft nicht die Ergebnisse abliefert, die wir erwarten. Wir haben an diesem Wochenende erstmals seit langer Zeit wieder eine zusätzliche Trainingseinheit am Sonntag eingelegt, weil sich die Mannschaft deutlich steigern muss. Die Partie gegen Hertha BSC findet erst Ende Oktober statt. Bis dahin hat jeder die Gelegenheit, sich für die Startelf in diesem Highlight-Spiel empfehlen.