Trainingsphilosophie: Die Basis für den Erfolg
"Es gefällt mir, dass man immer in Bewegung ist": Die TPD kommt bei den Kids gut an.[Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Picture Alliance]
Sabine Loderer und Daniel Stredak trainieren im U-Bereich des DFB und bringen ihre Expertise in Hannes Wolfs Kompetenzteam zur Trainingsphilosophie Deutschland (TPD) ein. Ein gutes Konzept ist wesentlich für die Entwicklung neuer Spiel- und Trainingsformen - doch es wäre nichts wert, wenn es nicht in die Breite getragen würde. Also zu denen, die in kleinen Vereinen Großes leisten. Das DFB-Journal zu Besuch bei einer Fortbildung in Bayern.
Florian Wirtz läuft mit dem Ball über das Spielfeld, ein paar Meter nur, dann geht es nicht weiter. Zwei Gegenspieler stoppen den Angreifer, bevor der auf das Tor schießen kann. Nein, es ist nicht der echte Florian Wirtz, sondern ein Junge im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit der Nummer 17, jener, die der Offensivspieler trägt. Auf dem kleinen Feld daneben dribbelt ein Lionel Messi, und auch ein Harry Kane ist an diesem frühen Abend auf dem Sportplatz des TSV Diedorf dabei.
Kleine Spielformen: Immer alle in Bewegung
Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches bei einem Fußball-Training einer D-Jugend-Mannschaft. Trikots der Idole sind stets gefragt, vor allem, wenn gerade die Fußball-WM läuft. Und doch ist in diesem Fall vieles anders. Mehr Kinder als sonst sind auf dem Platz, fast 30 – und gut 100 Zuschauende stehen am Rand. Die Anweisungen geben auch nicht die Übungsleiter des Vereins, sondern zwei Trainer*innen des Deutschen Fußball-Bundes. Sabine Loderer ist für die U 17-Juniorinnen verantwortlich, Daniel Stredak assistiert Cheftrainer Hannes Wolf bei den U 20-Junioren. Beide gehören zum Kompetenzteam und sind an diesem heißen Juni-Tag für eine Fortbildung zur Trainingsphilosophie Deutschland (TPD) nach Schwaben gekommen.
Der große Fußballplatz ist in vier Felder unterteilt. Auf jedem spielen 3-gegen-3, entweder auf ein Mini- oder ein Kleinfeldtor. Und dort, wo es kein Tor gibt, fungieren zwei Hütchen als Pfosten. Mal ist ein zusätzlicher Anspieler dabei, mal ein Torhüter. "Alle verteidigen", ruft Sabine Loderer den Spielern des Mini-Teams zu, das gerade nicht den Ball hat. Drei Minuten lang, dann gibt es eine kurze Trinkpause – und eine neue Aufgabe. Dieses Mal geht es um die Offensive. "Nach vorne denken", lautet das Kommando von Sabine Loderer. Rückpässe sind nicht erlaubt, und der Angriff muss in acht Sekunden abgeschlossen sein.
Als Hannes Wolf 2023 beim DFB zum Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung befördert wurde, hatte er bereits ein Konzept für die "Trainingsphilosophie Deutschland" im Laptop. Die Probleme waren und sind noch immer offensichtlich. Zu wenig U 21-Spieler schaffen den Sprung zu den Profis – oder später als im internationalen Vergleich. Andere Fußball-Nationen entwickeln mehr Top-Spieler, und die Quote jener Spieler, die schon in der Jugend die Lust am Fußball verlieren, ist zu hoch. "Wir haben überlegt, was Spieler in der Entwicklung brauchen und wie gutes Training aussehen muss", sagt Sabine Loderer. Jedenfalls nicht so, wie es lange in den Vereinen praktiziert wurde und sie es bei ihren Besuchen auf Fußballplätzen oft gesehen hat: "Lange Schlangen an der Mittellinie mit Anlauf zum Tor und viele Standzeiten."
Mit den kleinen Spielformen sind immer alle in Bewegung, haben in einer Trainingseinheit deutlich mehr Ballaktionen als bei den klassischen Formen, führen mehr Zweikämpfe, schießen häufiger aufs Tor und müssen viel mehr fußballspezifische Entscheidungen treffen. Alle müssen irgendwann verteidigen, stürmen, flanken oder ins Tor. "Bis zur C-Jugend weiß man noch nicht genau, auf welcher Position man spielt", sagt Daniel Stredak.
In den jüngeren Jahrgängen liegt der Fokus auf der ganzheitlichen Ausbildung, positionsspezifisches Training kommt erst später dazu. Bei den kleinen Spielformen könnten zudem Entwicklungsstand und biologisches Alter der Kinder berücksichtigt werden. Die Besten auf einem Feld, die noch nicht ganz so Guten auf einem anderen, die einzelnen Gruppen haben jeweils ein ähnliches Niveau. So wird die Spitze gefördert, ohne Kinder, die nicht so talentiert oder eher Spätentwickler sind, auszuschließen. "Wer immer mit viel Besseren spielt, verliert die Lust. Und andersherum. Wer nur mit Schlechteren spielt, kann sich selbst nicht groß verbessern", sagt Daniel Stredak.
"Die Essenz bleibt immer die gleiche: Freude, Intensität, Wiederholungen"
Damit auch an Spieltagen die Kinder "immer alle spielen und nicht sechs davon 65 Minuten und einer nur fünf Minuten" (Sabine Loderer) schreibt der DFB in der G-, F- und E-Jugend seit der Saison 2024/2025 verbindlich die kleinen Spielformen in den Wettbewerben vor. Je nach Altersklasse spielt der Nachwuchs 2-gegen-2, 3-gegen-3, 4-gegen-4 oder 5-gegen-5 auf vier Mini- oder zwei Kleinfeldtore. Das Kompetenzteam um Hannes Wolf, zu dem Sabine Loderer von Anfang an gehörte, hat für seine Bildungsoffensive ein Flipbook erstellt, bei YouTube gibt es Videos für Beispiel-Übungen. "Aber wir geben nur Inhalte raus, keine fertigen Konzepte", sagt Daniel Stredak. Die Bedürfnisse und Bedingungen seien nicht überall gleich. Weil jedoch Praxis besser ist als Theorie, gehen die Trainer*innen raus an die Basis.
Diedorf ist eine kleine Marktgemeinde südöstlich von Augsburg mit einem engagierten Sportverein, der sich um diesen Workshop bemüht hat. Mehr als 100 Trainer, Ehrenamtliche, Funktionäre aus knapp 40 Vereinen aus dem Umland von Augsburg, aber auch Eltern von fußballspielenden Kindern und Sportlehrer haben sich angemeldet. Die Kinder schwitzen, es ist um 19 Uhr noch immer sehr heiß. Die Sonne brennt auf den Sportplatz. Immer wieder greifen die Kinder zu den Wasserflaschen. Die einzelnen Zyklen werden deshalb etwas kürzer gehalten. Bei der letzten Übung ist der Torhüter auch Anspieler, wieder geht es auch darum, den Angriff innerhalb von ein paar Sekunden abzuschließen. Sabine Loderer ruft aufs Feld: "Schneller rausspielen." Auf der anderen Seite lobt Daniel Stredak eine gelungene Aktion: "Guter Pass, Korbinian."
Bei den Kindern kommen diese Trainingsformen gut an. "Es gefällt mir, dass man immer in Bewegung ist", sagt Mert. Für ihn sind diese Übungen nicht neu. Jugendleiter Cetin Ervin, der die D-Junioren des TSV Diedorf betreut, hat die vom DFB empfohlenen Elemente schon länger eingebaut. So "richtig Klick" gemacht habe es bei ihm erst, als er eine der Fortbildungen mit Daniel Stredak besucht habe, erzählt er. "Das hat mir den Feinschliff gegeben." Der Aufbau sei recht einfach, findet Ervin, und man könne die Übungsformen individuell für die eigene Mannschaft anpassen. "Aber die Essenz bleibt immer die gleiche: Freude, Intensität, Wiederholungen."
"Wenn du ein halbes Jahr so trainierst, ist das plötzlich eine ganz andere Mannschaft"
Die ersten Erfolge bei diesen Spielformen, hat Daniel Stredak bemerkt, sind schon nach ein paar Monaten zu erkennen. "Wenn du ein halbes Jahr so trainierst, ist das plötzlich eine ganz andere Mannschaft", hat er festgestellt. Das hat sich auch bei seinem Scouting für die U 20-Auswahl gezeigt. Nicht nur die Qualität sei gestiegen, auch die Zahl der infrage kommenden Spieler. "Und das wird jetzt jedes Jahr besser", ist er sicher.
Wie effektiv die kleine Spielform sein kann, hat Ervin zuletzt bei einem seiner Spieler erlebt. Der wusste nicht so richtig, mit welchem Fuß er schießen soll, welcher der bessere ist. Deshalb habe er sich lange gar nicht getraut zu schießen, erzählt der D-Jugend-Trainer. "Aber plötzlich schießt er mit beiden Füßen. Er wird immer mutiger." Ervin ist sicher: "Das kommt vom Training, weil er ständig am Ball ist und nicht dauernd warten muss, bis er endlich dran ist." Ein anderer Junge hat im letzten Jahr einen so großen Sprung gemacht, dass ihn die größeren Vereine, darunter der FC Augsburg, gescoutet haben. Der 13-jährige Selim habe sich in puncto Ballsicherheit, Dribbling, Schussstärke und Spielverständnis enorm entwickelt, sagt Ervin. Zur neuen Saison wechselt der Junge zu Schwaben Augsburg.
Sabine Loderer trainiert auch mit ihrer U 17- Auswahl, die im vergangenen Mai Europameister wurde, häufig in kleineren Spielformen, vor allem positionsspezifisch, "weil wir da in den Lehrgängen jede Spielerin in die Aktion bekommen." Je älter die Spielerinnen und Spieler werden, desto komplexer werden die Spielformen. Sie bringt ins Kompetenzteam zusammen mit Lena Lotzen und Nikola Ludwig ihre Expertise für den Mädchen-Fußball ein. Für Vereine mit gemischten Mannschaften sieht Loderer eine besondere Chance in den kleineren Spielformen: "Es gibt Mädchen, die keine Lust haben, sich gegen die Jungs behaupten zu müssen. Dann macht man eben auf einem Feld kleine reine Mädchen-Teams. Und wer lieber mit den Jungs spielt, wird in gemischte Teams integriert."
"Total überzeugt von dieser Trainingsphilosophie"
Max Ernicke vom FC Augsburg-Hochzoll steht mit einem Klemmbrett am Rand eines der Spielfelder und macht sich Notizen. Zu den Erklärungen von Sabine Loderer und Daniel Stredak, zu jeder Spielform und zu den einzelnen Übungen. Er ist nicht das erste Mal bei einer dieser Fortbildungen der DFB-Trainer*innen. Der Anwalt begann sich dafür zu interessieren, als seine beiden Söhne unbedingt Fußball spielen wollten. Wie bei vielen Vereinen war der FC Augsburg-Hochzoll froh, dass sich ein Vater ehrenamtlich als Trainer engagiert. Ernicke besuchte Lehrgänge des Bayerischen Fußballverbandes, mittlerweile hat er auch den Trainerschein und betreut die F-Jugend des Augsburger Vereins. "Ich bin total überzeugt von dieser Trainingsphilosophie", sagt er.
So denkt aber nicht jeder in seinem Verein. Später, als das Training vorbei ist und die Fragestunde beginnt, meldet sich ein Kollege von Max Ernicke. Man müsse doch bestimmte Situationen schon mit Blick auf die nächste Jahrgangsstufe, wenn dann die klassische Spielform gilt, einüben, findet er. "Abseits können die doch nicht auf Knopfdruck." Das gehe auch in den kleineren Übungsformen, sagen Sabine Loderer und Daniel Stredak.
Diese und andere Einwände hören die beiden oft, wenn sie unterwegs sind. Zu wenig Personal, zu viel Aufwand bei der Vorbereitung, und dann die Eltern, die sich beschweren, wenn ihr Kind nicht in der Gruppe der Besten spielt. Alles keine schlagkräftigen Argumente, findet Stredak, der selbst beim FC Lauingen seinen Sohn trainiert. Eltern können eingebunden werden, auch als Spielfeldbegleiter, die dann eine Gruppe übernehmen – und so auch verstehen lernen, dass es keine Strafe ist, nicht bei den Besseren mitmachen zu dürfen, sondern dem eigenen Kind eher hilft und mehr Spaß macht. Nicht alle Skeptiker können sie bei ihren Fortbildungen überzeugen, auch nicht an diesem Sommertag in Diedorf. "Aber die Kritiker", sagt Stredak, "werden immer weniger."