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Walter Schmidt: "Die Schiedsrichterei hält mich jung."[Foto: Marlis Schmidt]
Walter Schmidt ist seit 52 Jahren Schiedsrichter. Mindestens zwei Besonderheiten zeichnen den Unparteiischen des SV Freden im Niedersächsischen Fußballverband aus: In seiner gesamten Karriere hat er nur eine einzige Rote Karte gezeigt, und er hat aus Rücksicht auf seine Familie nie Spiele am Sonntag geleitet. Im FUSSBALL.DE-Interview spricht der 75 Jahre alte Schiri über ein Leben für den Fußball.
FUSSBALL.DE: Herr Schmidt, seit 52 Jahren sind Sie Schiedsrichter. Wissen Sie noch, wie das angefangen hat?
Walter Schmidt: Natürlich, so etwas vergisst man nicht. Ich war selbst Fußballer. Und dann habe ich mir mit 24 Jahren überlegt, dass ich auch gerne mal die andere Seite dieses Sports kennenlernen möchte, und habe eine Ausbildung zum Schiedsrichter gemacht. 1974 war das.
Inzwischen sind Sie tatsächlich über 50 Jahre dabei. Warum?
Schmidt: Der Spaß. Und die Freude. Das sind ganz wichtige Aspekte für mich. Wenn man keine Freude mehr daran hat, sollte man es lassen. Ich habe aber immer noch Spaß dabei. Bis heute.
Viele sagen, dass die Schiedsrichterei eine Schule fürs Leben ist. Sehen Sie das auch so?
Schmidt: Ich sehe es eher umgekehrt. Was ich im Leben gelernt habe, habe ich auf meine Tätigkeit als Schiedsrichter übertragen. Und wissen Sie, was für mich als Schiedsrichter immer der entscheidende Faktor war und bis heute ist?
"In meiner gesamten Karriere als Schiedsrichter habe ich genau eine Rote Karte zeigen müssen - das ist bestimmt schon 30 Jahre her"
Verraten Sie es uns.
Schmidt: Man muss zu seinen Fehlern stehen. Niemand ist fehlerfrei. Wirklich niemand. Ich habe als Schiedsrichter viele Fehler gemacht. Mal größere, mal kleinere. Wenn das der Fall war und ich es bemerkt habe, habe ich meine Entscheidung zurückgenommen und die Sache mit den Beteiligten geklärt. Danach ging es mit einem Schiedsrichterball weiter, und die Sache war aus der Welt. So halte ich es bis heute.
Nicht jede und jeder wird immer mit Ihren Entscheidungen einverstanden gewesen sein.
Schmidt: Natürlich nicht. Damit muss man als Schiedsrichter leben können. Das ist nicht immer einfach. Aber es ist der einzige Weg, um sich Respekt zu verschaffen.
Haben Sie sich auch manchmal mit roten Karten Respekt verschaffen müssen?
Schmidt: Ich verrate Ihnen jetzt etwas. In meiner gesamten Karriere als Schiedsrichter habe ich genau eine Rote Karte zeigen müssen. Das ist aber bestimmt schon 30 Jahre her.
Eine Rote Karte in 52 Jahren Schiedsrichtertätigkeit - wie geht das denn?
Schmidt: Alle wussten immer, was bei mir geht und was nicht geht. Nachdem das klar war, hat das wunderbar funktioniert.
Außer einmal offenbar.
Schmidt: Da hatte ich keine andere Wahl, als die Rote Karte zu zeigen. Ich erinnere mich noch genau an die Szene. Das war ein Derby, und ein Spieler ist dem Gegner hinterhergelaufen und hat ihm von hinten in die Beine getreten. Der Ball war weit weg. Das war eine klare Tätlichkeit. Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste ihn vom Platz schicken.
Wie schafft man es, in 52 Jahren mit einer Roten Karte auszukommen?
Schmidt: Man muss die Spieler kennen und wissen, wie man mit ihnen umgeht. Ich begrüße alle per Handschlag, wenn wir im Kreis zusammenkommen. Dann erkläre ich, wie ich das Spiel leite und wie ich die Dinge sehe. Wenn man vernünftig miteinander spricht, hilft das schon.
Und Gelb-Rote Karten?
Schmidt: Da gab es ein paar, aber nicht viele. Eine ist mir besonders in Erinnerung geblieben. In der Szene ging es darum, ob die Heimmannschaft Abstoß bekommt oder das gegnerische Team eine Ecke. Ich konnte es nicht genau erkennen und habe auf Abstoß entschieden. Dann hat ein Spieler angefangen zu meckern, dass das doch eine klare Ecke gewesen sei. Das Problem war: Dieser Spieler stand 90 Meter entfernt im eigenen Strafraum. Der konnte das niemals sehen. Ich habe ihn erst verwarnt. Aber er hat nicht aufgehört. Ich habe ihn nochmals gewarnt - einmal, zweimal, dreimal. Dann war es zu viel, und er durfte duschen gehen. Hinterher haben sich viele bei mir bedankt, weil dieser Spieler dafür bekannt war, gerne und viel zu meckern.
Sie kennen im Landkreis viele Spieler und viele Mannschaften. Hilft das?
Schmidt: Man kennt Land und Leute. Und die Leute kennen mich auch. Das macht vieles einfacher. Wenn ich die Anlage betrete, rufen die Leute: "Da kommt Walter!" Darüber freue ich mich natürlich. Für mich zeigt das die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird.
Sind aus manchen Begegnungen auch Freundschaften entstanden?
Schmidt: Ich werde nach einem Spiel auch mal auf ein Bier eingeladen. Aber das lehne ich eigentlich fast immer ab. Ich muss ja noch mit dem Auto nach Hause fahren.
"Der fußballfreie Sonntag war und ist mir heilig und gehört der Familie"
Was auch ungewöhnlich ist: Sie haben jahrzehntelang keine Sonntagsspiele am Nachmittag gepfiffen. Warum nicht?
Schmidt: Wegen meiner Frau und der Familie. Wir haben gearbeitet und wollten sonntags etwas zusammen unternehmen. Das wäre sonst kaum möglich gewesen. Außerdem wollte ich Zeit mit meinen Kindern verbringen, die mittlerweile erwachsen sind.
Das heißt: Der Sonntag war Ihr fußballfreier Familientag?
Schmidt: Genau so war es. Der fußballfreie Sonntag war und ist mir heilig und gehört der Familie.
Gab es nie den Versuch, Sie umzustimmen?
Schmidt: Bestimmt hat es solche Anfragen gegeben. Aber ich war da konsequent. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, wenn der Schiedsrichter krank geworden ist und das Spiel dann hätte ausfallen müssen, bin ich sonntags eingesprungen. Aber wie oft das vorgekommen ist, kann ich an einer Hand abzählen.
Sie werden im Dezember Ihren 76. Geburtstag feiern. Welche Spiele pfeifen Sie heute noch?
Schmidt: Eigentlich alles, was noch möglich ist. Am liebsten Alte Herren oder im Jugendbereich. Ich bin noch fit und kann gut mithalten. Wenn das irgendwann nicht mehr der Fall sein sollte, mache ich sofort Schluss. Ich werde sicher nicht der Schiedsrichter sein, der versucht, aus dem Mittelkreis heraus ein Spiel zu leiten. Das ist nicht mein Anspruch an mich selbst.
Wie oft sind Sie heute noch im Einsatz?
Schmidt: Unterschiedlich. Ich denke, dass ich im Durchschnitt zwei Spiele pro Monat leite.
Was bringt Ihnen die Schiedsrichterei fürs normale Leben?
Schmidt: Ruhe. Man lernt, Entscheidungen zu treffen. Und das in kürzester Zeit. Man lernt außerdem, nicht sofort laut zu werden. Und man lernt, zu seinen Fehlern zu stehen. Das kann man überall gebrauchen.
Wie oft sind Sie heute noch im Einsatz?
Schmidt: Mach es. Es ist eine tolle Sache. Es schadet nicht, wenn man Schiedsrichterin oder Schiedsrichter wird. Ich fahre übrigens übermorgen mit meiner Frau in den Urlaub und muss noch packen. Wir sollten also langsam zum Ende kommen. (lacht) Haben Sie noch weitere Fragen?
Ja, eine entscheidende: Wie viele Spiele haben Sie in den vergangenen 52 Jahren geleitet?
Schmidt: Puh, keine Ahnung. Ich habe pro Jahr zwischen 20 und 30 Spiele gepfiffen. Dann können Sie es ja ausrechnen.
Es sind also vermutlich zwischen 1000 und 1500 Spiele gewesen.
Schmidt: Ja, das kann hinkommen. Ich habe kein einziges davon bereut, und ich hoffe, dass das eine oder andere noch dazukommt. Ich mache das, solange ich das körperlich kann. Die Schiedsrichterei hält mich jung. Und sie macht mir unglaublich viel Spaß.
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