Ex-Häftling Hamit D.: "In der Fußballzeit habe ich mich frei gefühlt"
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"Ich bin hier so was wie das Mädchen für alles": Suat Amaç beim SV Rhenania Hamborn.[Foto: Jörn Duddeck]
Seit 40 Jahren hält Suat Amaç beim SV Rhenania Hamborn die Fäden in der Hand. Ob Kabinenplanung, Schiedsrichterbetreuung oder vergessene Fußballschuhe: "Suat Abi" ist Anlaufstelle, Organisator und Vertrauensperson.
Ein sonniger Nachmittag taucht den Kunstrassen auf der Anlage des SV Rhenania Hamborn in warmes Licht. Hier trainieren die Jugendmannschaften: Der Ball rollt, Spieler rufen nach Pässen, ein Schuss knallt gegen das Tor. Die Trainer geben Anweisungen, klatschen in die Hände, korrigieren Laufwege. Zwischen Kabinen, Platz und Vereinsheim ist einer beinahe ununterbrochen unterwegs: Suat Amaç. Mal bringt er Trainingsleibchen, organisiert eine Kabine oder begrüßt einen Schiedsrichter - ständig ist er in Bewegung. Wer etwas braucht, weiß sofort, an wen er sich wenden muss. Viele nennen ihn "Suat Abi", das heißt "Bruder Suat". Ein Spitzname, der Nähe und Respekt zugleich ausdrückt.
"Auf dem Platz sprechen wir alle dieselbe Sprache: Fußball"
"Eigentlich bin ich hier so was wie das Mädchen für alles", sagt Amaç und lacht. "Ich bin die Anlaufstelle für Kabinenplanung, Gastmannschaften und Schiedsrichter." Seit rund 40 Jahren gehört der 64-Jährige zum SV Rhenania Hamborn. Was einst als aktive Spielerzeit begann, wurde mit den Jahren zu einer Lebensaufgabe. Heute organisiert Amaç nahezu alles rund um Training, Spiele und Vereinsleben - vom Materialdienst bis zur Koordination der Spieltage.
Der SV Rhenania Hamborn ist der größte Fußballverein im Duisburger Norden: 26 Mannschaften, fast 600 Mitglieder, Spielerinnen und Spieler aus mehr als 30 Nationen. Für viele Kinder und Jugendliche ist der Verein mehr als nur ein Sportklub, er ist ein zweites Zuhause. Amaç sagt: "Auf dem Platz sprechen wir alle dieselbe Sprache: Fußball."
Bekim Nuraj, der aktuell die D1-Jugend trainiert, kennt ihn seit fünf Jahren. "Jeder kommt zu Suat", sagt er. "Schuhe vergessen, T-Shirt, Mütze - kein Problem, er organisiert alles." Vieles regelt Amaç, noch bevor überhaupt jemand danach fragt: Leibchen sind oft schon Monate im Voraus besorgt, Kabinen früh geöffnet und "picobello" vorbereitet. "Das, was er leistet, ist nicht bezahlbar", sagt Nuraj.
Suats Tag beginnt lange vor dem offiziellen Trainingsstart um 17 Uhr. "Er ist schon um 15 Uhr da - der Erste, der aufschließt, der Letzte, der abschließt", so Nuraj. Früher kümmerte sich ein Vorgänger vor allem um zwei Herrenmannschaften. Heute stemmt Amaç die Organisation von 26 Teams. Seine Wege führen ihn unzählige Male über die Anlage. An Spieltagen ist seine Präsenz besonders spürbar. Nuraj: "Schiedsrichter suchen nur Suat. Essen, Trinken, Kabine, Schlüssel - alles läuft über ihn." Und weiter: "Ohne Suat würde der Verein große Probleme bekommen - genau so jemanden braucht man."
Auch schwierige Situationen gehören dazu: Konflikte zwischen Mannschaften, emotionale Spieltage oder Beleidigungen von außen. "Manchmal gibt es Beleidigungen oder Streit, dann versuche ich zu vermitteln", sagt Amaç, Seine Familie ist ebenfalls Teil des Vereinslebens. Ehefrau Zeynep hilft regelmäßig im Kiosk und unterstützt die Vereinsarbeit.
In vier Jahrzehnten hat Suat Amaç mehrere Spielergenerationen begleitet. Aus Jugendspielern wurden Senioren, aus Nachwuchsspielern Trainer oder Väter am Spielfeldrand. Amaç blieb stets Konstante und Bindeglied zwischen Generationen, Kulturen und Mannschaften Ein herausragendes Beispiel ist Wisdom Mike, der von den Bambini bis zur E-Jugend bei Rhenania spielte. Aus einer Flüchtlingsfamilie stammend, wurde der Deutsch-Nigeraianer sportlich, schulisch und persönlich vom Verein gefördert.
Seit September 2025 steht der 17-Jährige im Profikader von Bayern München. Im September feierte der Offensivmann sein Bundesligadebüt beim 4:0 gegen den SV Werder Bremen - als zweitjüngster Bayern-Debütant. Amaç sah Mikes Talent früh: "Er war auffällig selbstbewusst, ein Rohdiamant." Nuraj ergänzt: "Wir haben immer enormen Wert darauf gelegt, dass er schulisch und menschlich vorankommt. Fußball kann schnell enden." Ein Prinzip, das Rhenania seit mehr als 20 Jahren mit Nachhilfeangeboten umsetzt.
Der Verein versteht sich zudem als soziale Institution. Amaç begleitet oder organisiert Schulkooperationen, Fußball-AGs an acht Grundschulen, Projekte in zwei Bewegungskindergärten, Feriencamps und Nachhilfeangeboten. Das trägt Früchte. "Über Schulen und Kitas stellen wir Kontakt her zu Spielerinnen für unsere sechs Mädchenmannschaften", sagt er. Vielleicht ist ihm dieser Gedanke auch deshalb so wichtig, weil er seinerzeit selbst über den Fußball Anschluss fand. Als Zwölfjähriger kam er aus der Türkei nach Deutschland, auf dem Platz fand er schnell Gemeinschaft und Orientierung.
Nach vier Jahrzehnten beim SV Rhenania Hamborn ist Amaç nun für viele Mitglieder mehr als nur ein Helfer im Hintergrund. Bekim Nuraj fasst es so zusammen: "So jemanden findet man nicht in vielen Vereinen. Ohne Suat würde hier vieles gar nicht funktionieren." Deshalb hoffen sie im Verein, dass Suat noch viele Jahre dabei bleibt. Eine Grenze setzt er sich nicht: "Der Verein ist wie eine Familie, ich freue und leide mit. Und ich mache weiter, solange ich kann."
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