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"Wir kommen zu euch": Das DFB-Mobil zu Gast bei der SG Insel Rügen.[Foto: Robert Biernat/Picture Alliance]
Die 30 DFB-Mobile tragen die Ideen der Trainingsphilosophie Deutschland bis in die äußersten Winkel des Landes. Überzeugungsarbeit in den Vereinen gilt es zu leisten, um Skepsis und Vorbehalten zu begegnen. Doch die werden weniger, die Akzeptanz nimmt zu, bei den Kindern schneller als bei den Erwachsenen. Das ist hoch im Norden, bei der SG Insel Rügen, nicht anders.
Paul Kuring hat eine Bitte, nur diese eine. "Wir können über alles sprechen", sagt er. "Nur nicht über gestern Abend." Gestern Abend, das war der schwarze Tag, an dem sich die deutsche Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Paraguay gesenkten Hauptes aus dem Turnier verabschiedete. Ein Stich ins Herz vieler Fans und vieler Fußballtrainer, wie Kuring einer ist. Der 38-Jährige ist DFB-Stützpunktkoordinator in Mecklenburg-Vorpommern und versucht an diesem Nachmittag in Binz auf der Ostseeinsel Rügen gerade, die Zukunft des deutschen Fußballs mitzugestalten.
"Erst mal hundert Mal jonglieren - wer es nicht schafft, kann gleich wieder heim"
Vor ihm sitzen zehn Männer der SG Insel Rügen, allesamt Trainer aus Binz, aus dem benachbarten Bergen und Umgebung. Kuring spricht zu ihnen im Vereinsheim über das, was der DFB "Trainingsphilosophie Deutschland" nennt. Ein radikaler Reformansatz in der Kinder- und Jugendarbeit, der durch das WM-Aus eine neue Dynamik erfährt, Kuring die Arbeit an der Basis aber nicht erleichtert. Die Gemüter in den Stühlen vor ihm schwanken zwischen Aufbruch und Kopfschütteln. Was den Optimismus nährt, sind die vergangenen anderthalb Stunden, in denen der DFB-Mann den Ansatz in einem Demo-Training veranschaulicht hat.
Es ist später Nachmittag. Versteckt hinter Bäumen liegt an der Hauptstraße nach Binz das Stadion der Einheit, der Spielplatz der SG Insel Rügen. Ein paar hundert Meter weiter schwappt die Ostsee an die Promenade des Badeorts. Die Stimmung an diesem frühen Abend ist südlich: Blauer Himmel, ein paar gemalte Wolken, dazu eine leichte Brise, die nacheinander 20 Jungs aus der C-Jugend der SG ins Stadion weht. "Erst mal hundert Mal jonglieren", begrüßt sie ihr Trainer Stefan Satzel. "Wer es nicht schafft, kann gleich wieder heim." Die Jungs zeigen sich unbeeindruckt und lächeln den Scherz weg. In ihrem Schlepptau kommen auch ein paar Eltern ins Stadion und nacheinander zehn Trainer aus dem Ferienort und seiner Nachbarschaft, für die Kuring das Training eigentlich auf die Beine gestellt hat. Es soll sie schulen, inspirieren und überzeugen.
Der Job ist nicht ohne. Groß sind die Vorbehalte gewesen, als der DFB seine Reformen für den Kinderfußball und für das, was am Spieltag passiert, vor knapp drei Jahren vorgestellt hat. Die Einführung des Mini- und Mehr-Tore-Formats für die jüngeren Jahrgänge, die Umstellung der Übungen auf kleine Trainingsgruppen, kleine Felder, kleine Tore. Dazu die Einteilung in Spielund Technikblöcke, um das Kernmotiv der Umwälzung zum Leben zu erwecken. Es geht darum, so Kuring, "den Kids die Basics des Fußballs wieder näherzubringen und sie in erster Linie wieder ins Spielen zu bringen."
Der DFB hat diesen neuen Ansatz mit drei Begriffen eingeklammert: Freude, Intensität, Wiederholung. Freude durch viele Ballkontakte, viele Tore, viel Bewegung. Intensität durch verkleinerte Übungsformen. Und die gezielte Wiederholung aller Übungen, um das Einverleiben der Kunstfertigkeiten des Fußballs zu fördern. Dieses Dreigestirn soll den Weg zur Revitalisierung des deutschen Fußballs ausleuchten. In Binz haftet es in Gestalt eines Info-Plakats an einem Fahrzeug, das auf der Tartanbahn in der Sonne steht. Es ist ein Kleintransporter, das sogenannte "DFB-Mobil".
Mit dem fährt der Verband seit fast zwei Jahrzehnten schon seine Ideen und Pläne zu den Vereinen. Meist zu denen in den Provinzen. "Wir kommen zu euch", steht aufgedruckt an der Karosse. Um das Gefährt versammeln sich die Trainer, während Kuring die C-Jugend-Spieler bereits aufwärmt. Vereinspräsident Ralf Reinbold hält vor dem Halbkreis eine kleine Rede, begrüßt die Kollegen, erklärt, worum es bei dem Schau-Training gehen soll, und versucht es mit einem Scherz. Warum das Ganze an diesem Sommer-Sonne-Ostsee-Nachmittag? "Um uns auf die WM 2034 vorzubereiten." Es wird verhalten gelacht.
Der Glaube, dass sich bis dahin wirklich etwas gravierend ändert, hält sich immerhin die Waage mit Neugier und wachsendem Interesse. Für Achim Grahl ist das schon ein Erfolg. Seit 16 Jahren fährt der 62-Jährige das DFB-Mobil durch Mecklenburg-Vorpommern. Drei- bis viermal pro Woche steuert er Vereine, Grundschulen und Sportplätze zwischen Ostsee und Seenplatte an. Im Laderaum: Bälle in verschiedenen Größen, Mini-Tore, Funiño-Tore, Hütchen, Kappen, Leibchen und Infomaterial.
Grahl und sein Mobil kann man anfragen. Hat Kuring Zeit, kommt er mit. Ansonsten unterstützen ihn zehn Helfer, "Teamer" genannt, alle lizenzierte Fußball-Ausbilder, die zusammen nicht nur Trainingstheorien, Impulse und Informationen ausfahren, sondern auch einen Kulturwandel. Grahl nennt sein Fahrzeug deshalb "Verbindungsvehikel zwischen DFB und Basis" und gerät ins Schwärmen: "Ein besseres Transportmittel, um die Ideen des Verbandes in die Vereine zu bringen, gibt es nicht." Dabei passt sich seine Fracht dem jeweiligen Zeitgeist an. Die, die er seit vier Jahren ausfährt, schätzt er für ihren Ansatz, wieder zu den Grundlagen des Fußballspielens zurückzukehren. Eine Abkehr vom Fortschritt ist das in seinen Augen nicht, sondern eine Rückbesinnung auf das, was allein zählt im Kinder- und Jugendalter. Nämlich viel am Ball sein, Tore schießen, schwitzen, fighten, jubeln.
Denn wo ist er hin, der Instinktfußballer, der nicht viel anderes im Sinn hatte, als von früh bis abends zu kicken, zu zocken und sich auf Äckern, in Käfigen oder Hinterhöfen mit anderen zu messen? Nicht im 7-gegen-7 oder 11-gegen-11 oder beim Rondo, auch als Eckchen oder Kreisspiel bekannt, bei dem es keine Tore gibt und "wir in Schönheit beim Training gestorben sind", wie Kuring es ausdrückt. In diese Sehnsucht gehören auch nicht die früh eingeführten Taktikvorgaben oder das starre Zuweisen von Positionen, wie es bis vor ein paar Jahren in den Vereinen und den Nachwuchszentren der Profiklubs Usus war. Auch beim DFB, an seinen Stützpunkten, in denen die meisten Spieler der aktuellen Nationalmannschaft ausgebildet worden sind.
"Im Grunde versuchen wir, den Verlust der Käfigkultur aufzufangen und im modernen Kinder- und Jugendtraining zu erneuern"
Was den Käfig, die Straße oder das Schulranzenfeld auf der Wiese ausmacht, ist der enge Raum. Immer am Ball, immer im Zweikampf, immer auf Torejagd, um jene Skills zu entwickeln, deren Verlust in den Debatten um Wohl und Wehe des deutschen Fußballs gerade beklagt wird. Kuring sagt: "Im Grunde genommen versuchen wir, den Verlust der Käfigkultur aufzufangen und im modernen Kinder- und Jugendtraining zu erneuern." Es heißt, einen Tanker bringt man nicht so leicht zum Kentern. Ihn wiederaufzurichten, aber auch nicht. "Ist so", sagt Grahl, der an seinem Fahrzeug lehnt und Kuring dabei zuschaut, wie der das Training ordnet, die Abläufe moderiert, anfeuert, Fehler aufzeigt und Gelungenes lobt.
Ein paar Meter weiter raunt einer der umstehenden Trainer einem anderen zu: "Warum schreit der so?" Grahl lächelt in sich hinein. Er kennt die Skepsis. "Am Anfang war es schwer, die neue Philosophie in die Vereine zu bringen", sagt er. "Mittlerweile steigt die Akzeptanz." Auch Satzel, der Trainer der Binzer Teenager, nimmt den Wandel wahr. Vor allem bei den Kindern. "Die nehmen das super an“, sagte er. "Die Erwachsenen tun sich hingegen noch schwer." Warum? "Sie halten an dem fest, was sie von früher kennen."
Dass es ehedem und damals alles besser war, ist ein klassischer Abwehrreflex bei Überforderung. Das zeigt sich auch bei der Nachbereitung des Demo-Trainings, als Kuring davon spricht, dass es bei den Übungen oft jede Menge Bälle braucht, damit die Kinder dem einen, der aus dem Feld fliegt, nicht unnötig hinterherlaufen und so Trainingszeit vergeuden. "Haltet die Kinder in der Trainingsform", sagt der DFB-Mann. Aus den Stuhlreihen steigt ein leises Stöhnen auf.
Der frühere Nachwuchsleiter von Hansa Rostock und seine Mitstreiter preisen das bei ihrer Arbeit mit ein. "Das dauert, aber es wird langsam", sagt Kuring und wünscht sich die gleiche Geduld auch bei allen, denen es mit dem neuerlichen Umstülpen und Herumwirbeln des deutschen Fußballs nicht schnell genug gehen kann. Es ist ja schließlich nicht so, dass das Umdenken nicht schon eingesetzt hat, es dauert eben nur, bis man das sehen kann. "Zehn, zwölf Jahre", sagt Kuring, "dann können wir beurteilen, was der neue Ansatz bewirkt hat."
Ob das freilich ausreicht, um es zurück in die Weltspitze zu schaffen? Toralf Lange schwankt zwischen Zuversicht und Zweifeln. Lange ist einer der Trainer, die sich das Vorführtraining anschauen. Der 55-Jährige ist der sportliche Leiter der SG Insel Rügen, trainiert die Männermannschaft des Vereins und ahnt, dass die Herausforderungen größer sind als jede neue Trainingsform. Auch wenn er findet, dass die DFB-Ideen eine gute Richtung einschlagen, leichte Kopfschmerzen bereitet ihm die Zukunft trotzdem. Kleiner werdende Geburtenraten. Mehr Konkurrenz durch Daddeln, Rumhängen und Trendsportarten. Und eine Gesellschaft, die sich grundsätzlich verändert. Lange macht es an einem Beispiel fest, den Vereinskabinen. "Die war für uns früher alles, unsere Welt, dort drin wurden wir zum Haufen", sagt er am Rande des Trainings. Heute, berichtet er, kommen manche Kids schon in Trainingskleidung und gehen später sofort nach Hause. "Wie soll da Gemeinschaft entstehen, die füreinander durchs Feuer geht?"
Dass das auch der DFB nicht umkrempeln kann, liegt auf der Hand. Andere Nationen zeigen aber, dass man mit diesen Umständen ganz gut leben - und trotzdem erfolgreich Fußball spielen kann. Ein Schulterschluss zwischen DFB, Basis und Profifußball, um sich den neuen Trainingsansätzen zu öffnen, meint Kuring, kann deshalb tatsächlich den Kurs im deutschen Nachwuchsfußball entscheidend drehen. Im Kleinen scheint es aufzugehen, als die Sonne sich übers Stadion der Einheit senkt und Kuring das Training abpfeift. Arm in Arm posieren der DFB-Mann, seine Helfer, die angereisten Trainer und Jugendspieler danach für ein gemeinsames Foto vor Grahls Mobil. Vielleicht ja mit einem darunter, der was für die WM 2034 ist.
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