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Interview|07.08.2012|09:00

Uwe Hück: Vorbild mit großem Bizeps

Ex-Thaibox-Europameister, Porsche-Aufsichtsrat und Fußball-Ehrenamtler: Uwe Hück. [Foto: DFB]

Uwe Hück ist eine Naturgewalt. 107 Kilogramm. Muskelpakete. Zweimal war er Thaibox-Europameister. Heute schlägt er mit Worten zu. Hück ist Betriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Porsche, gilt als knallharter Verhandlungsführer und begabter Redner. Damit nicht genug: Der 50-Jährige engagiert sich in der SPD und der IG Metall - und er ist Vorsitzender des FSV Buckenberg, eines Sportvereins aus Pforzheim, dessen Fußballer in der Kreisliga spielen.

Aufgewachsen im Kinderheim, hat sich Hück eindrucksvoll nach oben gekämpft. Für seine ehrenamtliche Tätigkeit und seinen Einsatz im Bereich Integration wird er am 15. August vor dem Länderspiel gegen Argentinien vom DFB im Frankfurter Römer ausgezeichnet. Er gehört zu insgesamt sechs Preisträgern aus dem "Club der 100", dem Ehrenamtler mit besonderen Verdiensten angehören. Im Interview spricht Uwe Hück über die Lehren seiner harten Kindheit, die Bedeutung von Integration, die Kraft des Fußballs sowie die Gewichtung von Seele und Bizeps.

Herr Hück, den Betriebsratsvorsitzenden und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden von Porsche erwartet man eher beim großen Fußball als im Vorstand eines Kreisligisten.

Uwe Hück: Ich habe viele Jahre im Kinderheim verbracht. Ich habe meine Eltern sehr früh verloren. Ich habe keine Bilder von ihnen, keine Geburtsurkunde. Ich kam damals mit einem kleinen Koffer in Pforzheim an. Als Kind fragt man sich: Was macht überhaupt noch Sinn? Irgendwann habe ich dem lieben Gott versprochen, dass ich, wenn ich groß und stark bin, mich um andere kümmern werde. Das muss ich jetzt einhalten. Ich bekommen viele Einladungen, vom VfB Stuttgart oder auch Bayern München, aber ich habe wenig Zeit. Ich sitze auch ungern. Und: Mit Großkopferten sitze ich den ganzen Tag zusammen.

"Man muss das Ehrenamt fördern. Das ist zu wenig der Fall und stört mich kolossal"

Wie sind Sie Vorsitzender des FSV Buckenberg geworden?

Hück: In Pforzheim gab es ein Problemviertel, in dem 14.000 Spätaussiedler leben. Dort hat sich nicht mal mehr die Polizei reingetraut. Die Stadtverwaltung hat mich gefragt, ob ich mich einschalten und mit um das Viertel kümmern kann. Das habe ich gemacht, später den Vorsitz des FSV übernommen, dort Thaiboxen als zusätzliches Angebot geschaffen. Ich kann Motivator für die jungen Leute sein, das macht mir Spaß. Man spürt auch die Wirkung: Die Jugendkriminalität zum Beispiel ist deutlich zurückgegangen. Junge Menschen sind Diamanten, man muss sie nur abstauben und schleifen.

Porsche, Politik, Gewerkschaft, Vereinsvorsitzender, Trainer, dazu eine Familie mit drei Kindern: Wie pressen Sie all das in 24 Stunden?

Hück: Ich habe 1990 meinen letzten Urlaub gemacht, meine Hochzeitsreise. Ich gehe an Schulen, wir haben Förderjahre für Jugendliche ins Leben gerufen, im September veröffentliche ich ein Buch, dessen Erlöse an mein altes Kinderheim gehen. Ich mache fünfmal die Woche Sport. Ich stehe ständig unter Strom, ich brauche das. Entspannung hole ich mir, wenn ich im Ring stehe oder wenn ich über den Fußballplatz gehe und den jungen Leuten beim Spielen zuschaue.

Welchen Reiz übt das Ehrenamt auf Sie aus?

Hück: Ich lebe im Wohlstand, ich habe also eine Verpflichtung. Solidarität heißt: Wer hat, gibt - er nimmt nicht. Man muss das Ehrenamt fördern. Das ist zu wenig der Fall und stört mich kolossal. Das Ehrenamt ist die Seele unseres Landes. Wenn einem Körper die Seele fehlt, nutzt der stärkste Bizeps nichts. Der Sport ist es, der soziale Kompetenz vermittelt. Dort lernt man zu gewinnen und zu verlieren, sich anzustrengen, und man trägt manche Narbe davon. Die soziale Funktion müssen wir noch stärker in den Fokus rücken, auch im Fußball.

Welche Aspekte des Ehrenamts helfen im Beruf?

Hück: Ganz wichtig ist Teamgeist. Wenn bei uns im Betrieb samstags gearbeitet wird, verabschiede ich jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter persönlich an der Pforte. Wer in verantwortlicher Position ist, muss das vorleben. Ich kann nicht sagen "Ihr müsst mehr tun" - und ich mache auf Sonnenbrille und Liegestuhl. Weitere Aspekte sind Fairness und Leidensfähigkeit. Man beißt auf die Zähne und humpelt auch mal zur Arbeit, so wie man auch mal aufs Spielfeld humpelt. Eines steht für mich fest: Im Verein kann man mehr für die Arbeit lernen als umgekehrt.

Wie sehr hat Ihnen als Heimkind der Sport geholfen?

Hück: Der Sport hat mir Halt gegeben in einer Situation, in der ich vieles nicht verstehen konnte. Ein Erzieher im Kinderheim hat mit mir damals Armdrücken gemacht. Er hat gewonnen und mir gesagt, dass ich ihn schlagen kann, wenn ich etwas tue. Irgendwann habe ich ihn bezwungen. Als ich später beim Thaiboxen gelandet bin, habe ich gemerkt, dass mir die Leute zujubeln, obwohl ich kein anderer Mensch war als vorher. Der Sport hat mir Kraft gegeben und mir geholfen, mein Rückgrat zu stärken.

Warum ist Integration Ihr besonderes Steckenpferd?

Hück: Ich weiß, wie es ist, an der Schule gemieden zu werden. Mir wurde an der Grundschule und Hauptschule prognostiziert, dass ich unter der Brücke lande. Ich fühle viel für andere Menschen, die einen anderen Hintergrund haben, der es ihnen schwer macht. Wir können es uns nicht leisten, auf Integration zu verzichten. Keine Integration heißt: soziale Brennpunkte, Jugendkriminalität und junge Menschen, die keinerlei Verantwortung für das Land spüren, in dem sie leben. Ich halte das übrigens auch für einen wichtigen Punkt in der aktuellen Sicherheitsdiskussion im Fußball. Hier müssen Vereine und Politik ansetzen, nicht erst im Stadion.

Sie waren zweimal Europameister im Thaiboxen. Welchen Bezug haben Sie zum Fußball?

Hück: Ich habe früher selbst gespielt - und das sehr gerne. Ich war Stürmer, nicht der beste Techniker, aber ich konnte viel laufen. Ich habe mich dann für den Kampfsport entschieden, weil ich dort schnell zu Erfolgen kam und Geld verdienen konnte. Mit meiner rauen Art habe ich mich dort schnell zurechtgefunden. Am Fußball gefallen mir zwei Dinge. Erstens: Er macht keine sozialen Unterschiede, es zählt nur Leistung. Zweitens: Der Fußball begeistert junge und alte Menschen gleichermaßen, bietet ihnen eine Heimat und setzt Regeln.

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