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Freistoß Lienke (9), links Hoßbach[Foto: TomS]
Historische Sensation in der 2. Stadtklasse: Der FSV Kühnhausen II stürzt den bis dato ungeschlagenen Spitzenreiter FSV Harz 04 Erfurt vor 40 Zuschauern mit 5:3! Der überragende Mann des Nachmittags war Stürmer Andreas Lienke, der alle fünf Tore für die Gastgeber erzielte und eine irre Kabinenwette im Offensivspektakel einlöste.
FSV Kühnhausen II – FSV Harz 04 Erfurt 5:3 (3:2)
2. Stadtklasse Erfurt, Staffel II – 26. Spieltag
Samstag, 17.05.2008, 14:00 Uhr – Sportplatz Kühnhausen
FSV II: Frank – Ruhe, Hoßbach, Werner, Görnhardt, Bodenstein (GK), Pflaum, Arnold (70. Michl), Lienke, Reichl, Angermann (60. Recke).
Harz 04: Natradze (GK) – Schütze (46. Glatzel), Heym, Dehling, Gerhard – Clasen, Will (87. GRK) – Beckert, Steffenhagen – Carstens, Schönemann (GK).
Schiedsrichter: Albrecht (TSV Mittelhausen)
Zuschauer: 40 (später 100)
Fünf Tore von Lienke und eine Mannschaft, die den ungeschlagenen Harz 04 bezwingt
Es war einer dieser Samstagnachmittage, an denen der Amateurfußball seine ganz eigenen Geschichten schreibt.
40 Zuschauer waren am 17. Mai 2008 zunächst auf dem Sportplatz in Kühnhausen dabei, als der FSV Kühnhausen II den FSV Harz 04 Erfurt empfing. Auf dem Papier war es der 26. Spieltag der 2. Stadtklasse Erfurt, Staffel II. In der Tabelle war es ein weiteres Saisonspiel mit dem klaren Favoriten aus Erfurt. Am Ende aber stand ein Ergebnis, an das sich die Beteiligten noch lange erinnern sollten.
5:3.
Der Gegner war bis zu diesem Tag ungeschlagen und hatte gerade erst den entscheidenden Spiel um den Staffelsieg hinter sich. Doch die Erfurter reisten offensichtlich ohne den richtigen Biss und sichtlich geschwächt durch zahlreiche Absagen und Ausfälle an. Für die Harz-Kicker gab es an diesem Nachmittag nicht viel zu holen, während Kühnhausen II die Gunst der Stunde nutzte.
Der entscheidende Mann des Nachmittags war ohne Frage Stürmer Andreas Lienke, der alle fünf Kühnhäuser Treffer erzielte. Doch wer dieses Spiel nur als persönliche Lienke-Gala beschreibt, wird der Partie nicht gerecht. Denn hinter den fünf Toren stand eine Mannschaft, die nach jedem Rückschlag wieder aufstand und die nach dem letzten Lienke-Treffer noch einmal eine ganz andere Aufgabe zu erledigen hatte: Das eigene Tor sauber zu halten. Und genau das tat sie. Nach dem 5:3 fiel kein weiterer Gegentreffer mehr.
Die Partie begann extrem schwungvoll und mit einer Häufung an Toren, die Zuschauer und Beteiligte zwischendurch an artverwandte Sportarten wie Handball oder Eishockey erinnern musste. Bereits in den ersten 21 Minuten fielen fünf Tore. Nachdem sich in den ersten Minuten des Spiels beide Mannschaften noch in der abwartenden Defensive befanden, startete Kühnhausen als erste Mannschaft mit dem munteren Scheibenschießen.
Fünf Minuten zu spät und trotzdem sofort da!
Die Geschichte begann für Lienke zunächst mit einem kleinen Fehlstart. Der Stürmer kam fünf Minuten zu spät zum Treffpunkt und musste eigentlich mit einer Strafe von zwei Euro rechnen. Doch statt sich über die Strafzahlung zu ärgern, wurde kurzerhand ein anderes Modell vereinbart: 50 Cent pro Tor. Was zu diesem Zeitpunkt wie ein kleiner Mannschaftsspruch ausgesehen haben dürfte, entwickelte sich innerhalb von 75 Minuten zu einer erstaunlichen Wette. Denn Lienke, als schlechter Verlierer bekannt, hatte offenbar vor, seine Rechnung auf dem Platz zu begleichen. Der am Samstag wohl gut ausgeschlafene Stürmer bewies der neu formierten Harz-Abwehr im Verlauf der Partie eindrucksvoll, wie es aussieht, wenn eine Defensive neu formiert ist: Ein ums andere Mal überrannten er und seine Mitspieler wie Reichl und Angermann die Verteidigung, die in der Regel nur zweiter Sieger in den Zweikämpfen war.
1:0 – ein Auftakt mit Klasse
In der 9. Minute setzte Lienke das erste Ausrufezeichen. Ein langer Ball kam aus der eigenen Hälfte geschlagen in seine Richtung. Lienke lupfte den Ball aus der Luft über seinen Gegenspieler hinweg und schloss vom rechten Sechzehnereck volley ab. Der Ball schlug im linken Kreuzeck ein, was für ein absolutes Traumtor. 1:0 für Kühnhausen. Die Mannschaft hatte damit früh gezeigt, dass sie sich gegen den ungeschlagenen Gegner keineswegs verstecken wollte. Und im Tor konnte sich der Kühnhäuser Keeper Frank nun erst einmal darauf einstellen, dass auf ihn ein arbeitsreicher Nachmittag zukommen würde.
Harz 04 ließ sich vom Rückstand nicht beeindrucken. In der 13. Minute fiel der Ausgleich. Es war ein schöner Zwischentreffer von David Schönemann, der einen weiten Abschlag von Torhüter Gocha Natradze gekonnt mit einem gefühlvollen Schieber ins rechte Eck zu verwerten wusste. 1:1. Doch dieser Treffer war für die Gäste nicht der nötige Wachmacher. Kühnhausen hatte längst die Schwachstellen in der Erfurter Hintermannschaft entdeckt, gewann deutlich mehr Zweikämpfe und hatte an diesem Nachmittag noch viel vor. Lienke hatte offenbar noch lange nicht genug.
2:1 – Lienke zieht vier Mann auf sich
Nur eine Minute später (14. Minute) bekam Lienke den Ball im Bereich des Sechzehners. Was danach folgte, war eine der auffälligsten Einzelaktionen der Partie. Vier Verteidiger stellten sich ihm entgegen. Lienke setzte zu einem Dribbling an, ging vorbei. Er zog weiter in den Fünfmeterraum und spielte auch noch Torwart Natradze aus und schob den Ball zur erneuten Führung ein. 2:1. Immer wieder tauchte Lienke frei vor dem Kasten auf, nachdem der FSV Kühnhausen gekonnt schnell über die Außen angegriffen hatte, während Harz-Keeper Natradze bei den deutlichen Gegentreffern meist völlig ohne Chance war.
Doch bei aller individuellen Klasse war es auch ein Moment, in dem Kühnhausen genau das zeigte, was die Mannschaft an diesem Tag auszeichnete: Mut nach vorne. Harz spielte zwar phasenweise gefällig, aber insgesamt viel zu langsam. Zudem hatten die Gäste offensichtlich erhebliche Probleme mit den Kühnhäuser Platzbeschaffenheiten. Viele unnötige Ballverluste nach schlampigen Pässen waren die Steine im Getriebe, die den sonst im Saisonverlauf bisher so gut laufenden Harz-Motor komplett aus dem Takt brachten.
3:1 – und wieder ist keiner in der Lage, ihn zu stoppen
In der 18. Minute war Lienke schon wieder unterwegs. Wieder nahm er den Ball im Bereich des Sechzehners auf. Wieder stellte sich die Harzer Abwehr um Heym und Schütze ihm entgegen. Und wieder fand sie einfach keine Antwort. Er bewegte sich durch die gegnerische Abwehr, als würde er die Lücken bereits sehen, bevor sie überhaupt entstanden. Vier Gegenspieler waren schließlich zwischen ihm und dem Tor gewesen, doch keiner bekam entscheidenden Zugriff. Lienke erreichte den Fünfmeterraum und brachte den Ball über die Linie. 3:1.
Drei Treffer nach gerade einmal 18 Minuten. Die Harzer Abwehr war völlig überfordert. Der damalige Spielbericht des FSV Harz 04 sollte später von einer Lehrstunde von Stürmer Lienke sprechen. Und die ersten 18 Minuten lieferten dafür reichlich Argumente.
Doch Harz 04 bleibt gefährlich
Kühnhausen hatte einen perfekten Start erwischt. Aber eine Mannschaft, die eine komplette Saison ungeschlagen geblieben war, verschwindet nicht einfach so aus einem Spiel. Harz reagierte prompt auf den deutlichen Rückstand. Im Sturm fehlte den Gäste an diesem Tag zwar die gewohnte Durchschlagskraft und Ballsicherheit der Stammspieler Uyar und Sonntag, doch Abwehrspieler Florian Dehling sprang in die Bresche. In der 19. Minute verkürzte er per starkem, direkt verwandelten Freistoß auf 3:2.
Nur zwei Minuten später, in der 21. Minute, schlug Dehling per Standard erneut eiskalt zu: Mit seinem zweiten direkt verwandelten Freistoß des Nachmittags stellte er den Anschlusstreffer her. Plötzlich war das Spiel wieder völlig offen. Hier zeigte sich erstmals die andere Seite des Kühnhäuser Auftritts. Die Mannschaft konnte nicht nur nach vorne spielen. Sie musste jetzt auch leiden. Und sie tat es gemeinsam. Die Abwehr um Ruhe, Hoßbach, Werner und Görnhardt bekam immer mehr Arbeit, das Mittelfeld musste die Räume im Zentrum schließen, und im Tor war nun volle Konzentration gefragt. Gerade in dieser Phase war es wichtig, dass Kühnhausen trotz des schnellen Rückschlags nicht die Ordnung verlor. Clasen und Will spielten im zentralen Erfurter Mittelfeld zwar stark am Ball, der letzte Pass in die Spitzen blieb jedoch meist aus – auch, weil Schiedsrichter Albrecht die "gesunde Härte" etwas überstrapazierte. Die Mannschaft hielt zusammen und brachte die knappe Führung in die Pause.
Halbzeit: Drei Tore von Lienke, aber noch lange nichts gewonnen
Für Lienke standen bereits drei Treffer auf dem Konto. Doch für die Mannschaft war klar: Es waren noch 45 Minuten zu spielen. Harz 04 hatte sich zurückgekämpft. Ein einziges Tor würde den Ausgleich bedeuten. Kühnhausen musste also weiter nach vorne gefährlich bleiben, gleichzeitig aber verhindern, dass der Gegner seine Aufholjagd vollenden konnte. Es war genau die Art von Spiel, in der nicht nur ein Stürmer entscheidet. Es war jetzt kollektive Mannschaftsarbeit gefragt. Die Gäste wechselten zur Pause: Für Schütze kam Glatzel in die Partie.
4:2 – Lienke hat auch beim ruhenden Ball eine Idee
Nach der Pause blieb die Partie extrem umkämpft. Harz drängte mit aller Macht auf den Ausgleich, während Kühnhausen auf Umschaltmomente lauerte. Die Außen Steffenhagen und Beckert rannten zwar viel, konnten aber letztlich wenig ausrichten. In der 54. Minute bekam Lienke schließlich die Chance, seine persönliche Ausbeute weiter zu erhöhen. Es war eine Standardsituation. Und statt die Aktion zu einem gewöhnlichen Freistoß zu machen, entschied sich Lienke für eine freche Variante.
Während sich die Harzer Defensive auf einen klassischen, hoch in den Strafraum geschlagenen Ball einstellte, schoss Lienke den Freistoß überraschend direkt und mit viel Gefühl auf das Tor. Der Erfurter Schlussmann Natradze spekulierte auf die Flanke, was ein Fehler war, kam einen Moment zu spät mit den Fäusten da, und der Ball fand seinen Weg direkt ins Netz. 4:2. Lienkes vierter Treffer an diesem Tag. Wieder hatte der Stürmer bewiesen, dass er ein Spiel perfekt lesen und den Gegner mit einer unerwarteten Lösung überraschen konnte.
Kühnhausens Abwehr bekommt keine Pause
.Harz 04 gab sich jedoch immer noch nicht geschlagen. In der 60. Minute brachte Kühnhausen Recke für Angermann. Die Gastgeber mussten in den folgenden Minuten Schwerstarbeit verrichten. Die Defensive rückte enger zusammen, warf sich in jeden Schuss und klärte die Bälle resolut aus der Gefahrenzone. Bodenstein holte sich in dieser Phase die Gelbe Karte ab. Gerade solche Phasen werden in einem Spiel mit fünf eigenen Toren gerne übersehen. Aber ohne ein Mittelfeld, das unzählige Meter machte, und eine Verteidigung, die resolut dazwischenging, hätte auch Lienkes Gala nicht zum Sieg gereicht.In der 66. Minute schlug der Tabellenführer dann doch wieder eiskalt zu. Und wieder war es eine Standardsituation, bei der Harz an diesem Samstag seine Stärke bewies – eine Qualität, für die bisher eher der diesmal fehlende Ilia Gruev und Sturm-Talent Florian Sonntag bekannt waren. Florian Dehling trat erneut an und versenkte den Ball zum 4:3 im Netz. Erneut war der Favorit bis auf ein Tor herangerückt.
Die Schlussphase versprach pure Dramatik, und die Nerven der mittlerweile deutlich mehr als 35 Zuschauer wurden auf eine harte Probe gestellt. Es sprach sich im Ort schnell herum, was auf dem Sportplatz Kühnhausen gerade passierte, sodass zur Schlussphase rund 100 Menschen die Anlage säumten. Harz 04 witterte die Chance, die Serie der Ungeschlagenheit doch noch zu retten, und schnürte die Gastgeber tief in deren eigener Hälfte ein. Schönemann sah auf Erfurter Seite wegen Meckerns Gelb.
5:3 – Der finale Geniestreich besiegelt die Sensation
Kühnhausen wankte, aber das Defensivbollwerk hielt dem enormen Druck stand. In der 75. Minute bot sich dann der entscheidende Umschaltmoment, auf den alle gehofft hatten. Die Erfurter waren extrem weit aufgerückt, um den Ausgleich zu erzwingen, und vernachlässigten dabei die Restabsicherung sträflich. Gästetorwart Gocha Natradze stand in dieser Phase der totalen Offensive fast 20 Meter weit vor seinem eigenen Tor, um das Spiel als Libero nach vorne anzutreiben.
Nach einem wichtigen Ballgewinn am eigenen Strafraum fackelte Andreas Lienke nicht lange. Er sah die Lücke, erfasste die Situation blitzschnell und bewies eingutes Auge: Aus gut 45 Metern Entfernung setzte er zu einem sensationellen Lupfer an. Der Ball flog in einer perfekten Parabel über das gesamte Mittelfeld und den geschlagenen, zurückeilenden Erfurter Keeper hinweg, ehe er passgenau im Netz einschlug. 5:3. Der fünfte Streich des Mannes, der an diesem Samstagnachmittag schlichtweg nicht aufzuhalten war, und ein Tor für die Ewigkeit.
Eine leidenschaftliche Abwehrschlacht bis zum SchlusspfiffMit dem Drei-Tore-Vorsprung im Rücken galt es nun, die letzten 15 Minuten plus Nachspielzeit zu überstehen. Trainer und Mannschaft reagierten in der 70. Minute: Für den sichtlich erschöpften Arnold kam Michl in die Partie, um das Mittelfeldzentrum defensiv zu verdichten und die Räume vor der Abwehrkette eng zu machen. Harz 04 steckte auch nach dem erneuten Zwei-Tore-Rückstand nicht auf, doch der Glaube der Gäste war nach diesem 45-Meter-Nackenschlag endgültig gebrochen. Zu allem Überfluss verloren die Erfurter in der 87. Minute auch noch Will, der mit der Gelb-Roten Karte vorzeitig zum Duschen geschickt wurde. In der gleichen Minute brachte Harz noch einmal Beckert.
Kühnhausen verteidigte nun leidenschaftlich mit Mann und Maus. Jeder gewonnene Zweikampf von Pflaum oder Bodenstein im Mittelfeld wurde von der Bank und den Zuschauern gefeiert. Keeper Frank zeichnete sich in der Schlussphase noch zweimal bei gefährlichen Distanzschüssen aus und hielt den Vorsprung fest. Es war diese kollektive Willensleistung, die bewies: Dieses Spiel wurde zwar im Angriff von einem genialen Lienke veredelt, gewonnen wurde es aber in der Defensive von einer geschlossenen, füreinander kämpfenden Mannschaft.
Als der Schiedsrichter die Partie schließlich abpfiff, kannte der Jubel in Kühnhausen keine Grenzen mehr. Die Sensation war perfekt: Der FSV Kühnhausen II hatte dem bis dato ungeschlagenen Spitzenreiter FSV Harz 04 Erfurt eine empfindliche 5:3-Niederlage beigebracht.
Fazit: Für Andreas Lienke hingegen endete der Nachmittag nicht nur mit dem verdienten Applaus seiner Teamkollegen, sondern auch mit einer ganz besonderen Abrechnung in der Kabine. Aus den angedrohten zwei Euro Strafe für sein Zuspätkommen war durch die spontane Tor-Wette ein Guthaben geworden: Bei fünf erzielten Treffern und einem vereinbarten Satz von 50 Cent pro Tor schrumpfte seine "Schuld" in ein 50 Cent Plus und vielmehr noch hatte er sich ein dickes Plus auf dem Mannschaftskonto und einen festen Platz in den Anekdoten des Vereins erspielt. Ein historischer Nachmittag auf dem Sportplatz Kühnhausen, über den man im Verein noch Jahre später sprechen sollte.