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„In Nesse bin ich geboren – hab‘ mein Herz verloren – an den Fußballklub“ sangen sechs Jugendliche, ausgerüstet mit Megaphon und Trommel, mit beeindruckenden Durchhaltevermögen. Eine Fankurve ist in der 10. Liga selten, aber Nesse hat bei 630 Einwohner (mit Ostdorf 800) eine Vielzahl von Fußballfans. 70 Zuschauer waren dabei, eintschließlich der Ersatzspieler. Am überdachten Bratwurststand, so etwas wie die VIP-Tribüne, tummelten sich stets zwei Dutzend Leute. Branntwein mit Cola, Bier, Wurst. Eine ältere Frau, so um die 86, saß auf ihren Campingstuhl und begleitete das Spiel ohne Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, mit strengen, analytischen Blick. Beim Tor, das Eins zu Null, fiel so nach 25 Minuten, ballte sie beide Fäuste. Guter Fußball, alles junge Kerle, die sich taktisch diszipliniert verhielten, sofort ihre zugewiesenen Räume besetzten und auch in der Lage waren unter Gegnerdruck auf engen Raum Ballstafetten zu produzieren. Das Flutlicht auf den von erwachsenen Bäumen umrundeten Platz war bescheiden, fast fand das Spiel im leichten Dämmerton stand, was eine mystische Aura schuf. Höflich wurde der Eintritt von zwei Euro eingesammelt, sowieso wurde man als Fremder in Ruhe gelassen, verhielt sich aber nach gezeigter Bereitschaft zum Plaudern ausgesprochen kommunikativ. Guck mal einer an, du kommst aus der Stadt, hieß es, wobei mir als Bremer meine Stadt Norden weiterhin eher wie ein Großdorf vorkommt. Warum bist du hier? Weil ich wissen will, ob die Menschen hier irgendetwas haben, was ich bei der Betrachtung des Lebens vergessen habe – man nahm das ab, ließ es stehen, sagte „echt?“, nickte anerkennend und freute sich, dass ich fleißig mit aß und trank. Dann traf ich den wohl, so vermute ich, obersten Funktionär des Vereins, diskutierte anfangs mit ihm über die Neustrukturierung der ostfrieischen Fußballligen nach der Gründung des Fußballkreises Ostfriesland 2017, in welchen die ehemaligen Fußballkreise Aurich, Wittmund, Leer, Emden aufgingen. Die gesellschaftliche Komponente deutete sich in unserem Gespräch irgenwann an, ohne den FC, meinte ein Mithörender, wäre dieser Ort nicht das, was er ist, so verstanden, wie man mir freizügig erläuterte, dass hier einige junge Männer einen Bezugspunkt haben, ohne dem sie möglicherweise wenig gesellschaftsfähig wären. Kann ich zustimmen, ich war mal in meiner Jugend Kommunist, sagte ich ohne jeden Zusammenhang in der provozierenden Hoffnung auf eine überraschende Reaktion. Stattdessen kam, ja, ich auch, sodann ein gemeinsames Lachen, herzliches Händedrücken. Das Spiel war sehenswert. Was haben die Leute hier, was ich bei der Betrachtung des Lebens vergessen habe, fiel mir wieder meine erkenntnisorientierte Leitfrage ein, die all meine Besuche begleiten. Ein metaphysischer Schauer überkam mich mit dem obligatorischen Gefühl von Einsamkeit, der bei jedem Spielbesuch dabei ist; alsbald abgelöst von der Lust, das Spiel in Würde für alle Beteiligten zu verlassen. Ich sagte Tschüss zu allen, mit denen ich auch nur einen Halbsatz ausgetauscht hatte, erhielt keinerlei unangenehme Reaktion, sondern ein freundliches Komm‘ mal wieder. Nach 65 Spielminuten verschwand ich, genoss noch einen Blick über den im Dämmerlicht getragenen Platz, der mir sofort Caspar David Friedrichs Bild vom Mann am Meer durch den Kopf schießen ließ. Später las ich nach, dass der FC Nesse noch zwei weitere Tore schoß, der Gegner ein, Nesse also 3 zu 1 gewann. Der Verein ist nun im Mittelfeld der elf Mannschaften umfassenden 2. Staffel der 10. Liga (Ostrfieslandklasse B2). Nächstes Heimspiel in 14 Tagen, immer Freitags, 20 Uhr, Flutlicht.