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"Die Hauptstadt steht mehr im Fokus"

18.03.2013, 16:11 Uhr | FUSSBALL.DE

In Berlin erleben die Schiedsrichter immer mehr Diskussionen und Gewalt auf dem Platz. (Quelle: imago\Eisenhuth)

In Berlin erleben die Schiedsrichter immer mehr Diskussionen und Gewalt auf dem Platz. (Quelle: Eisenhuth/imago)

Von Sebastian Schlichting

Wenn es um Spielabbrüche und Gewalt auf Deutschlands Amateur-Fußballpätzen geht, ist immer wieder Berlin in den Schlagzeilen. In dieser Spielzeit wurden bislang 31 Partien vorzeitig beendet. Wie brisant ist die Lage auf den Plätzen wirklich? FUSSBALL.DE fragt einen absoluten Fachmann des Berliner Fußballs: Horst Bläsig (57) arbeitet mit Unterbrechungen seit 1989 für das Fachmagazin "Fußball-Woche" (FuWo), seit 2006 ist er Chefredakteur. Die FuWo berichtet jeden Montag auf über 50 Seiten über den Berliner Fußball. Im Interview spricht Bläsig über verschwundene Hemmschwellen, falschen Ehrgeiz und lebenslange Sperren.

Herr Bläsig, Sie beobachten den Berliner Amateur-Fußball seit Jahrzehnten. Wie hat sich das Klima verändert?
Horst Bläsig: Eine bestimmte Hemmschwelle ist verloren gegangen. Hoch her ging es auf dem Feld schon immer. Aufgebrachte Zuschauer, die den Schiedsrichter verbal attackieren, so etwas findet sich bereits in Spielberichten aus den 50er Jahren oder früher. Aber das bewusste in Kauf nehmen von Verletzungen, vor allem des Schiris, gab es früher nicht.

Wann ist diese Hemmschwelle verschwunden?
Das war ein schleichender Prozess, der sich in Berlin nach der Wende verschärft hat. Eine Zeit lang waren Partien zwischen Klubs aus dem Ost-Teil der Stadt und solchen mit Migrationshintergrund extrem brisant. Aber das Problem kann nicht darauf reduziert werden. Und es darf nicht losgelöst von den Entwicklungen in der Gesellschaft gesehen werden.

Was meinen Sie konkret?
Die generelle Verrohung der Gesellschaft, zum Beispiel mit tätlichen Angriffen auf U-Bahnhöfen oder öffentlichen Plätzen. Der Fußball existiert ja nicht in einem abgeschotteten Raum. Ich höre in letzter Zeit vermehrt von Leuten, die an sich begeisterte Fußballer sind, dass es ihnen keinen Spaß mehr macht.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.
Letztens hat in einem Seniorenspiel ein vom Platz gestellter Spieler einem Gegner, der am Boden lag, beim Gang in die Kabine ins Gesicht getreten. Das ist ein extrem widerliches Beispiel für den Sittenverfall. Wobei ich auch betonen möchte, dass solche krassen Szenen zum Glück die absolute Ausnahme sind. Wir haben pro Woche rund 200 Spieltexte im Blatt, auf das Jahr gerechnet haben wir etwas weniger als einen Abbruch pro Woche. Was auf der anderen Seite immer noch einer zu viel ist. Und manche Vorfälle etwa im Freizeit- oder Jugendbereich können wir gar nicht erfassen.

Horst Bläsig ist Chefredakteur des Fußball-Fachmagazins "Fußball-Woche". (Quelle: T-Online.de)Horst Bläsig ist Chefredakteur des Fußball-Fachmagazins "Fußball-Woche".Ist das Problem in Berlin größer als anderswo?
Die Hauptstadt steht mehr im Fokus als ein Spiel irgendwo auf dem Dorf. Und in einer Millionen-Metropole mit ihren sozialen Brennpunkten bleibt es nicht aus, dass sich ungelöste Konflikte auf den Fußballplatz verlagern. Was keine Entschuldigung für Gewaltexzesse sein soll. Das Thema darf nicht verharmlost, sollte aber auch nicht unnötig dramatisiert werden.

Sie haben mit den besten Überblick über die Gründe: Warum werden Spiele abgebrochen?
Abbruch ist nicht gleich Abbruch, da sollte mehr differenziert werden. Bei tätlichen Angriffen gegen den Schiedsrichter muss sofort Schluss sein. Allerdings lässt in den Kreisligen nicht nur die fußballerische Qualität nach. Auch die Schiris haben dort natürlich kein Bundesliga-Niveau und oftmals keine geschulten Assistenten.

Mit welchen Folgen?
Ihnen fehlt manchmal die Fähigkeit, deeskalierend einzuwirken. Spielabbrüche wegen Rudelbildungen würde es im Profi-Fußball nicht geben. Aber ich will hier in keinem Fall den Spieß umdrehen und den Schiedsrichtern die Schuld in die Schuhe schieben. Ich ziehe meinen Hut vor jedem, der sonntags seine Freizeit opfert. Egal in welcher Liga. Wer den Schiri angeht, muss bestraft werden, und zwar richtig hart. So wie ein Spieler 2011, der lebenslang gesperrt wurde, nachdem er den Schiedsrichter bewusstlos geschlagen hatte.

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Sie sprechen einen Vorfall aus der Freizeitliga an.
Das finde ich am erschütterndsten: Solche Vorfälle kommen im Vergleich öfter in den Ligen vor, in denen eigentlich ausschließlich der Spaß im Vordergrund stehen sollte, bei den Senioren oder eben in der Freizeitliga. Aber auch bei Jugendspielen ist zu beobachten, dass vor allem von den Eltern mit einem manchmal krankhaften Ehrgeiz an die Sache herangegangen wird. Das überträgt sich natürlich auf die Spieler.

Angenommen, es ist auf einem Berliner Sportplatz zu einem Abbruch gekommen. Wie ist das Prozedere der "Fußball-Woche"?
Wenn wir keinen eigenen Reporter vor Ort haben, gibt im Normalfall der Heimverein die Infos telefonisch durch. Meist ist das sehr sachlich. Bei Niederlagen ist die Tendenz eher da, den Schiedsrichter zu kritisieren. Wenn massive Kritik geübt wird und es zu gravierenden Zwischenfällen kam, sind unsere Mitarbeiter angehalten, beim Gegner und beim Schiri nachzufragen. Wäre die Berichterstattung einseitig, würde sich völlig zu Recht danach die andere Seite melden und dann haben wir über Wochen ein unnötiges Ping-Pong-Spiel.

Der Berliner Fußballverband (BFV) führt Integrations- und Präventionsprojekte durch. Wie beurteilen Sie das Engagement des Verbandes?
Der BFV tut sehr viel, fast alles ehrenamtlich. Er versucht, auf Zuschauer, Trainer, Spieler und Betreuer einzuwirken und bereits die verbale Gewalt einzudämmen. Wenn sich das Gesamtklima auf den Plätzen verbessern würde, hätten wir wahrscheinlich weniger tätliche Angriffe auf Schiedsrichter. Allerdings hat das Ganze einen Haken: Die Vereine, die immer wieder negativ auffallen, glänzen bei den Veranstaltungen oft durch Abwesenheit.

Herr Bläsig, zum Abschluss zwei Fragen: Was würden Sie den Schiedsrichtern raten?
Theoretisch ist das immer leicht gesagt. Aber vielleicht versuchen, ein bisschen die Anspannung rauszunehmen. Ein Lächeln oder ein ruhiges Wort können da schon hilfreich sein. Ich weiß aber auch, dass das nicht einfach ist, wenn bei manchen Begegnungen Spieler – und was fast noch schlimmer ist – Zuschauer von der ersten Sekunde an rumpöbeln.

Und den Vereinen?
Es müssen endlich alle verstehen: Ohne Schiedsrichter gibt es keinen Fußball. Ohne sie könnten wir den Laden in den unteren Klassen sofort dichtmachen.    


Quelle: FUSSBALL.DE

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