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High Noon in Hausen

24.07.2012, 17:32 Uhr | FUSSBALL.DE

Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas (Mitte) lässt anlässlich seines 50. Geburtstags ein Tonband ablaufen und somit eine Bombe platzen. (Quelle: imago)

Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas (Mitte) lässt anlässlich seines 50. Geburtstags ein Tonband ablaufen und somit eine Bombe platzen. (Quelle: imago)

Zoltan Varga macht nach 45 Minuten nicht mehr mit: "Denen mache ich die Sache kaputt." Die Mitspieler des ungarischen Mittelfeldstars von Hertha BSC haben am Nachmittag dieses 5. Juni 1971 mehr mit dem 26-Jährigen zu tun als mit Gegner Arminia Bielefeld. Der Abstiegskandidat soll ohnehin beim zweitstärksten Heim-Team der Bundesliga gewinnen. Der Abstiegskampf der Saison 1970/71 ist verkauft. Publik wird dies tags darauf: auf einem 50. Geburtstag in Offenbach-Hausen.

Punkt 12 Uhr drückt Jubilar Horst-Gregorio Canellas den Abspielknopf eines Tonbandgerätes. Pikante Telefongespräche hallen durch den sommerlichen Garten. Helmut Schön, ein Glas Orangensaft in der Hand, wird blass. Der Bundestrainer flüchtet. "Bitte, bitte stellen Sie mir dazu keine Fragen." Was Südfrüchtehändler Canellas aufgezeichnet und in diesem historischen Moment aufzutischen hat, erschüttert zunächst die Anwesenden – und in der Folge die gesamte Republik.

Offenbachs Trainer Klötzer: "Skandal"

Auf Nichtabstiegsplatz 15 geht der OFC ins Bundesliga-Finale 1970/71. Beim 1. FC Köln würde ein Unentschieden zur Rettung genügen. Bis zur 79. Minute - es steht 2:2 - haben die Hessen diesen Zähler im Sack. Dann aber treffen die Geißböcke noch zwei Mal.

Die Unterlegenen erfahren zudem vom Bielefelder Coup in Berlin. Die Arminia hat in Berlin am 34. und letzten Spieltag tatsächlich mit 1:0 gewonnen und den Klassenerhalt geschafft. Die Kickers wittern sofort einen "Skandal" (Trainer Kuno Klötzer), beschweren sich, "nach Strich und Faden verladen" worden zu sein (Verteidiger Walter Bechtold). Canellas bemerkt: "Ich wusste schon seit Tagen, dass wir geleimt werden. Diese Bundesliga-Saison wird nicht in der Tabelle entschieden, sondern vor der Staatsanwaltschaft." Der liefert Canellas mit seinen Aufzeichnungen den Stoff. Die Erklärung für das Unerklärliche sind am Telefon abgesprochene Ergebnisse.

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18 Spiele nachweislich verschoben

Canellas selbst hat – zum Schein – mit den Herthanern Bernd Patzke und Tasso Wild verhandelt. Sie verlangen insgesamt 120.000 Mark für sich und ihre Mitspieler, um Bielefeld zu besiegen. Der OFC bietet 140.000 Mark an. Letzten Endes aber machen die Arminen das Rennen. Alleine für jene 90 Minuten im Olympiastadion wechseln 250.000 Mark – 15.000 pro Hertha-Nase – die Besitzer. "Ist das Geld da?", fragt in der Halbzeitpause ein aufgeregter Zoltan Varga am Telefon seine Frau. Diese verneint. Bielefeld möchte erst die Punkte geliefert sehen. Varga aber beschließt, auszusteigen. Mehr als einen Lattenschuss lassen seine aufmerksamen Mitspieler in der zweiten Halbzeit, der letzten der Skandal-Saison, allerdings nicht zu.

Am 3. April 1971, dem Spieltag, als in Mönchengladbach im Duell mit Werder Bremen der morsche Torpfosten nachgibt, hat das schmutzige Spiel "Punkte gegen Geld" begonnen. 26 der 72 Partien an den letzten acht Spieltagen der Saison bieten sich zu Manipulationen an. Und nachweislich 18 davon werden verschoben – oder zumindest wird der Versuch dazu unternommen.

Der FC Meineid 04

Bielefelds kühnes Vorhaben, den Nicht-Abstieg zu kaufen, endet in der Annullierung aller Saison-Resultate der Ostwestfalen und im Lizenzentzug. Der trifft auch Kickers Offenbach. Canellas wird für Ämter im Fußball am 24. Juli 1971 gesperrt – und am 16. Dezember 1976 begnadigt. Spieler aus Berlin, Braunschweig, Duisburg, Köln, Oberhausen und Stuttgart werden bestraft, dazu sechs Funktionäre und die Trainer Egon Piechaczek aus Bielefeld und Oberhausens Günther Brocker. DFB-Chefankläger Hans Kindermann hat mit dem Verhängen von Strafen und Sperren 18 Monate lang zu tun. Insgesamt 52 Profis werden abgeurteilt.

14 kommen vom FC Schalke 04. Der Tabellen-Sechste hat am 17. April 1971 den Bielefeldern, die dafür 40.000 Mark berappen, einen 1:0-Auswärtssieg gestattet. Sieben Schalker und ein ehemaliger, die mit der Wahrheit erst nicht herausrücken wollen, müssen sich bis ins Jahr 1977 vor dem Landgericht Essen verantworten. Klaus Fichtel, Klaus Fischer, Jürgen Galbierz, Reinhard Libuda, Herbert Lütkebohmert, Rolf Rüßmann, Waldemar Slomiany und Hans-Jürgen Wittkamp begründen den "FC Meineid 04". An einer Gefängnisstrafe kommen diese Herren, die eine mögliche Schalker Meisterschaft verraten und ihre Karrieren im DFB-Trikot zumindest zum Teil zerstört haben, gerade so vorbei.

Eine Dummheit für 2.300 Mark

"Wie blöd konnten wir sein?", fragt sich 41 Jahre später Klaus Fischer. Der Bayer spielt noch bis 1988 in der Bundesliga, trifft insgesamt 268 Mal und wird – aufgrund des Skandals allerdings verspätet – erfolgreicher Nationalspieler. All das jedoch riskiert der seinerzeit 21-Jährige für 2.300 Mark. "Es ging nicht darum, Geld zu machen", erklärt Fischer Anfang 2012 in dem Buch "Ata, Ennatz, Susi, Yyyves" von Kai Griepenkerl. "Es ging darum, dem Bielefelder Waldemar Slomiany, der mit verschiedenen Spielern befreundet war, einen Gefallen zu tun." Im Sommer 1970 ist Slomiany von Schalke zu Bielefeld gewechselt.

Seine ehemaligen Kollegen machen neun Monate später nicht nur sich, "sondern auch dem Verein viel kaputt", wie Fischer feststellt. Der stürzt nach der Fast-Meisterschaft 1972 im Jahr darauf beinahe in die Zweitklassigkeit ab. "Dass wir alle zusammen so doof waren, ärgert mich am meisten", sagt Fischer heute.

Nigbur gehört zu den Ausgegrenzten

Ex-Kollege Norbert Nigbur ärgert sich auch. Denn: "Da passte alles zusammen. Und dann kam der Bundesliga-Skandal." Einer der besten deutschen Torhüter wusste 1971 allerdings von nichts. "Während der manipulierten Spiele saß ich mit einer Meniskusverletzung auf der Tribüne. In der Kabine wurde getuschelt, aber wenn ich reinkam, war plötzlich Stille. Diejenigen, die nichts damit zu tun hatten, haben sich gefühlt wie Aussätzige", formuliert Nigbur deren Frust in "Ata, Ennatz, Susi, Yyyves". "Keiner der Spieler hat es geschafft, darüber zu sprechen – zumindest nicht mit mir."


Quelle: FUSSBALL.DE

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