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Das Ausmaß des Söldnertums im Amateurfußball

14.11.2012, 09:18 Uhr

Fanproteste gegen "Söldnertum im Fußball" (Quelle: imago)

Fanproteste gegen "Söldnertum im Fußball" (Quelle: imago)

Von Benjamin Crisolli

Fußball spielen aus Spaß an der Freude? Was früher selbstverständlich war, ist heute für viele Kicker nicht mehr der einzige Grund, sich einem Verein anzuschließen. Tim Frohwein, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Fresenius in München, untersuchte in seiner Diplomarbeit unter anderem, wie hoch der Anteil der Kreisklasse-, Kreisliga- und Bezirksliga-Spieler ist, die Geld mit ihrem Hobby verdienen. Das Ergebnis seiner Studie ist erstaunlich. Im Interview mit FUSSBALL.DE spricht der Soziologe über die Bezahlmentalität im unteren Amateurbereich, das Problem der Verpflichtung von "Fußball-Söldnern" und einer neuen Gegenbewegung.

FUSSBALL.DE: Herr Frohwein, Sie haben Ihre Diplomarbeit unter dem Titel "Amateurvereine als Orte der Mobilisation sozialen Kapitals" verfasst. Was darf man sich darunter vorstellen?
Tim Frohwein: Grundsätzlich wollte ich in meiner Arbeit herausfinden, wie Amateurfußball-Netzwerke genutzt werden, also ob Spieler über Vereinskameraden günstiger an Dienstleistungen kommen, durch persönlichen Kontakt im Fußballverein vielleicht leichter einen neuen Job finden oder etwa Tipps bei der Wohnungssuche erhalten. Das war mein Hauptanliegen. Ich hatte darüber hinaus aber noch im Kopf zu ermitteln, ob bezahlte Fußballer im Amateurbereich eine andere Einstellung zum Verein haben als Vereinsmitglieder, die für das Fußballspielen kein Geld bekommen.

In Ihrer Arbeit haben Sie 200 Münchner Amateurkicker befragt. Aus welchem Ligen kamen diese?
Generell lässt sich der Amateurfußball in zwei Klassen einteilen. Wir haben einmal den gehobenen Amateurbereich, der ein bisschen professioneller ist. Hier ist vor allem Geld im Spiel und die Strukturen sind besser. So gibt es Masseure oder Physiotherapeuten und auch die Trainingsintensität ist höher. Und dann kommt der untere Amateurbereich, in dem das Training seltener und unter weniger professionellen Bedingungen stattfindet. Zudem steht in den unteren Klassen die Geselligkeit im Vordergrund. In meiner Studie habe ich Hobbyfußballspieler von der C-Klasse bis in die Bezirks-Oberliga befragt, also eher das untere Amateursegment.

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Sie haben bei Ihrer Untersuchung einen Unterschied zwischen unbezahlten und bezahlten Amateurfußballer ausgemacht. Welcher war das?
Das war eigentlich der eindeutigste Zusammenhang, den ich in meiner Arbeit aufdecken konnte. Spieler, die vom Verein kein Geld für das Fußballspielen bekommen, schätzen die Geselligkeitsdimension des Amateurfußballs viel stärker. Was bedeutet, dass diese nach dem Training länger im Vereinsheim sitzen bleiben, mal ein Bierchen trinken und auch private Sorgen und Probleme mit ihren Freunden teilen. Bei den bezahlten Amateurspielern ist dies viel seltener der Fall.

Laut Ihrer Studie bekommen viele Fußballer schon in den unteren Klassen Geld. Wie stellt sich die Zahlungsbereitschaft dar?
Die genauen Summen konnte ich nicht abfragen, da das natürlich keiner so genau angeben würde. Häufig erhalten Spieler unter der Hand Geld, da die Vereine Angst haben, dass dies Unruhe in die Mannschaft bringt. Generell ist die Zahlungsbereitschaft der Vereine aber hoch. So erhielten 86,2 Prozent der befragten Bezirksligaspieler Geld für ihr Hobby. In der Kreisliga waren dies 55,2 Prozent, in der Kreisklasse immerhin noch 30,8 Prozent.

Nun haben Sie festgestellt, dass das Bezahlen von Fußballspielern auch eine Auswirkung auf deren Wechselwilligkeit hat.
Spieler, die nicht bezahlt werden, wechseln alle 5,6 Jahre den Verein, während bezahlte Amateurspieler im Schnitt nur 2,8 Jahre bei einem Verein bleiben. Wenn Vereine also Spieler für das Kicken bezahlen, müssen sie künftig mit einer starken Fluktuation rechnen. Denn die Spieler schauen sich natürlich ständig um und fragen sich: Gibt es neue Vereine mit einem vielleicht lukrativeren Angebot?

Die Zahlungswilligkeit scheint ungebremst. Woher nehmen die Vereine das Geld?
Ich führe dies auf die zunehmende Verbreitung von Mäzenen im Amateurfußball zurück und glaube, dass Abramowitsch & Co. für viele wohlhabende Leute in gewisser Weise auch ein Vorbild sind.

Inwiefern?
Sie wollen den eigenen Verein, den Verein des Herzens, helfen und greifen ihm daher finanziell unter die Arme. Das Problem an der Sache ist, dass diese Vereine mit den bezahlten Spielern ihre eigene Identität verlieren. Der Verein steigt vielleicht eine oder zwei Klassen auf und hat kurzfristig Erfolg. Doch wenn der Gönner sich dann wieder zurückzieht und das Geld langsam ausgeht, geht es meist auch sportlich wieder bergab. Diese Klubs erleiden dann einen Imageschaden und auch die Fans sind weg. Das kann man immer wieder beobachten.

Tim Frohwein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Fresenius in München. (Quelle: Privat)Tim Frohwein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Fresenius in München.

Das Ziel durch Geld sportlichen Erfolg herbeiführen zu wollen, ist also gefährlich?
Ich glaube auf jeden Fall, dass das Erzwingen von Erfolg durch das Anwerben von Spielern, die nur auf Grund des Geldes kommen, das Kollektiv schädigt. In den Vereinen geht die Geselligkeit gänzlich verloren, weil die bezahlten Spieler nach dem Training eben nicht länger im Vereinsheim zusammen sitzen oder geselligen Events, wie etwa der Weihnachtsfeier fern bleiben. Aber genau das sind die Geschichten, die einem Amateurverein Identität stiften und für viele Spieler mindestens genauso wichtig sind, wie das Fußballspielen an sich. Genau das wird durch das Bezahlen von Amateurfußballern kaputt gemacht. Langfristig gibt es aber noch einen weiteren negativen Effekt. Wenn die Zahl derjenigen, die eine emotionale Bindung zum Verein haben, geringer wird, sinkt auch die Zahl jener Personen, die bereit sind, sich im Verein ehrenamtlich zu engagieren. Dann fallen auch noch die Personen weg, die unter der Woche die Trikots waschen, bei der Durchführung von Vereinsveranstaltungen helfen oder sich zum Beispiel als Jugendtrainer engagieren.

Kann man im Amateurfußball von "Söldnertum" sprechen?
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema kommt diese Bezeichnung vor. Das Wort ist natürlich emotional vorbelastet, aber ich würde durchaus von "Söldnertum" im Amateurbereich sprechen. Es trifft den Kern der Thematik. Die Leute suchen nach Bezahlung und legen weniger Wert auf das eigentliche Vereinsleben im Amateurfußball.

Stirbt der vereinstreue Spieler, der viele Jahre beim gleichen Verein aktiv ist, aus, oder ist die Bezahlmentalität nichts Neues?
Es gab schon in der Vergangenheit Geldzahlungen im Amateurfußball. Diese wurden aber immer nur sporadisch getätigt. Ich denke nicht, dass der vereinstreue Spieler ausstirbt. Früher gab es ihn aber bestimmt häufiger. Mittlerweile wird vielen Klub-Verantwortlichen bewusst, was diese Bezahlungen zur Folge haben. Sie merken, dass es keinen Sinn macht, wenn im nächsten Jahr wieder drei Amateurkicker den Verein verlassen und vier neue Bezahlte dazu kommen. Sie wehren sich gegen diese Söldnermentalität, grenzen sich bewusst ab und wollen ein Vorbild sein. Sie wissen, was passiert, wenn sie Spieler mit Geld locken und wollen dies verhindern. Ich glaube, dass dies mittlerweile sogar eine richtige Gegenbewegung ist.

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