29.11.2012, 08:28 Uhr | FUSSBALL.DE
So eng, wie hier beim Spiel des VfB Hermsdorf (in rot) gegen Tennis Borussia geht es auch in der Tabelle der Berlin-Liga zu. (Quelle: Andreas Sprdlik - www.sprdlik.de)
Von Sebastian Schlichting
In der Bundesliga zieht Bayern München einsam seine Kreise. Wer weniger als zehn Punkte Rückstand hat, wird flugs zum Bayern-Jäger ausgerufen. Wechseln wir die Liga: Der 1. FC Wilmersdorf ist dann analog zur Bundesliga auch ein Spitzenreiter-Jäger, liegt momentan neun Punkte hinter Tabellenführer BSV Hürtürkel - und das als 13. in der Berlin-Liga (6. Liga). Willkommen in der wahrscheinlich spannendsten Spielklasse Deutschlands. Der Liga, in der nach 16 Spielen mehr als zwei Drittel der 18 Mannschaften um die Meisterschaft spielen.
Selbst die Reinickendorfer Füchse auf dem ersten Nicht-Abstiegsplatz haben nur elf Zähler weniger als der Führende. In der Berlin-Liga geht es enger zu als auf der Berliner Stadtautobahn im Feierabendverkehr. Quasi Stoßstange an Stoßstange schieben sich die Mannschaften durch die Saison.
"Das ist verrückt", sagt Jörg Schmidt. Er muss es wissen. Der 54-Jährige trainiert den VfB Hermsdorf seit 17 Jahren, davon 15 in der Berlin-Liga, die damals noch Verbandsliga hieß. Aber an eine solche Konstellation kann sich auch der Liga-Dauerbrenner nicht erinnern.
Hermsdorf gehört zu den vier Teams, die bereits Tabellenführer waren. Sogar sieben verschiedene Vereine haben sich schon auf Rang zwei eingefunden. Schmidts Hermsdorfer, vor der Saison eher weit unten gehandelt, sind Vierter. Passend zur Saison der Überraschungen ist mit Hürtürkel ein Aufsteiger die momentane Nummer eins. Trotz eines Unentschiedens am letzten Spieltag gegen Club Italia, den – Sie ahnen es – Tabellenletzten. In dieser kuriosen Liga ist nur sicher, dass rein gar nichts sicher ist.
"Ist doch schön, wenn jeder gegen jeden was holen kann. So bleibt es spannend", sagt Schmidt. Da gab es in den vergangenen Jahren in der Berlin-Liga schon ganz andere Szenarien. Überflieger-Teams setzten sich schnell ab, interessant war dann nur der Kampf gegen den Abstieg.
Diesmal ist alles anders. "Auch den hochgehandelten Teams fehlt die Konstanz", sagt Bernd Karkossa, der seit 2001 für das Fachblatt "Fußball-Woche" über die Liga berichtet. Hertha 03 Zehlendorf, deutschlandweit bekannt durch seine Nachwuchsabteilung, und Eintracht Mahlsdorf waren favorisiert, finden sich aber momentan im Verfolgerfeld wieder. So wie fast der ganze Rest der Liga. Eine Prognose, wann sich die Tabelle entzerren wird, wagt Karkossa lieber nicht. Er ist vorsichtig geworden. Kein Wunder angesichts einer Liga, in der es derzeit schon eine bemerkenswerte Meldung ist, wenn eine Mannschaft länger als einen Spieltag oben steht.
Freuen dürfen sich auf jeden Fall die Zuschauer. Selbst jene, deren Klubs die Berlin-Liga nicht als ihre natürliche Umgebung ansehen. Wie der ehemalige Bundesligist Tennis Borussia, aktuell Tabellensiebter. TeBe-Fan Denis Hardt hat sein erstes Spiel 1986 gesehen, seit 20 Jahren ist er Stammgast und hat den Verein in allen Ligen von der zweiten bis zur sechsten begleitet. "So eine Spannung habe ich noch nie erlebt. So macht selbst die sechste Liga Spaß", sagt Hardt.
Quelle: FUSSBALL.DE
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