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"Pfeif doch ooch mal für die Kleenen"

09.03.2013, 10:33 Uhr | FUSSBALL.DE

Peter Stark in Erwartung eines Eckballs während der Auswärtspartie bei Waldhof Mannheim.  (Quelle: imago/Kicker/Eissner)

Peter Stark in Erwartung eines Eckballs während der Auswärtspartie bei Waldhof Mannheim. (Quelle: imago/Kicker/Eissner)

Von Sebastian Schlichting

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher mitprägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 3: Blau-Weiß 90 Berlin, inzwischen SV Blau Weiss Berlin, Bezirksliga, Staffel 2.

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1984 ist Helmut Kohl noch gar nicht so lange Bundeskanzler, Franz Beckenbauer wird Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft, in der Bundesliga spielen unter anderem Bayer Uerdingen und Waldhof Mannheim. Und in der 2. Liga gibt es ein neues Gesicht: Blau-Weiß 90 Berlin. Kapitän ist Peter Stark, im Hauptberuf Obsthändler. Er arbeitet im Geschäft seines Vaters. Arbeitszeit von drei Uhr bis 13 Uhr. Nun verschieben sich die Prioritäten. Stark erfüllt sich mit knapp 30 Jahren seinen Traum vom Profi-Fußball, hat aber in den ersten Spielen noch keinen Profi-Vertrag. Also heißt es zunächst bei Heimspielen: Fruchthof, frisch machen, zum Stadion fahren, auflaufen. "Vor Auswärtsspielen konnte ich mich ausschlafen, da war ich immer eine Klasse besser", sagt Stark.

Von Erich Ribbeck berufen

Blau-Weiß 90 ist Geschichte, der Nachfolgeklub SV Blau Weiss Berlin spielt in der Bezirksliga. 8. Liga, so tief wie kein anderer ehemaliger Bundesligist. Stark ist inzwischen 58 Jahre alt. Er ist längst wieder in seinem alten Job tätig, inzwischen selbständig, fünf Angestellte. Er spielt bei seinem Heimatklub Union 06 in der Ü50. 1976 war er mit dem Verein Berliner Meister und wurde später von Erich Ribbeck in die Amateur-Nationalmannschaft berufen. "Union ist meine Heimat, aber bei Blau-Weiß hatte ich die schönste Zeit", sagt er. Dort kam er auf 127 Zweitligaspiele und eine Saison in der Bundesliga. Alles als Kapitän.

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Die Sportliche Vereinigung Blau-Weiß 1890 spielte bis Anfang der 80er Jahre im damaligen West-Berlin keine herausragende Rolle, sie war in der Ober- oder Landesliga (4. Liga) beheimatet. Der größte Erfolg – Deutscher Meister 1905 unter dem Namen Berliner TuFC Union 92 – lag ewig zurück. Für Aufsehen sorgte die B-Jugend, als sie 1979 mit Rüdger Vollborn im Tor die deutsche Meisterschaft holte.

Gesucht bei "Aktenzeichen XY"

1982 begann der rasante Aufstieg: "Im ICE-Tempo nach oben", schrieb das Berliner Fachblatt "Fußball-Woche" in einer Rückschau vor einigen Jahren. 1983 ging es in die Oberliga, 1984 in die 2. Liga, 1986 in die Bundesliga. Weniger Anlass zum Jubilieren gab "die Finanzakrobatik in Berlin" ("DER SPIEGEL"). Der DFB beäugte den Verein Jahr für Jahr sehr sorgfältig und erteilte die Lizenz nur mit strengen Auflagen. In Person von Konrad Kopratschek war ein Geschäftsmann am Werk, der schon 1976 bei "Aktenzeichen XY" gesucht worden und später wegen Kreditbetrugs verurteilt worden war. Ein Jahr vor dem Bundesliga-Aufstieg trennte sich der Verein von Kropatschek. Beim Thema Finanzen blieb Blau-Weiß trotzdem ein Sorgenkind.

Die Mannschaft von Trainer Bernd Hoss, der lange vor der Einführung der Coaching Zone mitunter gestikulierend an der Eckfahne auftauchte, bereitete den fußballerisch darbenden Berlinern dagegen viel Freude. "Wir hatten ein tolles Team, haben immer nach vorn gespielt", erinnert sich Stark. Das wurde nach anfänglicher Skepsis honoriert: Bei mageren 3500 lag der Schnitt in der ersten Zweitliga-Saison. In der Bundesliga – als die sonstige Nummer eins Hertha BSC nur drittklassig war – trotz des sofortigen Abstiegs bei fast 22.000. Eine für Mitte der 80er Jahre durchaus üppige Zahl.

Karl-Heinz Riedle kann es allein nicht richten

18 Punkte standen am Saisonende (für einen Sieg gab es zwei Zähler), 22 hätten zum Klassenerhalt gereicht. "Vorne hat uns ein richtig guter zweiter Stürmer gefehlt", sagt Stark. Der ganz am Anfang seiner Karriere stehende Karl-Heinz Riedle konnte es im Alleingang nicht richten. "Und vielleicht hat uns auch insgesamt ein Quäntchen gefehlt", so Stark, der die liegen gelassenen Punkte aus dem Kopf aufzählt, als wäre die Saison vorgestern zu Ende gegangen: "Gegen Düsseldorf führen wir 1:0 und verlieren 1:2. Gegen Stuttgart steht es 0:0, wir reklamieren Elfer und kriegen im Gegenzug das 0:1." In Uerdingen forderte Stark den Schiedsrichter auf: "Pfeif doch ooch mal für die Kleenen." Blau-Weiß verlor 1:2, nachdem es lange 1:1 stand. Die Liste ließe sich fortsetzen. Letztlich reichten die Höhepunkte nicht aus, um drinzubleiben: etwa ein mehr als verdientes 1:1 gegen den FC Bayern München.

Für den deutschen Fußball ist der Höhenflug des Vereins aus dem Stadtteil Mariendorf ein Kapitel unter vielen, Blau-Weiß ist in der ewigen Bundesliga-Tabelle auf Rang 49 gelistet. Beim Vereinsnamen dürften viele zuerst an einen legendären Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" denken, bei dem die Mannschaft mit Schlagersänger Bernhard Brink "Wir sind heiß auf Blau-Weiß" zum Besten gab.

"Wir haben auch viel gefeiert"

Für Stark und seine Mitspieler war es eine unvergessliche Zeit. Vor allem bezogen auf die 2. Liga sagt er: "Wir haben auch viel gefeiert." Nach einem 4:0 in Duisburg stürmte die ganze Mannschaft den Hotel-Pool, in Saarbrücken kehrte Blau-Weiß nach dem Sieg per Polonaise ins Hotel zurück. Und im Flugzeug nach siegreichen Auswärtsspielen gehörte Stark zum Trio, das sich "3x3" gönnte. Je drei Whiskey für drei Spieler. Wobei der Sieg nicht unbedingt Voraussetzung war.   

Fans, die in den blau-weißen Erfolgsjahren dabei waren, erinnern sich an Schmonzetten aus einer anderen Fußball-Zeit: Ein Spieler, der nach dem Training komplett entkleidet aus der Kabine kam und Autogramme schrieb.  Oder ein anderer, der kurz vor einer Auswärtspartie in der Telefonzelle vor dem Stadion mit seiner Frau telefonierte.

Neuanfang in der Kreisliga C

Nach dem Abstieg 1987 hielt sich Blau-Weiß noch einige Jahre in der 2. Liga, die Zuschauerzahlen gingen schnell wieder zurück. Die einmalige Chance, Hertha BSC in der Zuschauergunst dauerhaft abzuhängen, war vertan. Um es mit einem Fanartikel-Verkäufer aus einem TV-Beitrag von 1988 zu sagen: "Der Vakoof looft nich mehr so jut." Das bittere Ende kam 1992: Konkurs, Neugründung in der Kreisliga C.  "Wir mussten Blau-Weiß sterben lassen, obwohl heute manche Oberliga-Vereine mehr Schulden haben als wir damals", so der heutige Ehrenvorsitzende Siegfried Hahn in der Zeitschrift "11Freunde". Der SV Blau Weiss ist momentan in der Bezirksliga auf Aufstiegskurs. Zu Jahresbeginn gewann man das Bezirksliga-Hallenturnier und schlug dort Hertha BSC. Es war Herthas dritte Mannschaft. 

Quelle: FUSSBALL.DE

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 (Quelle: abc)