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Die Millionaros aus Charlottenburg

06.05.2013, 17:44 Uhr | FUSSBALL.DE

Ansgar Brinkmann (li.)  und TeBe-Trainer Winfried Schäfer. (Quelle: imago\hoehner)

Ansgar Brinkmann (li.) und TeBe-Trainer Winfried Schäfer. (Quelle: hoehner/imago)

Von Benjamin Crisolli

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher mitprägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 14: Tennis Borussia Berlin, Berlin-Liga.

Es ist der 28.Oktober 1998. Im Achtelfinale des DFB-Pokals trifft das im Sommer in die Zweite Liga aufgestiegene Team von Tennis Borussia auf den großen Stadtrivalen Hertha BSC. Hertha führt im Olympiastadion 1:0, doch der Außenseiter dreht das Spiel auf sensationelle Art und Weise. 4:2 gewinnen die damals aufstrebenden Charlottenburger, womit Hertha noch gut bedient ist. Die vielen neutralen unter den 40.000 Zuschauern feiern die von Hermann Gerland trainierte Mannschaft mit jedem Treffer lauter. Die Rangordnung im Berliner Fußball ist für einen Tag außer Kraft gesetzt: "Am nächsten Tag sind die Leute in Berlin in Lila rumgelaufen. Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass es danach nur noch bergab ging", erinnert sich Denis Roters, der seit über 20 Jahren mit Leib und Seele Fan der Veilchen ist. Er engagiert sich seit langem in der Fanszene und war unter anderem Mitbegründer des Forums "Lila Kanal".

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Bergab ging es in der langen Geschichte der Lila-Weißen des öfteren, aber beileibe nicht immer. 1974 und 1976 spielte TeBe je ein Jahr in der Bundesliga. Trainer war unter anderem Fußball-Weltenbummler Rudi Gutendorf, der sogar seinen Daimler versteigerte, um Geld für neue Spieler zu erlösen. Von 1928 an hatte der Klub vier Mal am Stück im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft gestanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Berliner Tennis-Club Borussia, so der zwischenzeitliche Name, vorübergehend die Berliner Nummer eins.

Roberto-Blanco-Komponist will hoch hinaus

Nach dem Abstieg 1977 spielte TeBe einige Jahre in der noch zweigleisigen 2. Liga. Danach hieß die sportliche Heimat lange Oberliga Berlin, die Gegner Rapide Wedding oder Traber FC.1992 stieg Jack White ein, der einst selbst für den Verein gespielt hatte. Der Musikproduzent, der mit bürgerlichen Namen Horst Nußbaum heißt, wollte den Verein zurück in die Bundesliga führen. 500.000 DM machte der Produzent von so bekannten Größen wie Tony Marshall, Roberto Blanco oder Roland Kaiser dafür locker.

"Der Einstieg von White geschah zu einer Zeit in der Vereinspatriarchen im Profifußball noch eine große Rolle spielten. Nur wenige Jahre später kehrte er aber TeBe über Nacht den Rücken. Wir standen vor dem existentiellen Nichts“, so Roters. Kurz vor dem finanziellen Ruin hängte sich der klamme Regionalligist 1995 dann einer undurchsichtigen Kapitalgesellschaft an den Hals. Zwischen den Optionen Göttinger Gruppe oder Konkurs wählte man die erste. Und hatte damit zunächst Erfolg.

Mit Winfried Schäfer in die Champions League

Die Fans hatten beim Einstieg des Investors, der TeBe lediglich zu seiner profitablen Tochterfirma machen wollte, ein mulmiges Gefühl, freuten sich aber über die Verpflichtung neuer Stars. Francisco Copado und Jens Melzig wurden aus der Bundesliga mit einem fürstlichen Gehalt in die Regionalliga gelockt. Der Aufstieg in die 2. Liga gelang 1998. Und der Neuling stand mit Trainer Hermann Gerland in der Tabelle bestens da. Doch dann wurde der erfolgreiche Gerland im Herbst weggeschickt, Begründung: Er hätte zu lange in Sachen Vertragsverlängerung gezögert. Assistent Stanislav Levy wurde zum neuen Cheftrainer befördert. Auch er musste schon nach wenigen Monaten für die sehr viel prominentere Lösung Winfried Schäfer seinen Trainerstuhl räumen.

Mit Winfried Schäfer wollte TeBe Berlin hoch hinaus. (Quelle: imago\contrast)Mit Winfried Schäfer wollte TeBe Berlin hoch hinaus.Da hatte längst der Größenwahn Einzug gehalten. Beim Zweitligisten, der vor ein paar Tausend Leuten spielte, fielen plötzlich Begriffe wie Champions League. 80 Millionen Mark pumpte die Finanzholding Göttinger Gruppe durch Anlegerinvestments in den Verein. TeBe wurde besonders im Osten der Republik als Großkotz wahrgenommen. Sie galten als die Millionaros aus Charlottenburg.

"Als Gerland und Levy gehen mussten und Winfried Schäfer das Zepter übernahm, war der Bruch zwischen Verein und Fans endgültig vollzogen", sagt Roters heute rückblickend. Anfeindungen und Beschimpfungen war der Klub seit dem Aufstieg in die 2. Liga gewohnt. Nun blickte die eigene kleine Fan-Szene selbstkritisch und mit viel Galgenhumor auf Tennis Borussia. Da aber die entscheidenden Positionen mit den Geschäftsleuten aus der Göttinger Gruppe besetzt waren, lag das Mitspracherecht der Fans bei Null. Das schweißte die Anhänger zusammen.

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Tennis Borussia verschwindet in der Versenkung

Mit Stars wie Ansgar Brinkmann, Sasa Ciric, Enrico Kern, Uwe Rösler oder Sergej Kirjakow stellte TeBe unter Schäfer den bis dato teuersten Zweitligakader aller Zeiten. Doch trotz der hohen Investitionen entkam der Verein erst am letzten Spieltag der Saison 1999/2000 dem Abstieg. Auch die Göttinger Gruppe geriet in Schwierigkeiten. Ihr wurde Anlagebetrug vorgeworfen. Das Lizensierungsverfahren für die neue Saison geriet daher zum Fiasko. Die Charlottenburger mussten den Zwangsabstieg wegen "merkwürdiger Geschäftsgebaren" antreten. Auch die Regionalliga war nicht mehr zu halten.

Charlie Chaplin gibt 1999 das Fernziel von aus. (Quelle: imago\camera4)Charlie Chaplin gibt 1999 das Fernziel von aus.

Trakt mit Saunabereich und Entmüdungsbecken

Heute spielt man in der sechstklassigen Berlin-Liga. An die große Vergangenheit erinnert nur das altehrwürdige Mommsenstadion mit Sauna und Entmüdungsbecken. Einen Hauptsponsor sucht man vergeblich. Viele kleine Unternehmen unterstützen den Traditionsklub. Der sechsstellige Betrag, den der Verein jede Saison aufbringen muss, wird zusätzlich durch Fanaktionen und kreative Partys gestemmt.

Durch die Verschlechterung der finanziellen Lage haben die Anhänger des Klubs im Laufe der Jahre wieder an Einfluss gewonnen. "Im Prinzip ist es so, das wir jetzt der Verein sind. Sonst ist ja keiner mehr da", sagt Roters. Der größte Wunsch des Fans ist, "dass der Verein einfach weiter existiert." 111 Jahre ist Tennis Borussia am 9. April 2013 geworden. An die Zeit mit der Göttinger Gruppe, als der Verein von der Champions League träumte, ist nur noch ein Kalauer übrig geblieben. Frage: "Wo bitte geht`s zu Tennis Borussia?" Antwort: "Immer den Bach runter!"

Quelle: FUSSBALL.DE

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